Jurymitglied Marcel Beyer über die Zurückhaltung der Jury, seine ersten Leseeindrücke und die Kompromisslosigkeit des Schreibens

Als Jurymitglied sind sie während der Lesungen zum Schweigen verdonnert – wie lassen Sie die Lesungen auf sich wirken?

Ich habe nur ganz kurz in die Anthologie hineingeblättert, um einen ersten Eindruck zu gewinnen und dann die Teilnehmer bei der Eröffnungsveranstaltung das erste Mal gesehen, ohne zu wissen, wer welchen Text geschrieben hat – und erst heute sehe ich Gesicht und Text gleichzeitig. Gerade geht es mir so, dass ich gerne über die Texte sprechen und Anmerkungen machen würde. Insofern ist das Schweigen schon schwierig, aber es ist ja auch ein Wettbewerb und keine Schreibwerkstatt, also zwinge ich mich zur Zurückhaltung.

Wie beurteilen Sie die Lesungen bisher?

Ich bin tatsächlich hingerissen von jedem Text, jeder Text zieht einen woanders hin, in eine eigene Welt, das ist ein großartiges Erlebnis. Das ist es ja auch, was viele über diesen Wettbewerb sagen: Allein dazusein, und vor so einem Publikum seine Texte zu lesen, das ist schon eine Auszeichnung. Einen Gewinner wird es natürlich geben müssen, aber die Texte, die hier präsentiert werden, haben alle ihre eigene Qualität und werden ihre Leser finden, ob preisgekrönt oder nicht.

Was würden Sie jungen Autoren raten, die heute schreiben?

Das Wichtigste ist, sein Ding zu machen. Informiertheit und der gegenseitige Austausch sind natürlich unerlässlich, aber wenn es ans eigene Schreiben geht, sollte man absolut kompromisslos sein. Ich finde es trotzdem toll, wie sich junge Autoren über das Internet und soziale Netzwerke austauschen – in den Schreibgruppen, die ich aus eigener Erfahrung kenne, war das viel mühsamer. Die gegenseitige, ortsungebundene Vernetzung bietet da ganz andere Möglichkeiten, über sich, die eigene Arbeit und auch Autorschaft ganz neu nachzudenken.

Vielen Dank!