Ein einsames Haus. Im Garten ein Grab: der Junge. Pelusa, die Frau, verlässt nach einem Streit das Haus, und der Ich-Erzähler wartet.

Sicher und unangestrengt platziert Juan S. Guse seine Details, lenkt den Blick gemächlich, genau. “Aus der Küche habe ich einen Blick auf den See und die Anden. Ich entferne das kaputte Fenster, es bröckelt in die Spüle.” Die Gedanken des Protagonisten schweifen ab und mit ihm die Erzählung, zu den Nachbarn, deren Hunden, die sich zum Jagen verabreden. Pelusa haben die Hunde die Finger abgebissen. Gefährliche als Meute bedrohen sie die zaunlose Idylle. (Wie kam wohl der Junge zu Tode?)

Leise wird der Realismus zum Schluss hin phantastisch:

“Als ich aufstehe, sind die Hunde da. Es klingt wie Rufe. Ich gehe zu ihnen, trete aus dem Haus auf die Straße. Es sind Tausende. Sie freuen sich über mich, formen einen Strudel, stellen sich auf ihre kräftigen Hinterbeine. Sie sind unzählig, reichen bis zum See hinunter, sitzen im Gestrüpp, in den Ästen der Bäume, auf unserem Dach, auf den Stromleitungen.”

Der Erzähler flüchtet auf’s Dach.

“Ich kann jetzt alles sehen, den Garten, den Erdhügel, den See, die Anden und alle Kronen der Bäume, die in der Steile nach unten verschwinden und den Mischwald, der sich über den Hang legt wie eine Decke und das Haus, denke ich, ist eine Landmarke am Kilometer 79 . Dann drehe ich mich zum Hang, versuche, die Straße aus Erde hinaufzuschauen, fokussiere den Bogen, den sie bei den Zypressen schlägt, als würde ich darauf lauern, dass etwas aus seinem Bau springt. Ich warte auf Pelusa”.

Erdiges, zartes Erzählen. Atmosphärisch, auch im Vortrag. Ein, wie ich finde, überzeugender Einstieg in den Wettbewerb des 20. open mike.

Stimme zwei:
vectorkuemel

Ich hätte lachen wollen: Es ist die helle Freude. Ein Lehrstück über die Bauchmuskelbewegungen, die es braucht, um einem Text das Lachen zu verkneifen. Subtile Kontraktionen zwischen Pathos und Bathos, zwischen wahnwitzigen Würfen und präziser Detailarbeit.

„Seitdem Pelusa ihre Finger an einen Hund verloren hat und sie es ablehnte, sich ihre Fußzehe als Daumen transplantieren zu lassen, sammeln wir keine Früchte mehr im Wald, sondern fahren stundenlang raus in die nächste Ortschaft, um Obst zu kaufen, das wir verkochen und zu Marmelade verarbeiten.“

Überdreht er? Kriegt er noch handfeste Slapstick an unseren Schläfen vorbei durchs Fenster geworfen, kriegt er im Nebensatz noch ein Kind im Garten begraben, folgen wir diesem Erzähler noch zum surrealen Finale aufs Dach? Unbedingt. Denn so skurril das ganze Szenario ist, so gründlich ist es geerdet – da platzt nichts raus, im Text und im Saal nicht: Niemand lacht. Und wie Juan Guse seinen Text liest, ist mir auch nicht mehr danach, ich verstehe gar nicht mehr, warum ich gestern lachend im Bett saß und alles mit Ausrufezeichen vollgemalt habe. Vielleicht war es auch einfach nur Freude über einen phantastischen Text.