Weißwein pur
von Alina Herbing

„Du wirst Fisch essen und Fahrrad fahren und nie wieder weg wollen“, sagen meine Kommilitonen, die, die schon da waren. „In Klagenfurt ist es immer warm. Es ist Urlaub, es ist fast Italien.“
Nach acht Stunden Zugfahrt, sehe ich den ersten Schnee auf den Bergen. Meine slowenische Sitznachbarin sagt: „So kalt noch nie im Juni seit ich hier“, und ich bereue es, keinen Pullover eingesteckt zu haben, weil das Strandlaken so viel Platz brauchte. „Bist du Alina?“, fragt mich der Typ am Fensterplatz gegenüber, der schon in München sein erstes Bier aufgemacht hat und den ich jetzt erst erkenne, von den Fotos im Internet, als eines der anderen Häschen. Er reicht mir die Flasche über den Tisch und wir gucken gemeinsam in den Schnee hinauf und reden über Leipzig und Berlin. Als das Bier leer ist, haben wir immer noch eine Stunde Zeit. Im Bord-Bistro trinken wir weiter, bis zur Endstation. „Das liegt aber am Zug, dass ich so taumle“, sagt mein Literaturkurskollege, als ich hinter ihm ins Abteil wanke. „Ich weiß“, sage ich.
Im Hotel schlüpfen wir in unsere Flips Flops, nehmen noch einen Espresso, dann treffen wir die anderen Häschen in einem italienischen Eiscafé. Wir trinken Weißwein gespritzt und Weißwein pur und reden über Leipzig und Berlin, über Hildesheim, Wien und Biel. Im Laufe der Woche machen wir mit Aperol weiter, mit Prosecco und grünem Veltliner, lernen Kasnudeln kennen und Cordula Simon. Nach kurzen Nächten und langen Lesungen radeln wir an den Wörthersee, kurieren Sonnenbrände aus, und Mückenstiche und die Folgen des letzten Büffets. Mit Antje Rávic Strubel an der Seite und einem Stück Parmesan in der Hand sehen wir den Wolken dabei zu, wie sie immer violetter werden. „Das ist ja fast wie in CobyCounty hier“, sagt irgendjemand. Ich stecke mir noch eine Weintraube in den Mund und eine Visitenkarte ins Dekolleté.
Auf der Rückfahrt sitze ich im Board-Restaurant und arbeite die Anmerkungen der Tutorinnen in meinen Roman ein, gucke ab und zu in die Berge, in die Flüsse und Wasserfälle vor dem Fenster. Auf dem Weg ins Abteil treffe ich drei andere Häschen. Wir bleiben im Gang stehen und essen Äpfel und Schokolade. Anne kommt vorbei, die uns im Lendhafen schon mal gesehen hat. Sie erzählt uns, dass sie einen Roman schreibt und gehofft hatte, in Klagenfurt einen Lektor zu finden. Jetzt macht sie erstmal weiter und guckt, was passiert.
Um 5 Uhr früh weckt mich der Schaffner. Ich gucke aus dem Fenster und lese Stammelbach in grüner Schrift, sehe Gräser, die zwischen verrosteten Schienen wachsen. Ich hieve meinen Koffer hinaus auf das leere Gleis. Der Zug fährt weiter nach Berlin.

20130720-185245.jpg