Junge Literatur braucht Zeitschriften: als Ort für Experimente oder die erste Veröffentlichung, als Format, das vorläufige, zufällige Konstellationen ermöglicht und temporäre Kontexte schafft, als Forum des Austauschs darüber, was ein guter Text, ja, was zeitgenössische Literatur ist. Noch gibt es sie, die aufwändig gestalteten, mit Kenntnisreichtum hergestellten Printerzeugnisse.

Mit je einem Redakteur der beiden wichtigsten Veröffentlichungsorgane junger deutschsprachiger Literatur, BELLA triste und Edit, haben wir uns über die Genese ihrer jeweiligen Zeitschrift unterhalten: In welchem Umfeld verorten sich die Zeitschriften? Wie entsteht eine Ausgabe der Edit oder Bella und welche Hürden überwindet ein Text, um ins Heft zu gelangen? Bella und Edit im Porträt.

 

EDIT Nr. 1, 1993

EDIT Nr. 1, 1993

Edit. Papier für neue Texte | “Hellwach. Seltsam. Einzigartig”

Zugespitzt könnte man sagen, dass Bella und Edit aus verschiedenen Zeitaltern der Literaturgeschichte stammen, unterschiedliche Literaturkonzepte materialisieren. Edit (www.editonline.de) entstand 1993 im Nachwende-Leipzig, in der Euphorie des Aufbruchs Ost. Von den “goldenen Zeiten der Kulturförderung” spricht Patrick Hutsch, open mike-Redakteur und langjähriger Alleinherausgeber der Edit. Seit 1993 erscheint die Zeitschrift dreimal jährlich, in einer Auflage von mittlerweile 2.000 Exemplaren. Andocken konnte die Edit (die sich wie der Frauenname spricht, aber den Beiklang des angloamerikanischen Verbs nicht verleugnet) bei ihrer Gründung an eine lange Buchtradition – und an eine im Entstehen begriffene, neue Literaturszene: In der Buchmessenstadt hatte das Literaturinstitut “Johannes R. Becher” seit 1955 Autoren ausgebildet – ob als Kaderschmiede oder “Schule der Dissidenten”, darüber wurde nach der Friedlichen Revolution heftig debattiert. Ende 1990 wurde das DDR-Institut geschlossen, 1995 als Deutsches Literaturinstitut Leipzig (DLL) neu begründet. Ein Jahr später eröffnete das Haus des Buches als Literaturhaus, in dem Edit heute ein Büro hat.

Der Erfolg der deutschsprachigen Pop-Literatur und das Fräuleinwunder verliehen der literarischen Neugründung zusätzlichen Schub. Jan Peter Bremer oder Clemens Meyer veröffentlichten in der Edit, noch bevor sie auf dem Buchmarkt ihren Durchbruch feierten. In verhaltener Nähe zum DLL bewegt sich die Edit: “Wir sind nicht die Institutszeitschrift. Als Kontext spielt das DLL aber eine ganz wichtige Rolle”, so Mathias Zeiske, einer der beiden derzeitigen Redakteure. “Bei der Textauswahl ist es immer die Frage, ob das Institut nicht zu stark repräsentiert ist.”

So wichtig die Qualität jedes einzelnen veröffentlichten Textes für die Redakteure ist, so sehr begleitet die Edit auch ihre Autoren, betreibt eine Form von Durchsetzungspolitik. Zeiske – gefragt nach den Auswahlkriterien, die er und sein Co-Redakteur Jörn Dege an zur Auswahl stehende Texte anlegen – antwortet einerseits sofort: “Es ist immer eine Entscheidung für einen Text und für die Konstellationen, die man im Heft daraus baut.” Und schiebt sogleich nach: “Oft entscheiden wir uns für Autoren, möchten denjenigen oder diejenige pushen – was auch gelingt.” Ein-, zweimal pro Ausgabe weckt ein Text das Interesse von Agenten oder Verlagen.

Eine gute Quote, gerade auch, weil Literaturzeitschriften längst nicht mehr der einzige oder zentrale Ort sind, an dem Entdeckungen möglich sind, wie Zeiske betont: “Alles wird so wahnsinnig schnell sichtbar in unterschiedlichen Kontexten.” Lesungen, Wettbewerbe und Preisverleihungen, Stadtschreiberposten, Debütwahn – in rasendem Tempo werden Autorinnen und Autoren durch’s System gepumpt. Aus diesem Grund und auch, weil viele vormalige Zeitschrifteninhalte ins Internet abwanderten – etwa Ausschreibungen oder Laudationes –, positioniert sich die Edit neu und anders, justiert seit etwa zwei Jahren ihre Ausrichtung nach. “Wir haben ein stärkeres Bewusstsein, dass es Texte gibt, die genuines Literaturzeitschriftenmaterial sind.”

Der Essay als “Form der Stunde” ist ein Fokus der Leipziger Literaturzeitschrift geworden: “Mit seiner Kürze, den hybriden Qualitäten ist der Essay geeignet, unsere Zeit abzubilden”, so Zeiske. Der angloamerikanischen Tradition öffnet sich Edit mit dieser Schwerpunktsetzung. In Ausgabe 57 veröffentlichten die Redakteure programmatisch Übersetzungen englischsprachiger Essays, von Joan Didion bis David Foster Wallace. Mit ihrem Essay-Preis setzt die Edit-Redaktion seit 2012 verstärkt Akzente. Eine Ausschreibung wie diese “kann bewirken, dass Texte entstehen”, wie es Zeiske formuliert. So fördert Edit eine momentan eher randständige Gattung – und beeinflusst die Literaturlandschaft.

Mit den Veröffentlichungen von Prosa, Dramatik und Lyrik und insbesondere mit den Romanauszügen möchte sich Edit mit dem Literaturbetrieb verbinden, ein “früher Resonanzraum” sein für die Buch- und Autorenerfolge von morgen. Das ist der Zeitschrift in den zwanzig Jahren ihres Bestehens bestechend häufig gelungen, allen Wechseln in der Redaktion zum Trotz – mit vier Jahren Dienstzeit zählt Zeiske schon zu den lang amtierenden Redakteuren. Zu den ehemaligen Redakteuren, die zu weiten Teilen noch im Herausgeberverein EDIT e.V. vertreten sind, zählen Jana Hensel, Tobias Hülswitt, Jan Kuhlbrodt, Jo Lendle oder Ulrike Almut Sandig. Edit war und ist ein “Entdeckerorgan”, wie Patrick Hutsch bemerkt.

Mit 30 bis 50 ungefragt eingesandten Manuskripten pro Monat, punktuell angefragten Texten und Tipps ehemaliger Redakteure oder DLL-Studierender ist die Auswahl für eine Ausgabe reichhaltig. Etwa 15 Texte erscheinen auf den rund 120 Druckseiten einer Ausgabe. Die Entscheidung treffen die beiden Redakteure Mathias Zeiske und Jörn Dege einvernehmlich und meist sehr schnell: “Wir verstehen uns gut und sind geschmacklich nah beieinander”, so Zeiske. Auch wenn beide die Texte lesen, so ist er als Geschäftsführer stärker mit dem Vertrieb, der Finanzierung, dem Essay-Preis befasst, der Schwerpunkt seines Kollegen liegt eher auf der Textentwicklung und dem Lektorat. Dossiers wie das zu „Ecopoetics“ in Ausgabe 60 oder zu konzeptionellem Schreiben, das im November in Ausgabe 63 erscheinen soll, werden von redaktionellen Mitarbeitern eigenständig betreut.

Auch wenn die Finanzierung, wie bei den meisten anspruchsvollen literarischen Druckerzeugnissen, immer einmal schwankend ist, so nennt es Mathias Zeiske als durchaus realistisches Ziel, Edit “noch zwanzig Jahre am Leben zu halten, über unser Engagement hinaus”. So gut wie in den 1990ern geht es der Edit finanziell natürlich nicht – die Redaktionsstellen wurden seit 2004 sukzessive gestrichen, beide Redakteure leben von ihren Jobs an der Universität –, aber mit der Kulturstiftung Sachsen, die die Druckkosten finanziert, der Stadt Leipzig, die Veranstaltungen fördert, und dem Haus des Buches, das ein Büro und Veranstaltungsräume stellt, ist die Edit gut aufgestellt. Honorare und Verwaltungskosten finanzieren die 800 Abonnenten – eine Zahl, die seit Ende 2012 kontinuierlich steigt, so dass Zeiske noch im Jahr 2013 die 1.000er-Marke zu knacken plant.

Beflügelt und zuversichtlich klingt er, ein leidenschaftlicher Redakteur, dem das eigene Produkt am Herzen liegt. Gar nicht schroff ist er, wie es der Edit als Zeitschrift nachgesagt wird. Das Layout ist weniger verspielt als das der Bella und die Bildstrecke der Edit wirkt strenger, mitunter ältlich – doch auch bei den Leipzigern erhält jede Ausgabe graphisch ‘ein eigenes Gesicht’. Die aktuelle Ausgabe trägt die Nummer 62. Die 100 ist zum diesjährigen zwanzigsten Jubiläum der Edit also noch mehr als ein Dutzend Jahre entfernt – aber dass sie als unverzichtbare Begleiterin durch die weite Landschaft der jungen Literatur dereinst auf den Schreibtischen von Redakteurinnen, Lektoren, Autoren und Verlegerinnen liegen wird, erscheint aus heutiger Perspektive unzweifelhaft.

 

Edit. Papier für neue Texte | Fakten, Zahlen, Sonstiges

Erscheint seit 1993 dreimal jährlich (“Dreimal im Jahr literarisches Neuland”)

Auflage: 1.700 | Abonnenten: 950 (Stand: September 2013)

Veröffentlicht Prosa, Lyrik, dramatische Formen, literarische Essays, Erstübersetzungen, Rezensionen

Motto: “Komplizierter Spaß seit 1993, hellwach, seltsam, einzigartig”

Redaktion: Jörn Dege, Mathias Zeiske

Spezialität: Essay-Preis seit 2012

 

EDIT | In atmo

 

Wäre die Edit…

Ein Rohstoff/Material

Manchmal hart gewordene Knete, meistens aber was ganz anderes.

 

Eine Farbe

Derzeit eher nicht orange.

 

Ein Geruch

Es gibt ja diese alarmierenden Duftstoffe, die geruchlosen, aber ungesunden Gasen beigemischt werden. Wie riechen die eigentlich? Das müsste ich herausfinden, bevor ich mich dafür entscheide. Eher nicht lieblich. Ah, wie guter Fahrtwind vielleicht? Ja ok.

 

Ein Mensch, den man zum ersten Mal trifft

Wirkt äußerlich ruhig und aufgeräumt, nach einer Weile tritt ihre Nervosität offen zutage – klarer Fall von „stroboskopischer intellektueller Verwirrung“.

 

Mit alten Freunden würde sie …

Sie würde diese Freunde in ihre Küche einladen, Senfeier (ostdeutscher Klassiker), einen frischen Gurkensalat und dazu Weißwein anbieten, dabei häufig abrupt vom Tisch aufspringen und zum Bücher- und Magazinregal eilen, um von dort mit einem Fundstück oder einer wichtigen Referenz zurückkehren. Sie hat übrigens gar nicht so viele Bücher, wie man vermuten würde.

 

An welchem Ort sollte man Edit finden oder lesen?

Unterwegs, ganz klar. Am besten in einem Schienenfahrzeug, egal ob Straßen-, S- oder U-Bahn, RB oder ICE, vielleicht in einem Langstreckenbus. Andere Beförderungsmöglichkeiten mit Abstrichen.

 

Mit welcher Arbeit/Funktion/Rolle lässt sich Deine Tätigkeit als Redakteur am Ehesten vergleichen?

Redakteur ist doch ein Beruf (das muss ich meiner Familie auch ab und zu ins Gedächtnis rufen). Nein, alle Vergleiche hinken dermaßen, ich gebe auf. Irgendein Beruf ohne Routine, bei dem man ständig von vorne beginnt und in konstanter Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten lebt.