Der Countdown läuft: In zwei Stunden eröffnet PROSANOVA 2014, das größte Festival für junge Literatur im deutschsprachigen Raum. Vier Tage lang feiert die junge Literatur sich wieder hemmungslos selbst. Lohnt sich ein Besuch in Hildesheim? Spoiler: ja.

2005, ich hatte gerade Abi gemacht, reichte mir meine Mutter einen Zeitungsartikel über den Tisch: Hier, das ist doch was für dich, ein neues, junges Literaturfestival… irgendwo in Niedersachen. Als ich 2007 in diesem Irgendwo Hildesheim ankam, um Kulturwissenschaften zu studieren, stolperte ich gleich in das Großprojekt PROSANOVA 2008. Drei Jahre später war ich Teil der Künstlerischen Leitung. 2014 wird mein erstes PROSANOVA, das ich mit einem Außenblick, als Besucher wahrnehme.

Nüchtern kann ich sagen: PROSANOVA ist ein Festival mit rund hundert eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern in über dreißig Veranstaltungen, Lesungen, Diskussionen, Konzerten & Partys, vier Tagen Programm quasi rund um die Uhr. Realisiert wird es von einem studentischen Team unter Leitung der BELLA triste-Redaktion, das von der Planung bis zur Ausführung der letzten Barschicht PROSANOVA alle drei Jahre von Grund auf neu aus dem Boden stampft.

Ein völlig größenwahnsinniges Unterfangen also, das überhaupt nur möglich ist, weil diese Studierenden dafür monatelang ihr Studium vernachlässigen oder ganz aussetzen, sich die Sache zu eigen machen, in ihr aufgehen. Wer die nötige Aufopferungsbereitschaft für den Größenwahn nicht schon mitbringt, wird vor Ort von den anderen angesteckt. Schon nach wenigen Monaten in Hildesheim konnte ich mir kaum noch vorstellen, dass dieser Ort und die Dinge, die wir dort taten, etwas anderes sein könnten als der glühende Mittelpunkt der Welt. Die Illusion ist perfekt: Weil die Stadt nichts hergibt, machen sich die Studierenden den kompletten Kulturbetrieb selbst. Eigenes Theater, eigene Filme, eigene Lesungen, eigene Kunst – und immer mit dem Blick nach vorne, den angestaubten etablierten Kulturbetrieb, die Landesbühnen, Literaturhäuser und Museen weit hinter sich lassend.

Ach, Hildesheim …

Wie seltsam es ist, plötzlich von außen darauf zu schauen. Ich war erst ein paar Monate weggezogen, da kam mir die Stadt schon unwirklich vor. Wie hatte ich so lange da leben können, wie hatte ich jahrelang in dieser kleinen abseitigen Blase sitzen und von Projekten reden können, ohne das zu merken? Erst jetzt, wo Hildesheim auf meiner inneren Landkarte vom Weltmittelpunkt an einen Fleck irgendwo oben links, kurz unter Hannover, rutscht, wird mir klar, wie befremdlich vieles wirken muss, was von dort aus in die Welt gesendet wird.

Die Programmtexte des Festivals versteigen sich (in bester BELLA-Tradition) in die reinste Manie, für Außenstehende vermutlich kaum zu entziffern. Und die aufwändig produzierte Webserie sturm hund struppi, mit der Litradio die Hintergründe des Festivals beleuchtet? Ein Feuerwerk für die, die sowieso schon Bescheid wissen. Manchmal scheint es mir, als würde sich PROSANOVA in einer Art überdrehten, jugendlichen Geheimsprache an die Welt wenden. Eine Welt, die sich um völlig andere Dinge dreht als Hildesheim, die die dort unter Lebenseinsatz aus dem eigenen Fleisch geschnitzten Opfergaben kaum begreift, im besten Fall vielleicht rührend findet: Oh, wie schön, ist es… ein Elefant?

Hässliche Zweifel, die mich, wenn ich sie lasse, unweigerlich in diese finstere Sackgasse führen: dass die Jugend (mein PROSANOVA), die ich von innen erlebt habe, von einer heiligen Mission beseelt war, während die heutige Jugend, die ich von außen erlebe (PROSANOVA 2014), sich in Unzulänglichkeiten verstrickt, Unverständliches will, offensichtlich vor die Hunde geht.

Peng, du bist tot.

Aber wenn ich eines gelernt habe in Hildesheim, dann dass man von hässlichen Gedanken keine Süßigkeiten annehmen darf. Und niemals, niemals mit ihnen mitgehen. Denn in dieser finsteren Sackgasse isst der bittere Gedanke dein Herz und im Tausch erhält man versch. Urkunden, die einem „Messerscharfe Kulturkritik“ bescheinigen und „Willkommen im echten Kulturbetrieb“ und „Peng, du bist tot“. Stattdessen soll man einen lauten, glockenhellen Ton machen, indem man die Luft ganz tief aus der Mitte seines Brustkorbs holt, und seinen elastischen Körper in alle menschenmöglichen Richtungen strecken, solange man kann. So das Märchen.

Aber das ist ja auch albern. PROSANOVA hat von Anfang an immense Aufmerksamkeit und Anerkennung von der „Außenwelt“ erfahren, und die grundlegende Geste des Festivals hat sich dabei über die Jahre kein bisschen verändert. Man könnte schon fast von einem Wertekanon sprechen. Die wesentlichen Merkmale, das Anliegen, vor allem die überbordende Sprache junger Euphorie, der Drang, den Rahmen zu sprengen – das alles war von Anfang an da. Es war Florian Kessler, der auf dem ersten PROSANOVA-Festival eine Eröffnungsrede hielt, deren idealistisches Energielevel bis heute von keiner nachfolgenden Generation übertrumpft wurde (stattdessen vielleicht in seiner ZEIT-Polemik von ihm selbst). Und es war BELLA triste-Gründer Paul Brodowsky, der 2011 auf YouTube eine Lobeshymne veröffentlichte, die noch viel aufrichtiger von Liebe spricht, als wir uns das als damalige Festivalleitung je gestattet hätten. Und die Wahrheit ist, dass ich einen „kritische Blick von Außen“ hier höchstens schielend antäuschen kann, weil auch mich das PROSANOVA-Fieber längst wieder eingepackt hat. Dass ich mir den Festival-Trailer schon unzählige Male genehmigt habe wie einen kleinen Schnaps zum Vorglühen. Dass ich den sturm hund struppi-Jingle unter der Dusche pfeife. Kurz: dass ich absolut reif bin.

Das einzige Literaturfestival

PROSANOVA ist nicht der Mittelpunkt der Welt, sogar dass es das größte Literaturfestival ist, ist eine vage Behauptung, die man durch die Einschränkungen für junge Literatur und im deutschsprachigen Raum gleich wieder ziemlich zurechtstutzen muss. Aber Größe ist hier schlichtweg keine sinnvolle Kategorie. Mir ist überhaupt kein anderes Literaturfestival bekannt, das etwas Vergleichbares leistet. Dass diese beiden Bestandteile – Literatur und Festival – gleichermaßen ernst nimmt, sie immer wieder nach ihren Schnittflächen abtastet und zu einer eigenständigen Sinneinheit zusammenfügt. Nüchtern kann ich sagen: PROSANOVA ist weder das größte, noch das wichtigste oder beste – es ist das einzige Literaturfestival. Eine seit 2005 andauernde Erzählung über Hingabe und Kompromisslosigkeit in der Auseinandersetzung mit Literatur, die eine Erregung transportiert, die sich, so die idealistische Hoffnung, potentiell jedem vermittelt – völlig abgesehen von den jeweils aktuellen Sprachcodes jugendlicher Euphorie. Eine Energie, die ich so bisher nur dort gefunden habe. Weil sie vielleicht nur dort möglich ist. In einer Blase wie Hildesheim, die von innen glüht wie der verdammte Mittelpunkt der Welt. In der Menschen leben, die diesen Ort und die Dinge, die sie dort tun, zur wichtigsten Sache des Universums erklären. Denn dadurch – so die Wette, für die PROSANOVA mit vollem Körpereinsatz steht – dadurch behalten sie recht.
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PROSANOVA, 29.5 – 1.6. 2014, Hildesheim
Programm, Anfahrt, TIckets: prosanova.net
Livestream: litradio.net

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