Auch abseits der Longlist gibt es Literatur: In diesem Herbst erscheinen viele spannende Prosa- und Lyrikdebüts. Einige von ihnen stellen wir in den kommenden Wochen vor. Den Autoren haben wir ein paar Fragen zur Literatur und Person gestellt.

Heute: Julia Trompeter,
In ihrem Debüt »Die Mittlerin« wirft sie einen Blick auf den Literaturbetrieb und die Berliner Szene, nimmt es mutig mit literarischen Vorbildern auf und erzählt dabei eine unterhaltsame Selbstfindungsgeschichte ganz eigener Art.

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»Quasi aus dem materielosen Nichts wird hier ein Roman erschaffen, der spielerisch leicht von Thomas Bernhard und Platon und der täglichen Prokrastination erzählt. Entstanden ist so eines der komischsten Bücher des Jahres.«

Richard Kämmerlings, Die Literarische Welt

Erster Satz (des Buches)
Mein erster Satz war »Nucki nunterfallt« (übersetzt: Der Schnuller ist zu Boden gegangen, Mutter!) und meine Familie war damals sehr stolz auf mich. Der erste Satz von »Die Mittlerin« hingegen lautet: »Komme was wolle«, hatte die Verlagsfrau gesagt, »Sie brauchen einen Plot.« Um genau zu sein, ist das der erste Satz des Prologs. Wollte man diesen beiseite lassen, wäre der erste Satz des Buches: »Thomas Bernhard war ein großer Mann«, was, wie ich finde, ein wunderbarer Satz ist, wenn auch nicht unbedingt aus syntaktischen Gründen.

Was bedeutet literarische Tradition für Sie?
Die literarische Tradition, verstanden als eine möglichst breite Sammlung, Antizipation und Auswertung sowohl des bereits Geschriebenen als auch der ebenfalls traditionell bestehenden Auseinandersetzung mit diesem Geschrieben, halte ich gerade als Produzentin von Literatur für essentiell. AutorInnen, die selbst nicht lesen, sich nicht dafür interessieren, was andere produzieren, und nicht versuchen, deren ästhetische Ansätze zu verstehen und kritisch zu untersuchen, sind mir suspekt. Das bedeutet natürlich nicht, dass jedem die Werke der anderen beim eigenen Schreiben zwangsläufig so präsent sein müssen, wie sie es beispielsweise der Protagonistin in »Die Mittlerin« sind. Ihr stehen gewisse Gestalten, besonders Thomas Bernhard und dessen literarische Figuren, sehr nahe, und es ist Teil ihres persönlichen Schreibprozesses, das Eigene im Umgang mit diesem Fremden zu behaupten.
Den wiederholten Eintritt in den Schreibvorgang kann man vielleicht beschreiben als ein immer wiederkehrendes Lauschen auf eine Stimme, die sich aus dem Grundrauschen der anderen Stimmen herausschält, und die man mit ein bisschen Glück irgendwann als die eigene erkennt. Dieses Erkennen hat auch etwas mit dem Vertrauen zu tun, dass die eigene Fähigkeit zu schreiben stets erneut aktualisierbar ist. Nicht, dass mich jemand falsch versteht: Es spricht nichts dagegen, das Bestehende nach der kritischen Auseinandersetzung mit ihm bewusst hinter sich lassen. Dass man sich jedoch den Einflüssen der Tradition komplett entziehen und hermetisch das eigene Genie walten lassen könnte, halte ich persönlich für unmöglich. Wer dies von sich behauptet, ist vermutlich eher ignorant als brillant. Mir selbst würde ich manchmal eine systematischere Auseinandersetzung mit der Literaturgeschichte wünschen, um das bereits Gelesene besser einordnen und in aktuellen Diskursen über Literatur und in Poetiken argumentativ gezielter einsetzen zu können. Das Germanistikstudium hat diesen Zweck in meinem Falle nämlich leider nur unzureichend erfüllt.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?
Was für eine Frage … Ich bleibe mal beim Thema: Ganz aktuell fiebere ich natürlich dem Erscheinen meines Romans entgegen. Nach fast fünf Jahren Produktionszeit, inklusive der Überarbeitung, des Lektorats, der erneuten Überarbeitung, dem Korrektorat, den Gesprächen über Titelgestaltung, Satz, Klappentext etc. ist es nun an der Zeit, endlich das Buch in den Händen zu halten. Ich freue mich schon sehr auf das physische Ereignis seiner Ankunft, sein Gewicht in meiner Hand, darauf es aufzuschlagen, aus ihm lesen zu dürfen, es ist schließlich mein erstes!

Wem erzählen Sie Ihre Geschichte?
Die Geschichte der »Mittlerin« erzähle ich in erster Linie mir selbst. Nicht weil mir meine LeserInnen egal wären, ganz im Gegenteil, ich lege viel Wert auf ihr Urteil – aber eben erst im Nachhinein. Ich möchte ihre eventuelle Meinung oder ihren Geschmack nicht schon während des Schreibens selbst antizipieren müssen. Denn was würde geschehen, wenn ich nicht für mich selbst sondern für andere erzählen würde? Müsste ich dann nicht das Schreiben gezwungenermaßen an die Wünsche der Rezipienten anpassen? Was dann entstehen würde, wäre zielgruppengerechte Literatur, die ihren Zweck nicht in sich selbst sondern im Gefallen-Wollen hat. Auch wenn dies vielleicht im Hinblick auf die Verkaufszahlen funktionieren mag (siehe das pseudoemanzipatorische Genre der sogenannten »Frauenliteratur«), scheint es mir kein Merkmal für literarische Qualität zu sein, eher im Gegenteil. Falls die Frage darauf gerichtet sein sollte, wen ich mir als LeserInnen wünsche, würde ich sagen: Ich wünsche mir natürlich ein bunt gemischtes Publikum. Erster grober Prüfstein wird meine Großmutter sein, die das Erscheinen meines Buchs kaum erwarten kann, ansonsten aber lieber Zeitschriften blättert. Ich bin auf ihr Urteil gespannt.

Was soll man nach der Lektüre Ihres Buches machen?
Natürlich selbst ein Buch schreiben – was sonst?

Julia Trompeter

© Peter Susewind

Julia Trompeter wurde 1980 in Siegburg geboren. Sie studierte Philosophie, Germanistik und Klassische Literaturwissenschaft in Köln und promovierte in Berlin und Bochum. Seit 2009 tritt sie in dem performativen Projekt Sprechduette zusammen mit Xaver Römer auf. 2010 war sie Finalistin des open mike, 2012 erhielt sie das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln, 2013 für ihren Debütroman eine Förderung der Kunststiftung NRW.