Ich behaupte, Literatur findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern in einem gesellschaftlichen und politischen Rahmen unter gewissen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen. Eine als Binsenweisheit auftretende Bemerkung, werden Sie sagen, allerdings muss man diesen Satz in einer gesellschaftlichen Situation, die ideologisch von Magret Thatchers berühmten Aussage »there is no such thing as society. There are only individual men and women, and there are families« begleitet wird, neu formulieren. Wir wollen daran arbeiten, was es heißt, im Rahmen einer neoliberalen Gesellschaft zu schreiben, in Zeiten, die sowohl vom vermeintlichen Sieg des Kapitalismus als auch seiner fulminanter Niederlage (Finanzkrise 2008) bestimmt ist. Was bedeutet das Wort »Hegemonie« für die Literatur? Was macht es mit unseren Erzählstrukturen, mit unseren Figuren, mit unseren Metaphern, wenn das Gefühl einer sich atomisierenden Gesellschaftsstruktur um sich greift? Gibt es sowas wie gesellschaftliche Gleichzeitigkeit überhaupt noch? Wollen wir von Gesellschaft überhaupt sprechen? Oder doch lieber von Parallelgesellschaften? Ist politische Theorie noch hilfreich? Notwendig? Und wie bringt man beide Felder: Das der Literatur und das der Politik in Kontakt? Jetzt mal konkret! Die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Politik und Gesellschaft betrifft das Herz der Literatur, sie ist auch eine Frage nach dem »wozu überhaupt schreiben«?

Kathrin Röggla, © Jürgen Bauer

Kathrin Röggla, © Jürgen Bauer