Im Blumenladen wühlt das lyrische Ich ein Kindersatz auf: „Niemand hat das Recht, mich zu verletzen“. Oha. „Wie dieser Satz gesagt ist. Versteckt hinter Geranien … eine Irritation, mitten aus dem Alltag geschraubt“. Die sich hält, „seit einigen Tagen“ – der Satz hat bei der schreibenden Entität offenbar einen lyrischen Impuls ausgelöst. Erinnerungen, einstige Vorhaben tauchen empor. Robert Stripling bindet sie ein in seine Prosagedichte mit dem lyrischen Programm: Sich treiben zu lassen durch Bilder und Fragen, ohne sie festzuhalten, im Gedicht zu fixieren. Mal Bachstelzennester verbal abtastend, mal um eine Wehmut mit Meer kreisend, und: „Diese Kirschblüten; diese Himbeeren. Im Kindheitsgarten“. Bewusstseinsstrom, widersprüchlicher. „Maßloß, gemäßigt mild.“ In ruhigem, genauem Durchgang liest Robert Stripling, von schweifenden Eindrücken, vielleicht von einem Unterwegssein mit einer namens Ampere, die Tulpen auswählt, Adressatin ist, aber stumm bleibt. Die sich dem lyrischen Ich anverwandelt hat wie dieses es mit dem Umgebenden versucht: „Mit dem Körper in Gegenständen. Fahrradschlösser; feurige Schläuche; gebeugte Kaufhallen“. Geröllbruchstückhaft. Fragevoll. Auch „durchlässige Osmose“, wie Lektor Hans Jürgen Balmes sagte. Und ich rutsche am glatten Glas der Gedichte ab. „Probiere, jedem ein Zimmer in mir, eine eigene Geschwindigkeit offen zu halten.“ – „Wir wissen annähernd, weshalb sich jemand herausnimmt, zu reden.“

 

Robert Stripling

Robert Stripling

 

 
***

Leseprobe: Robert Stripling; Prosagedichte 

»Niemand hat das Recht, mich zu verletzen., sagt im Blumenladen eine
Kinderstimme. Wie zwischen Pflanzen diese Jungs kichern; beiläufig, an
einigen Sträußen nestelnd. Wie dieser Satz gesagt ist. Versteckt hinter
Geranien, die von der Decke h.ngen. Sind sie nicht rausgegangen mit
diesem Satz, sind sie das nicht? Hat nicht einer der Jungs eben diesen Satz
gesagt? Wie verhalten ihr Abwarten dann (kurz zögerlich); Regalbretter,
weiß; Topfpflanzen darauf, die Grünlilien – mit welcher vertrauten Geste die
Verkäuferin verabschiedet. Sie den Gehweg wegrennen & fern verklingen.
Diese Stimmen. Dieser Vorhang, vorm hinteren Ladenbereich, flattert. Mit
Ampere stehe ich im Blumenladen. Wie sie Tulpen auswählt. Worum sich
Fliegen bewegen. Wieder Stille; dieser Satz – eine Irritation, mitten aus dem
Alltag geschraubt. Auf ein Fundament, das bricht, gemauert. Wie kam es
dazu? Dass man alles fallen sehen m.chte. Dass man hinaus laufen mag, in
vergangenen Urlaub. Wie im Kopf sich Kindheit regt; ein seltenes Bild, als
schellten Sehnsüchte. Als bisse ein Trugbild in mir, das ich erneut geworden
bin. Habe ich mich vergessen?