Was macht der Tod mit einer Familie und wie gehen wir mit ihm um? Mareike Schneider gibt eine von unzähligen Antworten auf diese Frage. Dachte die ganze Familie der Ich-Erzählerin bereits, dass „Opa“ seinen 75. Geburtstag nicht mehr erleben würde, finden sich die Familienmitglieder doch alle noch einmal widerwillig zusammen, um dem alten Herrn seinen letzten Geburtstagswunsch zu erfüllen – das Umschichten der „Holzmieten“ im Garten.

„Ein Foto, riefen wir alle, ein Foto von dir, nein von euch, auf der Hollywoodschaukel, da. Er setzte sich steif, lächelte verkrampft in die Kamera, und seine Frau trug einen Kranz aus gelben Hundeblumen.“

Es sollte das letzte Foto sein. In der folgenden Nacht stirbt das Familienoberhaupt schließlich im Kreise seiner Familie, und doch wieder nicht. Obwohl alle versammelt sind, ist die Fremdheit zwischen den einzelnen Familienmitgliedern größer denn je. Jeder kämpft für dich allein, es geschehen scheinbar irreparable Verletzungen und man spürt: Das was die Familie im Innersten zusammenhielt, ist von ihnen gegangen.

„Die folgenden Tage saß sie in der Waschküche, weinte ihre Zigaretten nass und trank ein Glas Wein nach dem anderen. Sie konnte nicht in die Stube zu ihrer Mutter, die dort eitel auf Kondolenzbekundungen wie auf Geschenke wartete, stolz auf ihre schwarze Garderobe.“

Schneider schreibt unprätentiös, ohne Extravaganzen, ihr Text lebt von genauen Beobachtungen (die „(tragische) Existenz der immensen Klopapierrollentorte“ zur goldenen Hochzeit, die nach dem Tod übrig bleibt), und dem großen Respekt, den sie ihren Figuren entgegenbringt. Nicht weinerlich-gewollt, sondern „authentisch, traurig und schön“ (Lektorin Diana Stübs) ist dieser Text. Vor allem aber schön, dass ein Roman daraus werden soll. Schade nur, dass der Vortrag der Autorin nicht immer der Authentizität des Geschriebenen gerecht wird.

 

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Leseprobe: Mareike Schneider; Die Holzmieten
(Auszug aus einem Romanprojekt)

Der Friedhof liegt auf dem Rückweg, Opas Grab am Fuß einer Tanne, deren Nadeln in regelmäßigen Abständen vom Boden entfernt werden, wahrscheinlich geharkt. Letzteres muss erst vor Kurzem geschehen sein, zwischen der Erde in meiner Hand finde ich die frische, leblose Hälfte eines Regenwurms. Die andere befindet sich vermutlich in den Mundwerkzeugen einiger Ameisen auf dem Weg durch die geleckten Nachbarparzellen, vorbei an geometrisch genormten Steinen und geklontem Efeu. Die Individualität wurde hier schon vor langer Zeit hinter dem Komposthaufen verscharrt. Vereinzelt gibt es Bäume, die älter zu sein scheinen als jedes Grab hier, das ist der einzige Trost.
Abgesehen davon gibt es vieles zu sagen, das ich einleiten möchte mit einer Begrüßung, aber eben die fühlt sich albern an. Meinen Opa würde ich lieber Großvater nennen. Nur habe ich das zu seinen Lebzeiten nie getan, jetzt damit zu beginnen, erscheint mir zu spät. Vielleicht wäre seine Beerdigung die letzte Gelegenheit gewesen. Als wir hier standen, der Sarg am Boden des Grabes und die obligatorische Sandkiste am Rand, aus der wir uns dann bedienen sollten, war ich ein bisschen hysterisch und blockierte den Ablauf. Ich stand lange am Grab und heulte, die Leute wurden unruhig und der Sand feucht in meiner hohlen Hand. Es regnete, ich hatte keinen Schirm. Ich war fünfzehn Jahre alt und wollte etwas Besonderes machen, was Besseres fiel mir aber nicht ein. Inzwischen ist mir das nicht mehr peinlich.