„Der aus Afghanistan“ sitzt „auf meinem Kissen“. Heimkehrer-Schulfreund und Nieweggegangene – so begegnen sich zwei und sind einander doch unendlich fern.

„Und ich gelange nicht an ihn, auch wenn er es möchte, ich gelange nicht an ihn heran. Denn da sind diese Gewehrfinger, diese Wüstenasphaltiermaschinenarme, da sind diese ganzen Dinge an ihm, die ich nicht verstehe.“

Die drastischen Erlebnisse im Krieg stoßen sie ab und das Wesentliche bleibt unverstanden und ungesagt – ihrerseits. Was er noch erzählt von Kiew und dem Maidan, den Scharfschützen auf den Dächern, das bekommt sie gar nicht mit. Sie würde ja fragen, erzählt uns Simone Kanter in „Dreck am Stecken“ von ihrer Figur, aber sie trägt selbst ein Trauma mit sich: Nach der Geburt wurde ihr das Kind weggenommen, das sie während der Schwangerschaft verdrängt zu haben schien.

„Ich denke an dieses Kind, und niemand ist da, dem ich zeigen kann, dass dieses Kind ganz und gar nicht unbemerkt von mir geblieben ist.“

Nach der Geburt wurde ihr dieses Kind weggenommen, vielleicht hat sie jetzt eine Depression, vielleicht ist sie nur wirklich gut darin, zu verdrängen. So sehr sie sich über „Alex in dieser Mannsgestalt“ und seinen Dreck am Stecken echauffiert, so wenig kommt doch irgendetwas bei ihr an. Sie wartet nur darauf, dass er seinen Hintern von ihrem Kissen hebt. „Und dann werde ich beginnen, mir die Wüste wieder schönzureden.“

Beim Vorlesen kommt der Text gut rüber, die wichtigen Worte sind deutlich gesetzt – „Führungslinie“, „Barthaar“, „Scharfschützen“. Ich finde allerdings, dass es sich dieser Text etwas zu einfach macht, wenn er alle möglichen auszutragenden Konflikte hinter Traumaschotten verschließt. Wieso – auch das eine von Simone Kanters Text für mich nur einmal mehr aufgeworfene Frage – so viele solipsistische Ich-Bewusstseine in den Texten, die mit solcher Dringlichkeit von Sprachlosigkeit und Kommunikationsstörungen berichten? Alles steht auf dem Papier, und doch soll die Leserin sich ihren Teil denken. Mir persönlich gefällt das nicht. Gegenstimmen gerne:  das Kommentarfeld ist eröffnet.

 

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Leseprobe: Simone Kanter; Dreck am Stecken

Der aus Afghanistan hat Dreck am Stecken. Er sagt Wüstensand, ich sage Dreck. Was weißt du schon von der Wüste, sagt er, und
ich, was weißt du schon?

Mutter hat sich einen blinden Hund gekauft. Nicht weil sie ihn bräuchte, sondern weil er nicht sehen kann. Und Mutter so wieder jemanden hat, den sie führen muss. Herum und auch an der Nase. Mutter ist ihrer Führungslinie treu geblieben, nur war da niemand mehr, und dieser Niemand war auf Dauer für Mutter nicht zu ertragen gewesen. Also einen blinden Hund ins Haus holen, einen, der nicht alles so genau sieht, der eben nicht hinsehen kann. Einen, der lauter bellt, weil er besser hören kann. Mutter und ihr blinder Hund gehen nur noch gemeinsam aus dem Haus, Mutter sieht überall hin und der blinde Hund hört alles. Und Mutter krault ihm dann das Haar und wartet, dass er erzählt, was die Leute so reden. Denn er hört auch, was hinter seinem Rücken geschieht. So gut, wie der blinde Hund hört, so schnell kann Mutter manchmal gar nicht gucken. Und so führen sie sich mit Augen und Ohren gegenseitig herum.

Der aus Afghanistan mit dem Dreck am Stecken sitzt hier, und ich weiß nicht, wie lange er sitzen bleiben wird. Er sitzt auf meinem Kissen. Auf dieses Kissen legte ich oft den Kopf, aber nun werde ich den Kopf nicht mehr auf dieses Kissen legen können, denn auf diesem Kissen sitzt er. Und wo jemand drauf saß, da lege ich meinen Kopf nicht mehr hin. Sitzt da und krault sich mit den langen Fingern im dichten Barthaar. Ohne Bart hätte er mehr Gesicht. Und ich betrauere mein Kissen, das unter dem Gewicht knautscht und seine Kopfkissigkeit verliert, schon verloren hat. Bedauern kommt vor betrauern, denke ich und tue nichts weiter dagegen.