Wir trinken billigen Wein und essen Käsetoast
(Auszug aus dem Romanmanuskript Rabenkinder)

Einen voll beladenen Teller in jeder Hand betritt Vater sein verrauchtes Kabuff, das wir nur aus alter Gewohnheit so nennen, ich folge mit Wein und ausgewaschenen Senfgläsern. Das Kabuff hat etwa 25 Quadratmeter und war mal der Ziegenstall. Das war überlebensnotwendig damals. Neben den Hühnern und Gänsen und Kaninchen gab es diese drei Ziegen, die lieferten Milch und mussten ihren harten Hals hinhalten, wenn Oma unglücklich war und weinte. Sie erzählt gern davon, sie hat oft geweint. Vielleicht hat sie ja schon während des Weinens beschlossen, später jedem davon zu erzählen, während sie die Tiere so fest umklammerte, dass sie sich ihr nicht entziehen konnten und darauf hoffte, dass jemand zufällig in den Stall käme, neben dessen Eingang sich auch die Toilette befand.
Als der Nachkrieg vorbei war, wurden die Ziegen geschlachtet, eins ihrer Felle befindet sich noch irgendwo auf dem Dachboden, der kurze Schwanz wie ein abgefressener Pinsel. Der Stall wurde umgenutzt für Kohlen und Holz, ein Regal mit Gartenschuhen stand dicht neben dem Eingang gegenüber der Klotür, in einen alten Küchenschrank wurden dellige Lackdosen aus dem Keller nach oben verlagert, deren eingetrocknete Reste schon damals hart genug gewesen wären, um jemanden damit zu bewerfen. An diesem Zustand änderte sich lange Zeit nichts. Dann wurde Oma alt.
Nachdem man beschlossen hatte, dass sie Hilfe im Haushalt benötigte, stellte man ihr gegen ihren Willen einen Zivi zur Verfügung. Den sprach sie aus wie ein spitzes Fremdwort, versteckte alle Wertgegenstände, die sich in den zu putzenden Räumen befanden und wenn er von der Toilette kam, achtete sie darauf, dass er sich die Hände wusch. Ein halbes Jahr später war sie seinem Charme erlegen, nannte ihn bei seinem Vornamen, brühte Instantkaffee noch ehe er kam, er aß die billigen Kekse, die sie nur für ihn besorgen ließ, und statt zu putzen, wie es eigentlich seine Aufgabe gewesen wäre, hörte er sich ihre Geschichten an und beklagte sich nie darüber, dass sie sich kein einziges Mal nach seinem Leben erkundigte. Das Haus verkam schleichend, Kochtöpfe sahen immer aus wie benutzt, an den Fliesen der Küche klebten Essensreste, an den Fliesen der Waschküche klebten Reste die keiner identifizieren wollte.
Der Zivi wurde ausgewechselt. Aber Oma hatte sich bereits derart an den Ablauf gewöhnt, dass sie die Person nicht als andere anerkannte. Der Zivi wurde weiterhin Martin genannt, in der zugeteilten Zeit mit Kaffee, Keksen und Anekdoten gefüttert, er beklagte sich ebenso wenig wie der Erste darüber und man beschloss schließlich, dass diese Lösung keine war. Eine neue musste her. Zum Beispiel in Form einer Person die bei Oma einzog und sich neben der Hygiene des Hauses auch um die der Frau selbst kümmerte. Das war nötig, stellte man fest. Denn nicht nur der Teppich, auf welchem sich der Nachttopf befand, den sie im Halbdunkel und Halbschlaf häufig verfehlte, stank nach Urin, sondern auch ihr Nachthemd, mit dem sie sich den Schritt abwischte, ehe sie wieder ins Bett stieg und welches sie auch in den darauffolgenden Nächten weiterhin trug. Eine Unsitte aus Kindertagen vielleicht. Darauf angesprochen zuckte sie gleichgültig mit den Achseln.
Jemand müsse sie also betreuen, überlegte man. Naheliegend sei ja, dass die Töchter das täten, weil Töchter sowas doch täten, nicht wahr. Entweder die eine, die in derselben Stadt wohnte und einer gesicherten Beamtentätigkeit nachging, oder eben die andere, die nicht in derselben Stadt wohnte und eine umständlich zu beschreibende Selbstständigkeit pflegte. Oder eine dritte Person, jemand, der nicht von persönlicher Betroffenheit geplagt wurde, den man aber bezahlen müsste. Letzteres komme nicht in Frage, erklärte meine Oma, de Kinner von annere Leit wirdn siech aa um ihre Aldn kimmern un nach allm, was se firr de Annern geda hätt, wärs itze woll an dor Zeit, recht un billig un selbsvorständlich – und wer itze nach enner Bezahlung frang dät, der wär woll net ganz bei Drosde – , dess eins von ihrn Kinnern des Gleiche dät. Das Gleiche wie wer? Des Gleiche wie itze zem Beischbiel die Dochder von demm endferndn Kuseng, denn mor noch im Vochdland hamm dädn un mit demm mor räglmäßch, jawoll, räglmäßch delefoniern dät. Aha, der Bernd und seine Brigitte. Sehr inniges Vater-Tochter-Verhältnis zwischen den beiden. Man macht sogar zusammen Urlaub. Sie hat ihren Job gekündigt um ihn betreuen zu können, er überlässt ihr den größtmöglichen Teil der Zahlungen aus seiner Pflegeversicherung. Ach was, sagte meine Oma dazu, endweder soll de Familie siech unendgeldlich kimmern oder ähm gar kaaner, mor wärds ja sähe.
Wenig später sah mein Vater dann meine Mutter auf dem gemeinsamen Bett sitzen, neben ihr der halbgepackte Koffer, ein glattes Nachthemd in den Händen, die Hände im Schoß. Und weiter kam sie nicht als bis zu diesem Nachthemd, dort zu leben, mit Oma, würde sein, wie ihre eigene Kotze zu essen, jede Nacht die sie dort verbrächte, jede Nacht, sagte sie leise. Und er nahm ihr das Hemd aus der Hand, streichelte ihr die Wange, seine Werkstatt laufe nicht gut, sagte er, räumte ihre Sachen zurück in die Schränke und befüllte den Koffer mit seinen eigenen.
Als er ankam, wies Oma ihm die Kinderkammer meiner Mutter zu – ein acht Quadratmeter großer Raum neben dem guten Zimmer – mit Bett, Schreibtisch und Kleiderschrank. Einzig das Bett war noch nicht belegt, zum Rauchen musste er in die Waschküche, besser noch in den Hof. Es sei ganz praktisch, dass er dort schlafe, erklärte er meiner Mutter am Telefon, er könne nachts hören, wenn sie den Nachttopf umstoße und er frage sich übrigens, wer von ihnen beiden wohl lauter schnarche. Sie habe endlich eine Wohnung gefunden, die sie sich leisten könnten, entgegnete meine Mutter. Sie sei nicht gerade hell aber habe einen Balkon und es sei jetzt an der Zeit, dass man sich überlege, wo man seine Sachen unterbringe, Oma habe ja wohl nicht erwartet, dass er aus einem Koffer lebe. Doch, entgegnete Oma. Zwar nicht wörtlich aber sinngemäß. Or kennt ja alles benutzn was da wär, denn Klaaderschrank in dor Kammer kennd er leer raime, in Goddes Name, er hätt e Bett, was or itze sons noch brauchn dät. Ein bisschen Privatsphäre wäre sicher nicht schlecht, erklärte ihr meine Mutter am Telefon, durch die Wände und das Belüftungssystem des alten Ofens höre man jeden Furz. Außerdem sei er nun mal Raucher und für einen Raucher bedeute es Stress, jedes mal einen diktierten Ort aufsuchen zu müssen, um zu rauchen. Sie schlage deshalb vor, mein Vater solle den Stall bekommen, um ihn ausbauen und seine persönliche Habe dort unterbringen zu können. Zweiteres sei vor allem deshalb nötig, fügte sie scharf hinzu, weil man zu zweit von einem verkümmerten Einkommen lebe und sich deshalb nur noch eine kleine Wohnung leisten könne, in welcher der Besitz meines Vaters leider keinen Platz mehr finde. Meine Oma mit ihren immer geschlossenen Augen presste den Telefonhörer ans faltige Ohr, fragte, ze was se itze ieberhaupt noch enne Wohnung brauchn dätn, hier wär doch genuch Platz firr alle drei un dess dor Ma Raucher wär, wär ja nu wärklich net ihre Schuld. Meine Mutter hatte nicht die Geduld mit ihr darüber zu streiten, weshalb mein Vater eine acht Quadratmeter große Kammer bewohnen müsse, wenn doch im Haus genügend Platz für drei Personen sei, geschweige denn ihr erneut zu erklären, dass sie in einer anderen Stadt lebe, weil sich dort ihre Arbeit befände. Sie legte auf, ging zwei Wochen nicht ans Telefon, rief meinen Vater nur nach Null Uhr an, bis er ihr schließlich mitteilte, er habe die Erlaubnis, den Stall auszubauen, er frage sich nur, wovon sie das Material bezahlen würden. Man müsse dann ja auch das Klo verlegen, am besten in die Waschküche, und wenn man das mache, dann sei es doch sinnvoll, gleich ein richtiges Bad daraus zu machen. Woher könne man dafür das Geld nehmen? Er solle Oma morgens bei Karstadt absetzen, vor ihr eine von ihren abgewetzten Pelzkappen auf den Boden stellen und sie abends wieder abholen. Aber Karstadt habe doch pleite gemacht, entgegnete er.

In diesem ausgebauten Stall befinden wir uns also, nennen ihn Kabuff und essen Käsetoast. Die Neonlampe bannt die Dunkelheit vor den Fenstern. Das Sofa ist grün, aus Leder und stand mal im Wohnzimmer der ehemaligen Wohnung. An die Wände hat er rohe Holzregale aus Dachlatten gezimmert, dicht bestapelt mit all seinen Dingen. Material nennt er das. Müsse man irgendwann alles neu kaufen, wenn man es wegwerfe. Bei seinem Umzug nahm dieses Material die meisten Kisten in Anspruch, von meiner Mutter gepackt und beschriftet mit ausschweifenden Bezeichnungen: ‚Bauteile mit vielen Kabeln‘ etwa. Teilweise hat er diese Umzugskartons direkt ins Regal gestellt. Dazwischen Pflanzen, mehr noch vorm Fenster, keine sehr gepflegten Pflanzen, aber meist üppig und ziemlich gesund. Die restlichen Flächen sind mit Häufchen verschiedener Sortierungen belegt, größtenteils Gebrauchsgegenstände wie Stifte oder Werkzeuge. Er habe aufgeräumt, bemerke ich anerkennend. Vater grinst nicht ohne Stolz, schiebt sich einen halben Toast in den Mund, kaut drei Mal und kippt Wein nach, ohne vorher zu schlucken. Ob es mich störe, wenn er rauche, fragt er, die Pfeife schon in der Hand. Ich schüttele den Kopf. Der Qualm riecht nach mehr als nur Tabak.

 

Mareike Schneider

Mareike Schneider

Mareike Schneider wurde 1981 in Leipzig geboren. Sie ist ist diplomierte Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin. Seit dem Beginn ihres Studiums des Kreativen Schreibens lebt und arbeitet sie in Hildesheim. Sie schreibt Prosa in Form von Miniaturen und Kurzgeschichten, zudem arbeitet sie an einem Familienroman. Sie veröffentlichte in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt Trashpool Nr. 4), verdingte sich als Lektorin, betrachtet die literarische Lesung als eigenständige Kunstform und leitete 2011 zu diesem Thema eine Lehrveranstaltung an der Universität Hildesheim. Man findet sie in unregelmäßigen Abständen auf Hildesheimer Bühnen, aktuell im Theater-Soap-Projekt »Vier Wände«. mareikeschneider.wordpress.com