Ausschnitt aus „Alles, was glänzt“ (AT)

Die jungen Menschen kennen unsere kleine Stadt. Sie fahren mit ihren Fahrrädern in die Täler, immer tiefer mit immer größeren Augen. Sie fahren zuerst die Bundesstraße entlang und dann den Radweg durch den Wald, am alten Sägewerk vorbei, ab dann ist der Weg nur mehr geschottert. Es schüttelt sie den Weg hinunter, in den Wald, die Bäume schütteln sie, wir schütteln sie, bis der Wald sie ausspuckt, auf einmal. Es überrascht sie immer. Plötzlich stehen sie vor uns, vor unserer Stadt. Dorf sagen sie, nein, sagen wir, Stadt und zeigen auf die eingravierte Tafel am Boden vor der Kirche. Stadt. Sie lassen die Fahrräder ins Gras fallen. Die grüne Wiese, das helle Licht. Wir vor ihnen, zierlich, unbedeutend, hinter uns der Berg. Sie fallen sich in die Arme, manchmal lachen sie laut, fast hysterisch, wenn sie sich auf der Wiese liegend wälzen, umarmen. Sie staunen über die bunten Farben unserer Bäume und die bunten Sachen, die aus dem Berg herauskommen. Unser Berg. Aus dem unsere Männer bunte Sachen herausholen. Wir wissen nicht mehr, wann es angefangen hat, dass die jungen Menschen gekommen sind und uns leer starrten, mit ihren Drogenaugen. Es muss gewesen sein, als dieses Festival im Nachbartal stattgefunden hat, mit dem lauten Bass, der unser Tal noch enger drückte. Irgendjemand muss ihnen von uns erzählt haben. Wir wissen nur noch, dass sie gekommen sind, bevor der Journalist da war. Das wissen wir genau.

 

Mittlerweile erkennen wir sie und wir glauben, dass sie die bunten Farben fühlen können. Sie strecken die Hände nach ihnen aus, manchmal scheinen sie sie in den Fingerspitzen zu halten, blau, violett, rot, sie fassen ihre Hände schmal, doch nicht zu eng, die Farben zerbrechen leicht, und fangen die Sonne nur mit einer Handbewegung, drehen sie zu sich, langsam, und halten sie vorsichtig in den Händen.

Sie bleiben nie in unserer Stadt. Sie reden nicht mit uns, wir möchten ihnen unsere Steine und Postkarten verkaufen, Bier ausschenken und Hotdogs verkaufen, das wollen sie doch, die jungen Leute, doch sie schütteln nur die Köpfe. Sie haben alles, was sie brauchen, erklären sie und zeigen auf ihre leeren Rucksäcke. Wir sehen nur ihre toten Augen. Wie sie uns leerstarren. Wie sie unsere Steine wegstarren. Wie sie das Lächeln nur langsam überkommt, dafür lange bleibt, als käme es ihnen über den Rücken heraufgekrochen und würde sie auf einmal auf ihren Lippen überraschen.

Irgendwann haben wir aufgegeben. Wir haben sie auf den Wiesen liegen sehen, wie sie vor dem Bergwerk die Lichter in den Händen halten, wie sie laut und schnell lachen, als hätten sie sich verschluckt, als hätten sie die Farben geschluckt, und wir haben sie ignoriert. Junge Leute sind für nichts zu gebrauchen. Sie bringen kein Geld. Geld bringt uns immer noch nur der Berg.

 

(…)

 

Marie Gamillscheg

Marie Gamillscheg

Marie Gamillscheg wurde 1992 in Graz geboren. Sie studierte Germanistik und Transkulturelle Kommunikation mit den Sprachen Französisch und Russisch in Graz. Seit 2014 studiert sie im Master Osteuropastudien an der FU Berlin. Sie war als freie Journalistin unter anderem für Die Welt, The European und Café Babel tätig. Darüber hinaus war sie Jurorin und Werkstattbetreuerin bei der Jugend-Literatur-Werkstatt Graz. 2012 war sie unter den besten 10 beim Fm4-Wortlaut-Wettbewerb des ORF. 2014 erschien eine Veröffentlichung in den »Lichtungen«, außerdem war sie unter den besten 20 beim Fm4-Wortlaut-Wettbewerb des ORF und Stipendiatin der »Werkstatt für junge Literatur« in Graz. Im November 2014 nimmt sie als Finalistin an der Floriana-Biennale teil.