Zwischen Hirnbalken

Zwischen meinen Hirnbalken ein Knarren und Knirschen. Ich lese Sätze und verliere Worte. Verliere Sinn und Verstand. Immer auch ein wenig des eigenen Verstandes. Bleibt auf der Strecke, bleibt liegen, bleibt stehen, bleibt mit irgendetwas von mir erhoben an irgendeinem Streckenabschnitt und bleibt dort wirklich so. Und den einen oder anderen, der auf der Suche ist, den schicke ich dann, schicke ihn auf meine Lebensstreckenabschnittswege, schicke den einen oder auch den anderen dorthin, wo ich etwas von mir auf der Strecke verloren gegangen glaube. Und dann staune ich, wie das von mir Verlorengeglaubte mit dem einen oder auch dem anderen steht, manchmal sogar, als wollten sie die Arme umeinander legen, wie sie dort stehen, dort, an Ort und Stelle wo sie sind, wo der eine oder der andere das von mir Verlorengegangene gefunden hat, dort auf diesem Streckenabschnittsposten, dort stehen sie, beinah Arm in Arm, und ich sage mir, wer so steht, muss auch warten können.
Muss warten können.

Zum Beispiel darauf, wie ich werde sein können, nachdem die Abrissbirnen meine Hirnbalken abgeräumt haben werden. Wie ich werde sein können, nachdem Verluststrecken wieder aufgenommen worden sind, Verlustverschüttetes wieder aufzurütteln, also wieder anzureimen. Oder auch anzudichten. Mit einer Heißlustpistole vielleicht, Heißluftpistole. Heilluftpistole.

Von Unterarmsommern habe ich gesprochen, von Wüsten- und Kalklandschaften. Ich reime mir alles, reime und dehne, sodass es mir in meine Wortschatzkiste passt. Wortschatzkisten mit Verschluss- und Verriegelmöglichkeiten. Einweggläser. Gläser für nur einen Weg aber auch Wegwerfgläser. Man weiß nie, wie dieses weg und weg oder Weg und Weg zu lesen zu verstehen ist. Einwegdinge. Dinge, die nach nur einem Weg weg zu legen sind. Abseitsstellung. Und das schon aus der Etikettierpistole. Kettentierpistole. An die Ketten gelegte Tiertötungsmaschinen. Langlebvernichtungsanlage.

Die Hirnbalken dehnen und biegen sich. Manchmal leide ich unter den Gewichten. Bin kaum fähig in die Kopfhöhe zu stemmen, was zu stemmen ist. Mit aller Kraft, die für mich immer auch Gewalt ist, anstemmen. Gegen sich selbst.

Gedankenreederei. Einer legt ab, der andere legt an. Man setzt über. Kreuz- und Queerfahrten, Linienverkehr. Fracht- und Hafenanstalt. Meinen Kopf aus Trübem fischen.

Drüben war und ist und wird immer die andere Seite sein.

Wortschatzkisten. Im Keller habe ich begonnen, die Ausdehnung aller möglichen Inhalte zu berechnen. Im Keller habe ich gestapelt, sortiert, ausgedehnt, eingenommen, einwegfest gemacht, poliert und verstellt. Habe mir alle Zugänge verstellt. Nun knirscht und knackt es zwischen den Hirnbalken.

 

Simone Kanter

Simone Kanter

Simone Kanter wurde 1981 in Herzberg/Elster geboren, wo sie ihr Abitur ablegte. 2001 begann sie ein Studium der klassischen Literaturwissenschaft in Köln, was sie jedoch abbrach um eine Ausbildung zur Buchhändlerin zu beginnen. Seither war sie als Buchhändlerin tätig und studierte zwischenzeitlich im Fernstudium Kulturwissenschaften. Simone Kanter lebt und arbeitet in Berlin.