Im Wald lag feiner Nebel in der Luft. Überall wo man hinschaute war es grün, zwischen den freiliegenden Wurzeln der Buchen wuchs Farn, das aussah wie ein Teppich, und von den Zwergmispeln seilten sich Wassertropfen ab, die in den Waldboden sickerten. Die Frontscheibe war angelaufen und ich wischte mir schon wieder ein Sichtfeld frei, damit ich die dampfende Straße erkennen konnte. Dieser feucht-warme Geruch war irgendwie grotesk.
Um ein Haar hätten wir die Einfahrt zum Camp verpasst, weil sie so verwachsen war und ein paar Äste auf dem Weg lagen. Hinter den Bäumen tauchte der Betonklotz auf, in dem alle Fensterscheiben fehlten, bis auf die im Erdgeschoss, die jemand von den Jungs erneuert hatte. Das Base Camp glänzte in der Sonne – vielmehr das, was noch davon übrig geblieben war: Eine nackte Fassade mit eingeworfener Leuchtschrift und glaslosen Fenstern.
„Sieht irgendwie anders aus, als beim letzten Mal“, sagte Ven. Sie zog ihre Sonnenbrille ab, weil es hier irgendwie duster war. Ich wusste was sie meinte – es sah ordentlicher aus, der Bauschutt und der Müll waren verschwunden und jemand hatte das Moos zwischen den Steinen entfernt. Ich parkte neben zwei vergilbten Wohnwagen und einem Transporter mit aufgespanntem Schlafdach.
Von drinnen hörte man Musik, Popsongs von Picks&Stone und Menschen, die redeten und lachten. Kurzzeitig kam es mir so vor, als würde das Lachen von dem Gebäude selbst ausgehen, und als wir durch die geöffnete Tür in den Flur traten, wo zwei Jungs hockten und versuchten Kirschkerne in einen Plastikbecher zu werfen, blickte ich auf den Boden und fühlte mich von etwas eingenommen. Etwas, das sich in mir ausbreitete wie ein schwelender Punkt.
Drinnen ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen, um herauszufinden, ob Boj da war. Ich tat es nicht absichtlich, aber es passierte einfach. Ich schaute nach links, zu der nackten Betonwand, an der ein paar Leute standen und redeten und nach rechts, wo ein Mädchen mit kurzen, roten Haaren ein riesiges, weichgezeichnetes Foto von einem Kolibri betrachtete. Und dazwischen saß ein Pärchen auf dem verstaubten Orientteppich und trank Dosenbier. Draußen entdeckte ich jemanden, von dem ich zunächst dachte, dass es Boj sein könnte, weil er einen ähnlich filigranen Nacken und ähnliche kastanienfarbene Haare hatte, aber er war es nicht. Dieser Junge war viel zu groß und breit und seine Haltung verriet mir, dass es ein komplett anderer Mensch war als Boj. Irgendwie war ich enttäuscht, auch wenn es unlogisch gewesen wäre, dass er hier sein würde.
Ich goss Ven und mir einen Becher Orangensaft mit Wodka ein, der so stark war, dass er mir fast wieder hochkam. Ich hätte gerne was hinterher getrunken, aber meine Devise war, mich so schnell wie möglich zu betrinken, weil das Auto morgen früh wieder um sechs vor der Haustür stehen musste und bis dahin sollte ich wieder nüchtern sein. Ven legte ihre Hand auf meine Schulter, als würde sie mir etwas zeigen wollen, aber sie sagte nichts, sondern schaute nur durch das geöffnete Fenster auf Solar, der langsam über den Bäumen aufging und einen glühenden, grünen Schimmer auf die Wipfel legte.
Dieses Leuchten erschien mir wie ein saugendes Gefäß – ich war Teil davon und auch nicht. Ein Hund jaulte auf und fing an zu bellen und es klang so, als wäre ihm jemand auf den Schwanz getreten. Ven löste ihre Hand wieder von meiner Schulter. Ihr Gesicht war in dem Licht merkwürdig kontrastarm, als gäbe es in ihr drin oder um sie herum keine Tiefe. Ich dachte, dass wir ganz langsam, Stück für Stück und Körperteil um Körperteil verschluckt werde würden und es fühlte sich gut an.

Als ich den zweiten Plastikbecher heruntergekippt hatte und den Drang bekämpfte, mich hinsetzen zu müssen, entdeckte ich Kid. Ich war gerade mit Ven in ein oberflächliches Gespräch über Poss verwickelt, aber hörte eigentlich nicht richtig hin, sondern dachte darüber nach, ob Kid einen Linksdrall hatte oder nicht. Dass er sich ungewöhnlich oft den schwarzen Pony aus der Stirn
fummelte, stand außer Frage. Es wirkte wie ein Tick: Er setzte die Hand an und wischte nach links und dann ließ er die Hand wieder sinken, um sie direkt wieder anzuheben. Mir wurde fast schwindelig, als ich ihm dabei zusah.
„Es ist typisch Poss, dass sie mich anruft und sagt, sie wäre schon auf dem Weg, aber dabei hat sie nicht Mal das Haus verlassen. Ich wette mit dir, sie schläft noch oder so“, sagte Ven, die irgendwo in die Ferne schaute, wahrscheinlich auf die Wand oder die Jungs, die am anderen Ende des Zimmers standen und giggelten.
„Vielleicht ist es auch egal“, sagte ich und trank noch einen Schluck. Ich war irgendwie aufgeladen und es nervte mich zunehmend, wenn Ven redete. Sie zog die Augenbrauen hoch und wollte gerade etwas entgegnen, als Kid sich vor uns aufbaute.
„Na, ihr“, sagte er und kam mir etwas verlegen vor. Seine Wangen waren gerötet und seine Augen sehr glasig.
„Wie geht’s?“, fragte ich und aß eine Salzbrezel, die mir Ven gegeben hatte.
„Gut, gut“, sagte Kid und seufzte. Dann verdrehte er seine Zunge und ich konnte die helllilafarbene Unterseite sehen, durch die sich eine dicke Ader abzeichnete.
„Alles in Ordnung bei dir?“, fragte Ven, „du siehst aus, als hättest du dich nicht mehr unter Kontrolle, Kiddo.“
„Doch, klar. Klar.“ Er schluckte und stellte sich gerade hin und merkte dabei, dass ihm sein T-Shirt aus Hose gerutscht war, weswegen er versuchte es wieder in den Bund seiner engen Jeans zu stecken, ohne den Latz zu öffnen. Es sah umständlich aus, wie er mit dem ausgeleierten, hellgrauen Stoff kämpfte.
Dann fing er plötzlich an zu lächeln, mit zwei tiefen Grübchen auf den Wangen, und sang Set Yourself Into The Light und drehte sich zwischen zwei Mädchen mit weit ausgestellten Kleidchen, die kicherten.
„Freak“, sagte Ven und schüttelte den Kopf. Sie bot mir noch eine Brezel an, die ich ihr aus der Hand nahm, obwohl ich keine Lust hatte, sie zu essen.
„Danke“, sagte ich.
Ich fand nicht, dass Kid ein Freak war. Ich mochte ihn. Ich mochte ihn und dieses ganze Haus und alles was drumherum war: Die Mispeln und den See, auf den man von der Terrasse aus schauen konnte und dass man sich hier niemals fehl am Platz fühlte. Jeder konnte tun und lassen, was er wollte. Hier oben zu sein war ein bisschen wie ein nasser Badeanzug, der langsam anfängt zu trocknen und das Gefühl, dass bestimmte Stellen länger nass bleiben als andere. Der Rest war irgendwie verschwunden. Ich kippte mir ein bisschen abgestandene Kola in einen weißen Plastikbecher und dann noch einen Schuss Wodka hinein und es schmeckte ziemlich beschissen, aber ich fühlte mich schon schwummrig und das war gut so. Das war genau das, was ich brauchte.
Ven war mit einem Jungen mit spitzen Zähnen ins Gespräch gekommen, den ich noch nie gesehen hatte, und ich ließ mich von der Idee berieseln, dass man anfangen könnte grundsätzlich nur noch durch Berührungen zu kommunizieren. Ich dachte plötzlich, dass hier im Camp eine gesunde, menschliche Rotation herrschte, die unten in Kap Solar fehlte. Im Kap war man immer der gleiche Mensch. Und diese Analogie löste sich hier oben auf.
Nach ein paar Stunden, als sich Solar immer weiter aufgebläht hatte, von diesem murmelgroßen, grünlich-schimmernden Punkt zu einer glimmenden Kugel gewachsen war, saß ich mit einem Plastikbecher zwischen den Knien auf einer Sonnenliege und Kid hockte neben mir. Ich fühlte mich so, als würde ich von unten nach oben schmelzen oder als würde ich aus einer warmen, klebrigen Flüssigkeit bestehen. Alles fühlte sich kribbelig an und ich dachte, ich würde in einem See aus Magnolienblüten schwimmen, und dann dachte ich, dass ich aufhören sollte, über diese Dinge nachzudenken, und dass es unlogisch war, was ich gerade gedacht hatte. Kid blickte mich mit funkelnden Augen an. Wir hatten uns ziemlich lange über den Sommer im Kap unterhalten und darüber,
dass er den Ort noch nie so richtig verlassen hatte, genauso wenig wie ich. Ich hätte gerne seine Hand gehalten, weil ich irgendwie den Drang hatte es zu tun, aber ich ließ es bleiben, weil ich wusste, dass es am Mond lag, von dem heute Nacht eine außergewöhnliche Kraft ausging. Es fühlte sich so an, als würden Kid und ich zusammen in einer Hülle aus Glaswolle schweben und als wären wir die einzigen Menschen, die Zugang zu diesem Ding hatten. Es lag etwas über uns, das uns unwiderruflich verband.
„Am krassesten wäre es, wenn man einfach noch weiter nach Süden fährt, oder? Das ist, glaube ich, das Einzige, was mich interessiert. Auf den Norden kann man doch scheißen. Da gibt’s doch nichts. Da ist alles so normal.
Aber die pure Wüste – Sand. Hitze. Und Solar so groß wie ein riesiges Maul, das einen auffrisst.“
Kid kaute Kaugummi. Seine Schneidezähne waren länger, als seine restlichen Zähne und der linke schob sich ganz leicht über den rechten. Ich konnte nicht genau sagen, an welches Tier er mich erinnerte, irgendein Nagetier oder etwas mit einer länglichen Schnauze.
„Woran denkst du?“, er schaute mich an und ich schaute zurück und ich hatte keine Ahnung, wie lange wir uns schon so anschauten. Vielleicht wäre das der richtige Zeitpunkt gewesen, um zu knutschen, aber irgendwas hielt mich davon ab. Stattdessen sagte ich: „Ich würde auf jeden Fall in den Norden.
Niemals in den Süden. Ich meine, wir sind im Süden. Wir sind der Arsch, oder nicht?“
Kid schaute mich so an, als hätte ich etwas gesagt, dass ihn irgendwie verwirrte. Ich wusste es nicht. Ich hätte genauso gut etwas anderes sagen können.
Der Wind hatte aufgedreht und blies den Rauch vom Lagerfeuer genau in meine Richtung. Der Himmel glühte in blau, grün, türkis und je länger ich draußen saß und Solar auf uns herunter strahlte, desto eher kam ich mir vor wie ein Luftballon, den man an Wolle gerieben hatte. Meine Haut fing an zu brennen, bis sich das Brennen in ein Knistern verwandelte und ich schaute intuitiv zu Ven rüber, die mit einem Fremden knutschte, der einen Leberfleck auf dem Nacken hatte. Ihre Zunge blitzte zwischen den Lippen hervor und sie hatte so einen starren Blick mit großen, aufgerissenen Augen, die glänzten wie Pech. Mich überkam der Impuls, ihr durch die Pupillen zu lecken oder ihr zumindest zu sagen, wie hübsch sie war und als sie merkte, dass ich sie anschaute, lächelte sie und streckte ihre Hand aus und zeigte zwischen zwei Wipfeln hindurch. Solar waberte in dem schönsten Grün, das ich jemals gesehen hatte. Der Mond schien aus dem Inneren heraus zu zerfließen und der Anblick war so unerträglich, dass mich ein bohrender Schmerz erfasste und zu Boden drückte. Ein heftiges Stechen zerriss meine Brust und ich fing an zu husten, aber anstatt erschöpft auf die Wiese zu sinken, zurrte mich irgendetwas von innen zusammen. Es kam mir so vor, als könnte ich wieder sehen, und als wäre diese matte Farblosigkeit, die auf der Welt gelegen hatte, verschwunden: alles pulsierte und fühlte sich lebendig an. Ich fühlte mich lebendig.

Es gab Nächte, die mich an diesen Gefühlszustand erinnerten, völlig schwerelos und vage zu sein. Auf einer Luftmatratze zu treiben und von einer Libelle umschwirrt zu werden. Eine Wunde aufzukratzen, die fast zugewachsen war und darunter kommt ein weißer, klebriger Sud zum Vorschein und die Erkenntnis, dass es Fleisch ist, was an einem dran klebt und der Körper aus Fleisch besteht, das sich bewegt und in das Nervenbahnen eingelegt sind, die etwas wie Berührung suggerieren. Dass ein Finger über einen Handrücken streicht und sich weiter den Arm nach oben bewegt, über die Armbeuge bis zur Schulter. Dass sich eine Hand auf ein Schultergelenk legt und dieses Gelenk mit hautüberzogenen Knochen umschließt, durch die Wärme dringt. Dass eine Wärme in die andere Wärme eindringt und sich diese Gefühle vermischen. Ich wusste nicht, ob Berührungen echt waren. Aber manchmal dachte ich, dass es irgendwas mit den Wolken und der Atmosphäre und der Durchlässigkeit und einem selbst zu tun haben musste. Dass Erinnerungen Trugschlüsse waren, die dafür sorgten, dass das menschliche Bewusstsein nicht auseinander fällt. Es gab eine Zeit, in der ich sehr glücklich gewesen war oder ich war es zumindest in meiner Erinnerung, und diese Zeit fiel unweigerlich auf meine Kindheit. Darauf, wie ich auf einem von der Sonne angewärmten Stein sitze und Grashalme aus dem Boden zupfe und dann entlang der Mittelnaht auseinander reiße. Ich ritze sie erst mit dem Fingernagel an, so wie meine Mutter Brechbohnen mit einem Fingernagel einritzt und dann entzweit. Und über mir ist es irgendwie unaufgeregt blau. Aber etwas an dieser Erinnerung kam mir komisch vor, ich wusste nicht, ob es der Hintergrund war – eine Steinmauer und darüber blühender Flieder und ein Erdstreifen auf meiner Wange, der zwar auf meinem Gesicht drauf ist, jedoch nicht zu mir gehört, so wie sich Teile meines Körpers, wie meine rechte Hand und mein Schlüsselbein und meine Stirn, nicht als Teil von mir, sondern als Teil der Umgebung anfühlen, aber ich gleichzeitig auch aus diesem falschen Bild hervortrete, indem ich meine Augen öffne und auf eine Reflexion im gegenüberliegenden Fenster schaue – oder ob es daran lag, dass ich zum ersten Mal begriffen hatte, dass ich alleine war. Dass ich ein Mensch war,
der dazu verdammt war, mit sich selbst auszukommen. Drei Düsenflieger krachten durch die Wolken und ich dachte, dass ich nichts anders war als ein Automat. Ein Automat aus Fleisch und Blut und Sehnen. Jemand hatte mich von hinten umarmt und ich hatte diesen Menschen zurück umarmt, ohne zu wissen, wer es war. Wir zerflossen ineinander wie weißer und blauer Schnee. Ich mochte Erinnerungen an Gefühlszustände, die sich nicht mit Worten beschreiben ließen, sondern sich wie Farbverläufe anfühlten. Ich mochte das Wort diffundieren. Ich diffundierte in einem Gefühl, das ich selten so stark gespürt hatte. Einem allgegenwärtigen Existenzgefühl.
Und dann wachte ich auf einem weichen Untergrund auf. Alles bewegte sich und es roch nach heißem Gummi und irgendjemand kreischte.

 

Jenifer Johanna Becker

Jenifer Johanna Becker

Jenifer Johanna Becker wurde 1988 in Mittelhessen geboren. Heute lebt sie in Hannover. Sie studierte Journalistik in Hannover und Literarisches Schreiben in Hildesheim. 2011 gewann sie den Literaturpreis Prenzlauer Berg. Von ihr erschienen bereits Texte in Zeitschriften und Anthologien.