Auch im Frühjahr 2015 erscheinen wieder viele spannende Prosa- und Lyrikdebüts. Einige von ihnen stellen wir in den kommenden Wochen vor. Den Autoren haben wir ein paar Fragen zur Literatur und Person gestellt.
Heute: Verena Boos

»Für die junge Spanierin Maite ist das Studium in München vor allem eine Chance, ihrem konservativen Elternhaus zu entfliehen. Ihre Heimat Valencia, berühmt für den Handel mit makellosen Orangen, wird ihr allmählich fremd. Sie verliebt sich in Carlos, der aus einer deutsch-spanischen Familie stammt, und befreundet sich mit seinem Großvater Antonio. Der alte Emigrant berichtet von nie gehörten Ereignissen und erzählt doch nicht alles. Eines Tages wird aus der Zuhörerin eine Fragerin: Wie gelangte ihr Vater in eine deutsche Uniform?«

9783351035945

Erster Satz (des Buches)?
»Sieben liegen da.«

Was bedeutet literarische Tradition für Sie?
Ich selbst sehe mich nicht in einer Tradition stehend, obwohl man da sicher etwas finden könnte, wenn man sich auf die Suche machte. Ich hab mir die Frage nie gestellt. Im Sinne des Überlieferten – klar, wichtig. Das Studium der alten Meister, wobei meine Meister ziemlich zeitgenössisch und angelsächsisch sind. Und ich würde auf jeden Fall alle erzählenden Genres dazu zählen, auch Filme und Serien, über die ich oft länger nachdenke als über manche Lektüre.

Mit der literarischen Tradition ist es ein bisschen wie mit Omas Konservenkeller: man geht an den Regalen entlang und schaut sich die Tiegel und Gläser an, kleine und große, Süßes und salzig Eingelegtes. Man probiert hier und da, manches schmeckt, aber nicht alles. Man hat nie genug Zeit, um von allem zu naschen, geschweige denn alles zu essen. Man hat seine Vorlieben. Manches, na ja, nimmt man zur Kenntnis, obwohl alle anderen behaupten, dass genau dieses das Höchste der Gefühle sei. Wer schreibt und publiziert, steht natürlich in der langen Tradition all dessen, was davor schon kam. Muss halt aufpassen, dass es einem nicht auf den Magen schlägt.

Ist Literatur essentiell?
Natürlich kann man ohne Literatur leben. Wenn man aber betrachtet, in wie vielen existenziellen Situationen die Menschen sich an Literatur (Kunst und Kultur) aufrichten, dann würde ich sagen: Ja. Und irgendwas muss doch an ihr dran sein, wenn man über Jahre an einem Projekt schreibt, ohne zu wissen, ob man einen Verlag dafür findet, sich mit Brotjobs verdingt, sich das Kreuz ruiniert und das alles in allem als befriedigend empfindet … also ja. JA!

Ihr Motto?
Eines? Dutzende. Ein Wechselrahmen für die Wand über dem Schreibtisch wäre toll. Ein recht schönes ist »Blutorangen« vorangestellt: »Empathy is, first of all, an act of imagination, a storyteller’s art.« Stammt von der großartigen Rebecca Solnit, die es sich im Übrigen lohnt mal auszuchecken.

Wem erzählen Sie Ihre Geschichte?
Natürlich jedem, der sie lesen möchte, denen, die sich darin wiederfinden. Irgendwie auch jenen, die schon gegangen sind, denen die große, offizielle Geschichte ihre persönliche genommen hat. Und letztlich mir selbst. Auch nach vier Jahren und dem gefühlt 100.000ten Korrekturdurchgang bin ich der Story und der Charaktere nicht überdrüssig geworden. Ich hoffe, dass die Geschichte für alle anderen Leser ein gutes Tempo hat, einen guten Bogen, sie enthält jedenfalls das, was mir selbst bei Romanen und Filmen gefällt: Dinge, auf die man sich im Nachhinein einen Reim machen kann, die wie Mosaiksteinchen allmählich ihren Ort finden; Zeitsprünge und Spiegelungen; blinde Flecken in den Lebensgeschichten …

Was soll man nach der Lektüre (Ihres Buches) machen?
Am besten schon zur Lektüre einen guten spanischen Rotwein trinken! Freunde bekochen. Sich Gedanken machen über die Welt hinter den Worten. Keine Schlussstriche ziehen. Unsere Website zum Buch besuchen.

 

Die Buchpremiere von »Blutorangen« findet am 16. März in der Lettretage statt