Noch kamen wir nicht dazu, all die Bücher zu lesen, die gerade um uns herum erscheinen. Trotzdem wollen wir Euch in den nächsten Tagen einige vorstellen, von denen wir denken, sie sind gut, interessant und es wert, dass wir sie alle lesen. Wir verlassen uns dabei ganz auf unseren Instinkt und die Verlagsprosa. Heute: Kookbooks

 

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DANIELA SEEL
WAS WEISST DU SCHON VON PRÄRIE
GEDICHTE

Was weiß ich von Prärie, solange
ich keine aus eigener Anschauung
und Umgang kenne, woher
kommen mein Wissen, meine
Vorstellungen von Prärie, und
wie informieren diese meine
Wirklichkeit? Wie formen
Fiktionen meinen Alltag, indem
sie in ihm anwesend sind, in
Denk- und Sprachpraxis, mein
Handeln (mit-)gestalten? Wie
werden Landschaftserzählungen
zur Legitimierung von Machtstrukturen
und Ausbeutung
eingesetzt, zum Schüren von
Angst, Größe, Heroismus? Und
mit welchen, auch künstlerischen,
sprachlichen Strategien lässt
sich dem entgegenwirken?

Es soll (Un-)Gleichzeitigkeit
geben, (Gegen-)Bewegung,
Zu- und Widerreden, Schwebe.
Elastische Fährten, die von Ohren
aus expandieren. Schmirgeln,
Schlürfen, Knarzen und Quietschen.
Fluide Syntax. Plastizität.
Und Lücken. Unwuchten, wo
Erosion sichtbar wird. Wo jemand
überempfindlich ist, etwas nicht
schon versteht.
– Daniela Seel

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HENDRIK JACKSON
SEIN GELASSEN
PARMENIDES -notate

ursprünglich als Trostbuch konzipiert, aus der
Erfahrung eines abrupten Verlustes heraus, das
Bildnis rieselnden Lebens, schraffiert hin auf
Schönheit und Gelassenheit – – – sind diese
tastenden und zaudernden Notate versucht, ent-
gegen der Natur reflexhafter Reflexionen, Marksteine
zu setzen im rückwärtigen Nebel, wo ein
Sein zu erahnen wäre – wie jenes, das in den stets
begleitenden Schriften Parmenides‘ anklang?
irgendwo zwischen absolutem Außen und unendlicher
Inwendigkeit schimmerte ein Versprechen vor
Augen, dass mehr wäre als das, was zu Anekdoten
verflochten sich in Erzählungen erledigte.
ein
Bleibendes, das, nicht in Anspruch genommen,
sein gelassen würde.
an dem einen Pol möge Novalis einstehen für
liebendes Zeitloses fast, am anderen der slowenische
Dichter Dane Zajc für eine Poesie hin zu
dem äußersten denkbaren Punkt, inmitten schwerblütigsten
Aufscheins von schönem Anhaften an
dies Leben zum Tode. eine Dauer wird erdacht, die
nicht mehr nur innig ist und doch „nicht nicht sein“
kann (und auch nicht nichts werden) – damit aber
immer noch nicht ganz bei Trost wäre, vielmehr
momenthaft wie Eisblume und Lumen.
– Hendrik Jackson

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CHRISTIAN FILIPS, MONIKA RINCK
FRANZ TRÖGER
LIEDER FÜR DIE LETZTE RUNDE
CD

In der Tiefe langer Abende
kommen in dunklen Lokalen
große und schwere Fragen auf:
der aufgewühlte Grund. In dieser
Lage hilft nicht mehr viel weiter,
eines aber hilft immer: ein Lied
für letzte Runde, die sich mit
diesem letzten Lied noch ein
wenig hinauszögern lässt. Radikal
und zaudernd. Verdreht und
berauscht. Zur Nachtschicht aller
Zöglinge der Augenblickskunde.
Es sind altmodische Chansons,
also kein Pop in dem Sinn. Eher
so: Die Krypto-Diva steht am
Rand und tonlos lacht sie. Dann
lacht sie wieder laut, doch tanzen
tut sie nicht. Ein Rabe hebt sich
in die Lüfte. Neben ihm stürzt ein
Wunsch, der keine Flügel hat, in
die letzte Tiefe. Kommt sogleich
wieder herauf, stemmt sich über
die Kante und singt mit der Diva
ein schwieriges und liebes Duett.