Er ist drauf und dran, zu einer unverzichtbaren Tradition zu werden: der Autorenworkshop am Vortag des open mike. Denn nicht nur darf er sich mit einem Cast renommierter ProtagonistInnen aus dem Literaturbetrieb, sondern auch mit dem Gütesigel „Qualität seit 2014“ schmücken. Zugegeben, das klingt nicht ganz so beeindruckend wie die Firmengeschichte einer alteingesessenen Ledermanufaktur, aber immerhin ist es an diesem Freitag die erste Fortführung einer 2014 gegründeten Instanz, die zu bewahren alle Beteiligten gewillt sind.

Und da haben wir es auch schon: Traditionen lassen sich fortführen und bewahren. Man kann aber auch mit ihnen brechen, sie hoch- oder an ihnen festhalten, es können gute, alte und verpflichtende sein. Oder literarische. Genau damit setzen sich die diesjährigen TeilnehmerInnen des open mike heute Nachmittag auseinander. Unter dem Motto „Literarische Traditionen“ haben die AutorInnen die Möglichkeit, sich in den Themengruppen von Kathrin Röggla, Kerstin Hensel, David Wagner und Ferdinand Schmatz mit dem Sujet auseinanderzusetzen – diskursiv, kreativ und performativ:

Die von Autorin Kathrin Röggla angeleitete Arbeitsgruppe befasst sich mit dem Thema „Kunst zwischen Autonomie, political correctness und sozialem Auftrag“. Ausgehend von der Feststellung, dass das Theater seinen sozialpolitischen Auftrag lange schon erkannt hat und auch bearbeitet, müssen sich nun auch die AutorInnen fragen: „Wie können wir uns stets neu in dem Kraftfeld zwischen Politik und Literatur definieren?“ Eher performativ nähert sich Kerstin Hensel, Autorin und Dozentin an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, dem Thema. Gemeinsam mit dem Schauspieler und Sprecher Alexander Bandilla geht es bei ihr um „Text & Stimme – Inszenierung als Dimension von Literatur“, also um die sinnliche Erscheinung und lautliche Präsentation von Texten. Autor David Wagner nennt seinen Workshop „Das bin doch nicht ich: Schreibstrategien und Verfahren literarischer Selbstdarstellung“ und erforscht vor dem Hintergrund der Konjunktur des Autoren-Ich im Text die Frage, „wer hier eigentlich spricht“.
„Kunst als Lebensform: Schreibverfahren literarischer Avantgarden“ lautet der Ansatz von Ferdinand Schmatz, Autor und Leiter des Instituts für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Ziel des Nachmittags ist bei ihm die Erstellung eines gemeinsamen Textes in Anlehnung a H.C. Artmanns Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes. Denn: Nichts entsteht aus Nichts.

Wir werden natürlich mit von der Partie sein und nach dem Wettbewerbswochenende ausführlich berichten. Eines darf man aber jetzt schon vermuten: Es wird spannend. Denn als die AutorInnen im Vorfeld gefragt wurden, was literarische Tradition für sie bedeute*, kamen die unterschiedlichsten Antworten zurück:
„Nichts.“
„Scham.“
„Schlaflose Nächte.“
„Fortsetzung folgt.“
„Immer wieder: Anreiz. Arbeit. Produktivität.“
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„Etwas, an dem man sich abarbeitet, das immer, auch unbewusst, mitschreibt, das man liebt und hasst, verwirft und zu dem man reumütig zurückkehrt, weil es doch kein Loskommen gibt.“
„Wenn meine Oma abgelaufene Konserven und wiedergefundene Bücher anschleppt, von denen ich noch nie gehört habe.“

In diesem Sinne: Lasset den Workshop beginnen. „The same procedure as last year, Miss Sophie?” – „The same procedure as every year, James.”

* (nachzulesen in den Beiträgen zu den jeweiligen KandidatInnen)