Auch im Frühjahr 2016 erscheinen wieder viele spannende Prosa- und Lyrikdebüts. Einige von ihnen stellen wir in den kommenden Wochen vor. Den Autoren haben wir ein paar Fragen zur Literatur und Person gestellt.
Heute: Anja Kampmann


Erste Zeile/Vers (des Buches)?
ein manöver an der ostsee

 

Was bedeutet literarische Tradition für Sie?
Alles. Und das Vergessen von Allem.
Es gibt Dichter die ich liebe, weil sie wild und ungestüm und zart sind wie ein Robinson Jeffers.O der ein Wallace Stevens, oder, oder . Es gibt keine kurze Antwort darauf. Es gibt Leuchttürme, schroffe Felsen und seichten Quatsch, der mich zum Wahnsinn treibt. Aber dann gibt es die Rückkehr zum Blatt. Das Spazieren, das Zurücksinken. Man muss bei aller Liebe selber laufen.

 

In welcher anderen außer Ihrer Muttersprache würden Sie gerne dichten können?
Herder sagt, die Sprache sei niemals etwas bloß Gemachtes, sondern ein von Innen her und notwendig Gewordenes. Das heißt auch, dass sich Erfahrungsschichten ablagern, die Sprache ist nicht fertig, sie ist ein langer Prozess.

Deswegen liebe ich z.B. etymologische Wörterbücher. Darin steht zum Beispiel, dass spazieren von spatiari -sich ergehen kommt. Das ist doch interessant, man geht zu sich, oder geht sich nach, und die nächste Frage wäre dann, ob Gummistiefel und viel frische Luft wirklich helfen, um dieses Selbst zu finden.

Wenn wir uns andere Sprachen anschauen, zeigen sie direkt auf unsere eigenen blinden Flecken; da gibt es Zeitformen, die es für uns nicht gibt, und Verlaufsformen, in denen Erfahrung nicht – wie im Deutschen – an das Subjekt gebunden bleibt. In einer anderen Grammatik gelten andere Hierarchien, das wie des Denkens ändert sich, und mit ihm das Verhältnis, in dem wir der Welt
begegnen und von ihr berichten. Solche Überlegungen sind mir wichtig; andere Sprachen können uns zeigen, worin wir stehen, wenn wir sprechen.

Um die Nuancen einer Sprache zu erlernen – braucht es – Jahrzehnte.

Aber klar, wenn ich schnipsen könnte; dann her mit dem perfekten Russisch am Samowar, oder das tiefe Verständnis einer ostasiatischen Sprache – am besten alte und neue Formen zusammen – nur ganz so einfach ist es nicht. Sprachen sind nicht bloß das Sprechen über Welt, sie sind und bestimmen unser Verhältnis zur Welt.

 

Ist Lyrik essentiell?
Ein starkes Gedicht kann eine Erfahrung vermitteln, etwas, was über einen längeren Zeitraum oder an verschiedenen Orten erlebt wurde, und sich im Alltag vielleicht nur als diffuses Gefühl zeigt. Essentiell wird das Sprechen dann, wenn sich diese Randerfahrungen verdichten, etwas aussprechbar wird, was in der alltäglichen Wahrnehmung keinen Platz hat.

 

Was soll man nach der Lektüre Ihres Buches machen?
Stellen Sie sich vor, Sie haben diese Landschaften durchlaufen, all das wirklich erlebt. Der Titel und die Kapitel wirken schroff, aber die Bilder erzählen von Menschen und Gegenden, sie sind ganz konkret. Ich stelle mir vor, jemand trinkt am Abend einen Scotch oder geht über einen feuchten Heimweg nach Hause.

Vielleicht schaut er abends aus dem Fenster in den Hof, und ihm fällt der Junge mit dem blauen Auge ein, der von seinem kleinen Bruder von der Straßenbahn abgeholt wird.

Oder in einer weiten Landschaft, viel Grün rundum, tauchen vor dem inneren Auge auf einmal die Hunde auf, mit Wirbeln aus Glas und losen Stricken, die nach einem Krieg zu niemandem mehr gehören.

Wenn einige dieser Bilder es bis in unsere Welt schaffen, bin ich froh.