Donald J. Trump.

Als wir Lektoren gestern gefragt wurden, ob wir zum Abschluss heute vielleicht auch etwas sagen könnten, ein Grußwort, ein paar Wünsche, Hoffnungen und Ratschläge für die Zukunft von euch, den Autoren, waren meine ersten Gedanken:

Erstens: Hoffentlich muss ich das nicht machen und nochmal auf diese Bühne hinauf. Hoffentlich meldet sich einer der Kollegen. Diese Hoffnung, ihr ahnt es vielleicht schon, hat sich jetzt eher nicht erfüllt. Aber in diesem Zusammenhang wollen wir euch auf jeden Fall schon mal zurufen: Ihr seid Helden! Ihr habt die Texte geschrieben, ohne die dieser Wettbewerb vollkommen sinnlos wäre. Und wir wissen, dass ihr alles in diese Texte hineingelegt habt. Wir ahnen zumindest, wie viel Kraft das kosten muss, und wir möchten euch dafür danken. Und wir bewundern euch für euren Mut, euch unserem Urteil, dem der Jury, des Publikums und der Lektoren, zu stellen. Euren Mut, hier auf diese Bühne heraufzukommen und zu lesen. Wir würden tausend Tode sterben.

Und mein zweiter Gedanke: Oh Gott, eine Rede, ausgerechnet in dieser Woche. Wie soll man bloß in dieser Woche eine Rede halten, ohne Donald Trump zu erwähnen. Das habe ich mit meinen ersten Worten und auf eine zugegebenermaßen ziemlich plumpe Weise hiermit also getan. Ich verbinde damit übrigens zugleich die hoffnungslose Hoffnung, den open mike 2016 vor dem in den Feuilletons Jahr für Jahr reflexartig vorgebrachten Vorwurf gerettet zu haben, diese ganze Veranstaltung hier sei ein gänzlich unpolitischer Wettbewerb für die Sprösslinge der saturierten Mittelschicht. Gern geschehen.

Aber ganz so einfach wird man es uns wohl, und vor allem euch, nicht machen.

Als ich die Trump-Reden-Problematik gestern bei einem Hofgespräch in der Pause aufbrachte, erzählte mir ein kluger Mensch aus der kleinen Stadt Nærsnes in Norwegen, das ein Landsmann von ihm, der amtierende Schachweltmeister Magnus Carlsen, der in diesen Tagen versucht, seinen Titel gegen den russischen Herausforderer Karjakin zu verteidigen, eine unvergleichlich klügere und schönere Art der politischen Fußnote ersonnen hat. Er begann die erste Partie nämlich mit einer sehr seltenen Eröffnung der sogenannten Trompowsky-Eröffnung, oder wie die Fachwelt nur Sekunden später jubelte, der Trumpowsky-Eröffnung. Carlsen macht den russischen Trump, sozusagen.

Wenn wir Lektoren gefragt werden, was für uns einen guten Text auszeichnet, fällt oft das Stichwort „Überraschung“. Aber was soll das überhaupt sein, im Literaturzusammenhang? Vielleicht ja genau das:

Schreibt worüber ihr wollt, aber nur, wenn der Stoff interessant genug ist, euch selbst über Monate und Jahre immer wieder zu überraschen. Schreibt über Tod oder Liebe oder Raumschiffe oder unseretwegen auch über gescheiterte Beziehung von 25-jährigen Germanistikstudenten, schreibt politisch oder lasst es eben. Aber wenn ihr über Donald Trump sprechen wollt, dann bitte: Stellt euch nicht auf eine Bühne und sagt die Worte Donald J. Trump. Macht lieber eine Trumpowsky-Eröffnung. Sucht den Humor, wo alles dunkel scheint. Sucht die Schönheit, wo alles voller Wehmut ist.

Oder macht was ganz anderes und überrascht uns damit.

Ihr könnt das, wir glauben an euch.