Vom 08.-11. Juni findet PROSANOVA 17 statt, die 5. Ausgabe des Festivals für junge Literatur in Hildesheim. Judith Hördt ist mit dabei. Heute schreibt sie für open mike den Blog darüber, wie das PROSANOVA-Team einen leer stehenden ALDI betreten hat & jemand später die Polizei ruft. Und sie lädt ein, nach Hildesheim: »Im Juni, wenn die Sonne scheint. Alles andere wäre crap.«


Vom Discounter zum Literaturfestival – Eine Einladung.

Der Tag, an dem die Polizei kommt, ist ein guter Tag. Es ist zum ersten Mal im Jahr so richtig heiß, mir läuft der Schweiß den Rücken runter, während ich Staub und Dreck aus dem Kegelcenter wische. Es ist der Tag, an dem wir zum ersten Mal den leer stehenden ALDI betreten, der von jetzt an uns gehört, und es ist der Tag, an dem jemand die Polizei ruft, weil angeblich fünf Jugendliche im besagten ALDI skaten. Die Wirklichkeit sieht anders aus, niemand skatet, keine Skaterboys und -girls. Stattdessen nur wir. Wir putzen den Boden, wir schrubben Regale und Toilettendeckel so lange, bis ich bedenkenlos daran lecken würde. Wir knien auf den Steinen in der zugigen Halle, die bei jedem Windstoß klappert wie ein rostiges Schiffswrack, und zimmern Paletten zusammen.
Wir tun das so lange, bis endlich Juni ist und bis endlich PROSANOVA ist. Denn dafür machen wir das alles. Für ein Literaturfestival im Juni. Im Juni in Hildesheim, wenn endlich die Sonne scheint, auf dem Gelände mit den Veranstaltungsorten, die so wunderschöne Namen haben: Dieselhalle und Eisenhalle. Rasselmania und das Kegelcenter, in dem nie jemand gekegelt hat, und das Schimmelhäuschen, in dem es mittlerweile nur noch ein bisschen schimmelt. Niemand kann das so richtig, also das Bauen. Ständig fehlt Werkzeug, jemand hat die Stichsäge abgebrochen und Holz gibt es auch zu wenig. Aber Scheitern gibt es hier nicht, gescheitert wird woanders, nicht bei uns. Denn wir haben Vorfreude. Vorfreude ist die freudige Erwartung eines zukünftigen Ereignisses. Vorfreude macht vieles wieder gut. Zum Beispiel, dass ich mir heute an einer Glasscherbe den Finger geschnitten habe. Es hat getropft. Aber hey, ich habe Vorfreude. Oder, dass ich ein bisschen Sonnenbrand auf der Nase habe und mir die Schulter weh tut vom Akkuschrauberhalten. Alles halb so schlimm, denn Vorfreude ist die schönste Freude, sagt man. Und auf Feste freut es sich am besten.
Ein Fest ist ein besonderes Ereignis, eine Feier ein Synonym dafür und ein Festival die Steigerung davon. Festival, das heißt vier Tage Erlebnis, Ekstase, Exzess. Raum für Gespräche und Lesungen, Kritik und Diskurs. Ein Ort, an dem alles möglich ist außer Langeweile.
Christian Kracht kommt schon wieder nicht zum Festival. Er ist zwar dieses Jahr nicht in Afrika, aber es hat ihn auch niemand gefragt und das ist gut so. Stattdessen kommt eine Menge anderer kluger Menschen, die viel reden werden, weil sie Dinge zu sagen haben, die gesagt werden müssen. Und weil sie Dinge aufschreiben, die andere lesen sollen. Das hier wird ein Festival für Vorleserinnen und Zuhörer. Für Lesende und Schreibende. Für Dichterinnen und Denker. Aber auch für alle, die gerne Bier trinken und tanzen. Oder beides. Auch gleichzeitig. Schon Ashton Kutcher wusste: »The sexiest thing in the world is being really smart. And thoughtful. And being generous. Everything else is crap.« Wer all das gerne sein möchte – clever, nachdenklich, großzügig und dadurch verdammt sexy – der°die sollte sich dringend ein Ticket schnappen und den Weg nach Hildesheim wagen. Im Juni, wenn die Sonne scheint. Alles andere wäre crap.

(PROSANOVA, es wird Zeit, ich habe Lust mit dir skaten zu gehen.)

Judith Hördt