Lektor*innen, die: zwei Frauen & drei Männer, deren Job es ist Bücher zu »machen«. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Verlagen und arbeiten seit Jahren mit Autor*innen an deren Manuskripten, begleiten sie auf dem Weg zum fertigen Buch, sind Ratgeber*innen und manchmal auch Freund*innen, immer aber »erster Leser«, und das vor allem kritisch im besten Sinne des Wortes. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels stellt dazu fest: »Die Aufgaben des Lektors sind vielfältig: er ist kritischer erster Leser und Begleiter bei der Entstehung eines Werks. Der Lektor ist Korrektiv im Schöpfungsprozess, er vertritt die Sache des Autors gegenüber der Öffentlichkeit und zugleich die Interessen des Lesers.«

Der open mike lädt jedes Jahr eine Reihe von Lektor*innen aus renommierten Verlagen dazu ein, die Vorjury zu sein: nach Einsendeschluss im Sommer, werden die bis zu 700 anonymisierten Manuskripte an die Lektoren weitergereicht. Sie lesen und wählen ihre Kandidaten aus.

**

Tom Müller

Welche Kriterien haben Sie an die open mike – Texte angelegt? Waren es dieselben, die Sie bei Ihrer Auswahl im Verlag anlegen?Zuallererst interessiert mich, ob ein Text eine überzeugende und bestenfalls originelle Sprache für sein Sujet findet, das gilt für Texte im Verlag als auch für Texte beim Open Mike. Hier kommt aber noch hinzu, dass der Text ja auch auf einer Bühne in die Welt kommt, bei der Lesung im Heimathafen, vor einem ganz bestimmten Publikum, das habe ich mit einfließen lassen.

Was hat Sie bei der Lektüre der Manuskripte überrascht?
Überrascht war ich von den vielen sehr unterschiedlichen Ansätzen, Schreibweisen, Themen, Sprachregistern, das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Da, anders als bei den deutlich längeren Manuskripten, die ich für den Verlag prüfe, hier praktisch alle fünfzehn Minuten eine neue Stimme einsetzte, entstand in meinem Kopf am Ende ein ziemlich fantastischer Chor.

Welche Entwicklungen & Tendenzen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur haben Sie in den letzten Jahren beobachtet?
Das gibt es einige, ich greife mal eine heraus. Aktuell, jetzt vor der Buchmesse, hatte ich den Eindruck, dass viele Dystopien angeboten werden, offenbar, in der Hoffnung, damit gleich die Welthaltigkeit, den gesellschaftlichen Bezug in einem Text verankert zu haben. Ich verstehe das gut, unsere Welt fühlt sich spätestens nach Brexit und Trump, Überflutungen und Stürmen ja auch irgendwie endzeitlich an. Mir scheint das manchmal aber ein Irrweg zu sein, weil die Dystopien und ihre Diagnosen oft zu plakativ ausfallen, und dann zu einer faden Parabel verkommen. Wenn der Text aber nicht einzuordnen ist, unheimlich bleibt, dann reißt es mich mit.

Was wünschen Sie sich für die (deutschsprachige) Literatur der kommenden Jahre?
Dass sie sich traut, sich mit den kleinsten Dingen zu beschäftigen, und da etwas übertrieben Großes herausschlägt.

Tom Müller

Tom Müller (*1982) ist nach Stationen bei Klett-Cotta und Kiepenheuer & Witsch heute Programmleiter Blumenbar / Neue Literatur beim Aufbau Verlag in Berlin. Er studierte Germanistik und Romanistik in Tübingen, Pisa und Perugia. Er ist Absolvent des Studio Literatur und Theater in Tübingen und war 2010 Finalist des open mike.

Ausgewählte Kandidat*innen
Ralph Tharayil, Sarah Wipauer & Magdalena Sporkmann

**

Andreas Paschedag

Welche Kriterien haben Sie an die open mike – Texte angelegt? Waren es dieselben, die Sie bei Ihrer Auswahl im Verlag anlegen?
Selbstverständlich nicht dieselben, denn beim open mike soll es um Texte gehen, die vor allem im Rahmen der Lesung funktionieren. Sie sollen mit ihrer kurzen Form beim Veranstaltungsmarathon an dem Wochenende mehr oder weniger spontan ein größeres Publikum für sich gewinnen können. Also müssen sie aus sich heraus funktionieren und dürfen nicht allzu offensichtlich schon auf ein vielleicht dahinter stehendes Größeres verweisen wollen (das wir Verlagslektoren uns üblicherweise natürlich erhoffen). Auch in dieser Auswahlarbeit beginnt für mich alles Suchen bei der sprachlichen Form, ich will überrascht werden, nicht bloß Erwartbares vorfinden. Ich möchte in den Texten das Bewusstsein für die Wichtigkeit und die Bedeutung der verwendeten sprachlichen Mittel erkennen, und hier treffen sich dann Form und Inhalt und müssen ein stimmiges Ganzes ergeben. Ich möchte einfach im besten Sinne und auf allen Ebenen gut unterhalten werden auf dieser kurzen Strecke und dabei überrascht und herausgefordert – alle Texte, denen das gelang, landeten auf meinem Stapel der potentiellen Wettbewerbskandidat*innen.

Was hat Sie bei der Lektüre der Manuskripte überrascht?
Die Texte, die mich wirklich überraschen konnten, waren diejenigen, die etwas wagen, sprachlich wie thematisch. Zum Glück gab es in diesem Jahrgang über die drei schlussendlich ausgewählten Einreichungen hinaus noch ein paar mehr, die den Rahmen eines Erzählens rein aus dem allgemeinen Alltagserleben zu sprengen und die mich im Sinne meiner Antwort auf Frage 1 also herauszufordern und zu überzeugen wussten.

Welche Entwicklungen & Tendenzen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur haben Sie in den letzten Jahren beobachtet?
Eine angemessene Antwort auf diese Frage würde hier wohl den Rahmen sprengen. Eine einzelne Beobachtung aber doch: eine gewisse Tendenz zu dystopischen Szenerien. Als Zeichen der Zeit sicherlich nicht überraschend.

Was wünschen Sie sich für die (deutschsprachige) Literatur der kommenden Jahre?
Wenn ich dem Literaturweihnachtsmann ein besonderes Anliegen auf den Zettel schreiben darf: Ich wünsche mir mehr komische Texte der intelligenten Machart, wobei besonders die schwarz eingefärbte Seite dieser großen Kunst mein Leser- und auch mein Lektorenherz meist im Handstreich erobert. Ansonsten wünsche ich mir eine Literatur auf der Höhe der Zeit, die rückblickend, die Gegenwart ins Auge fassend oder in die Zukunft schauend die wichtigen Fragen stellt und im besten Fall sogar ein paar gute Antworten mitzuliefern weiß.

Andreas Paschedag

Andreas Paschedag (*1968) ist Programmleiter für deutschsprachige Belletristik im Berlin Verlag. Er studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften in Göttingen, arbeitete im Verlag Klaus Wagenbach und war langjähriger Lektor für den Aufbau Verlag.

Ausgewählte Kandidat*innen
Mariusz Hoffmann, Christian Schulteisz & André Patten

**

Juliane Schindler

Welche Kriterien haben Sie an die open mike -Texte angelegt? Waren es dieselben, die Sie bei Ihrer Auswahl im Verlag anlegen?
Für mich war es wichtig, dass der Text entweder eine Dringlichkeit spürbar macht, dass er mir als Leserin weniger Antworten gibt als Fragen aufwirft, mich irritiert und mein Interesse weckt, oder dass er herausragt durch eine kunst- und freudvolle Melodie, einen Rhythmus, eine eigene, ungefällige Sprache.
Für den Open Mike hatte ich keine programmatischen Kriterien, innerhalb derer der Text funktionieren sollte, die Lektüre war dadurch ganz pur, ohne die übliche Begleitmusik. Kein Hype, keine Autorenbiografie, nur der Text und ich.

Was hat Sie bei der Lektüre der Manuskripte überrascht?
Wie viele Texte auf ihre Art sehr interessant sind; wie gern ich mich mit den Autorinnen und den Autoren darüber ausgetauscht hätte, und wie wichtig es mir ist, dass sie ein Gefühl für ein Ende haben, das den Text adäquat abschließt und gleichzeitig Lust auf mehr macht.

Welche Entwicklungen & Tendenzen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur haben Sie in den letzten Jahren beobachtet?Den Vorwurf der Befindlichkeitsliteratur und des Um-sich-selbst-Kreisens kann man dieser Generation junger Autoren nicht mehr machen. Die Autoren nähern sich einem Unbehagen, das der Welt und ihrer gegenwärtigen Entwicklung gilt, sie sind interessiert am Zustand der Gesellschaft, in der wir leben und auch darüber hinaus an den größeren Zusammenhängen; selbst wenn sie dieses Unbehagen an einem persönlichen Thema deutlich machen. Das wird auch ein Grund dafür sein, dass es wenig Texte gab, die eine Leichtigkeit vermitteln konnten oder wollten.

Was wünschen Sie sich für die (deutschsprachige) Literatur der kommenden Jahre?
Dass trotz der Ernsthaftigkeit und der engagierten Haltung der Autoren der Mut nicht verloren geht, etwas falsch zu machen, ob formal oder inhaltlich. Dass sie trotz der Zumutungen der Welt Leichtigkeit und Humor einen Platz in der Literatur zugestehen; beides kann gut nebeneinander funktionieren.

Juliane Schindler

Juliane Schindler (*1985) arbeitet als Lektorin im S. Fischer Verlag. Zuvor war sie beim Literaturverlag Droschl, dem Literaturfestival lit.COLOGNE, Kiepenheuer & Witsch sowie dem Eichborn Verlag tätig. Sie studierte Germanistik, Literaturvermittlung und Europäische Ethnologie in Bamberg und Waterloo, Kanada.

Ausgewählte Kandidat*innen
Timotheus Riedel, Baba Lussi & Markus Ostermair