Timotheus Riedel & Laura Schiele

Timotheus Riedel 

Wann schreibst Du am liebsten?
Wenn es wie von selbst geht; auf Zugfahrten; auf Terrassen am Nachmittag und in Innenstädten nachts. Sonst morgens, wenn ich noch schlafe.

Wer liest Deine Texte zuerst?
Ich. Oft schon während des Schreibens.
Dann meine Oma. Dann unvorsichtige Freundinnen und Freunde, die nicht bei drei auf den Bäumen waren.

Was bedeutet Literatur für Dich?
Von lat. littera, Buchstabe, bezeichnet im allgemeinen Schriftgut. Für mich außerdem → Häkeln von Sinnmustern in Form von → Narration. Insofern ich dabei Figuren nach Belieben kneten kann, fungiert die Literatur auch als Ersatz für → Sims, die, weil ich früher nie Die Sims kaufen durfte, sowie als Spielfeld für → Gedankenexperimente über Umstände, die physikalisch unmöglich oder philosophisch bedenklich sind, und Handlungen, die auszuführen mir der Mumm (→ Sekt, der) fehlt.

Was wäre, wenn Dir jemand die Möglichkeit zu Schreiben wegnähme?
Dann könnte ich nicht mehr schreiben (q. e. d.). Zudem bekäme ich Haarausfall und mittelfristig sehr schlechte Laune.
Irgendwann würde ich vermutlich Die Sims kaufen (→ Ersatzhandlung, die).

Was erfüllt Dich mit Hoffnung?
Dass ich viel in der Welt noch nicht gesehen habe. Dass es andere Leute gibt, die auch irgendwie Geld verdienen. Dass ich vieles nicht weiß. Dass viele andere vieles nicht wissen. Dass da draußen scheinbar noch jemand sein könnte außer mir.

Was würdest Du anders machen, wenn du wüsstest, dass Dich niemand beurteilt?
Ich würde: Blumiger schreiben. Mich nicht mehr weiterentwickeln. Mich nicht mehr so ärgern, dass offenbar gerade alle Welt syntaxverstorbene Charakterstudien in Telegrammmanier echt dufte findet und vergessen hat, dass man auch aus der dritten Person erzählen kann. Und mich wahrscheinlich sehr langweilen.

Dein gegenwärtiger Geisteszustand?
Fraglich. Sehr fraglich.

Erster Satz/Vers Deines open mike-Textes?
»Allenthalben surrt es.«

Timotheus Riedel

Timotheus Riedel, geboren 1994 in Würzburg, studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte zunächst in Würzburg und Bamberg, mittlerweile in Heidelberg. 2015 war er Teilnehmer an der Bayerischen Akademie des Schreibens. Mit Kommilitonen begründete er im selben Jahr die Bamberger Edition fortississimo für junge Texte.

Timotheus Riedel wurde ausgewählt von Juliane Schindler

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Laura Schiele

Wann schreibst Du am liebsten?
Etwas wie eine Lieblingszeit habe ich eigentlich nicht. Das Aufschreiben an sich ist ohnehin eher unspektakulär. Wenn ich mich lange mit etwas befasse oder mir ein bestimmtes Bild nicht mehr aus dem Kopf geht, arbeitet mein Prozessor das Gedicht unterbewusst schon aus und dann muss es mir praktisch nur noch fertig aus der Hand fallen. Da meine Gedichte ohnehin recht kurz sind, brauche ich zum Schreiben selbst auch nie lang. Dafür kommt der Impuls, unbedingt jetzt ein Gedicht aufzuschreiben, zu allen möglichen Zeiten; meist, wenn ich gerade noch eine Menge anderer Dinge zu tun hätte.

Wer liest Deine Texte zuerst?
Streng genommen bin ich das, da ich sie nach dem Aufschreiben erst noch einmal etwas ruhen lasse, bevor ich erneut drüber lese und sie danach zwei oder drei guten Freunden zum Lesen gebe.

Was bedeutet Literatur für Dich?
Klingt banal, aber es gehört einfach irgendwie zu allem, was ich tue. Wenn ich ein schönes Gedicht finde, hebe ich es auf, bis ich den richtigen Platz zum Anbringen finde. Wenn ich über etwas eine lange Zeit nachdenke, wird es wahrscheinlich irgendwann zu einem Gedicht. Texte sind so schönerweise immer Bestandteil meines Alltags, nicht zuletzt auch durch mein Studium.

Was wäre, wenn Dir jemand die Möglichkeit zu Schreiben wegnähme?
Wahrscheinlich würde ich dann ziemlich unleidlich werden, weil ich so daran gewöhnt bin, mehr oder weniger regelmäßig meinen Kopfinhalt auf einem Blatt Papier auszuleeren. Zeichnen hilft dabei zwar auch weiter, aber es ist einfach nicht dasselbe.

Was erfüllt Dich mit Hoffnung?
Sehr viel. Zu viel, um das hier alles aufzulisten.

Was würdest Du anders machen, wenn du wüsstest, dass Dich niemand beurteilt?
Wahrscheinlich mehr fluchen und über mehr rote Ampeln gehen.

Dein gegenwärtiger Geisteszustand?
Beta-Zustand.

Erster Satz/Vers Deines open mike-Textes?
ohne zu sprechen will ich dir meine Netzhaut leihen

Laura Schiele

Laura Schiele, geboren im April 1998 in Aschersleben, wohnt aber mittlerweile in Leipzig, wo sie Übersetzen für das Sprachenpaar Englisch und Deutsch studiert.

Laura Schiele wurde ausgewählt von Christian Döring