Dunkle Fenster

Sammeln Sie Herzen?
Auf diese Frage, die ihr der aknegesichtige Kassierer gestellt hatte, als er begann, ihre Waren über den Scanner zu ziehen, zwei Flaschen Rotwein, magerer Hüttenkäse „natur“, Gouda, mittelalt, fettarme Bio-Frischmilch, mymagicmuesli mit roten Beeren, Putensalami, vegetarischer Schinkenspicker, hatte Frederike H. unumwunden mit „ja“ geantwortet.
Vier Herzen, die eigentlich Herzchen waren, hatte sie für diesen Einkauf bekommen, und ein Treueheft, in das sie nach Vorschulmanier eingeklebt werden sollten. Und das hatte sie auch getan, sie sah den Beweis, wie er am Kühlschrank hing und nun von der Straßenlaterne vor ihrem Küchenfenster beleuchtet wurde, doch erinnern konnte sie sich an diesen Vorgang nicht. Nicht einmal an die Prämien, die ihr für ihre Treue in Aussicht gestellt wurden.
Treue, dachte sie. Ein seltsames Wort, das da für die Besorgung des Nötigsten herangezogen wurde. Vaterland, dachte sie wegen ihrer Abschlussarbeit. Ehe, Liebe, Freundschaft. Der Supermarkt lag günstig zwischen Wohnung und U-Bahn.
Frederike schüttelte den Kopf, hob den Magneten kurz an, ein Mitbringsel aus Amsterdam, auf dem in weißer Schrift auf rotem Hintergrund der Satz „KEEP CALM AND DON’T OVERDOSE“ stand, und ging mit dem Heftchen vor ans Fenster. Das Licht wollte sie nicht einschalten. Ihre Augen hatten sich in den drei Stunden, seitdem sie wach lag, an die Dunkelheit gewöhnt.
Heute Nacht nahm sie zum ersten Mal seit zwei Jahren keine Tablette. Es war ein Bauch- oder vielmehr ein Kehlkopfentschluss, denn aus irgendeinem Grund hatte es ihr den Hals zugeschnürt, als sie die Pille wie sonst jeden Abend in ihre Handfläche drückte. Heute schloss sie die Faust um das kleine weiße Ding und blickte ungewöhnlich schwer atmend in ihr Spiegelbild. Sie wusste, dass sie nicht würde schlafen können, und doch drehte sie sich um und öffnete die Faust nicht über ihrer Mundhöhle, sondern über der Kloschüssel. Sie setzte sich und pinkelte darauf, auflachend, von einem warmen Triumphgefühl gepackt, in das sich dann doch auch die Sorge mischte über die bevorstehende Nacht. Sie ist lang. Sie ist zäh. Und ihr Triumph war der eines Menschen, der mit einem Dolch in den aufziehenden Nebel sticht. Sein Gegenschlag ist seine Duldsamkeit.
Frederike tippte auf ihr Handy: 2:47 Uhr. Noch mindestens zwei, eher drei Stunden. Erst dann würden ihr Körper und ihr Geist so erschöpft sein, dass sie in einen kurzen Schlaf fiele. Doch sie war nicht genervt wie damals, als sie den Entschluss gefasst hatte, sich mit den Tabletten Ruhe zu erkaufen.
Zuvor war sie im Bett gelegen, mit offenen Augen, und hatte allem, was sie umgab, einfach zugeschaut. Die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos schienen ihre Zimmerdecke abtasten zu wollen, als würden Sensoren bestätigen, dass im Ausstellungssaal eines Museums alles noch an seinem Platz war und niemand sich in dieses Allerheiligste stahl. Abgesehen davon tat sich nichts. Da war ihr Bücherregal, davor auf dem Boden ein kleiner Stapel mit Nachschlagewerken und ausgeliehener Literatur, die sie für ihre Masterarbeit in Sozialpsychologie benötigte. Der Arbeitstitel war: „Von Hunden und Menschen – Reinrassigkeit: Das Fortbestehen einer Idee vom Wert des Lebens bei Yuppies der Nachwendegeneration“. Da war die Vase mit den roten Tulpen, die sie sich gestern gekauft hatte. Fast eine Handbreit Wasser fehlte schon. Die Magnetwand mit Postkarten und einigen Urlaubsfotos. Sie hingen dort, seit sie eingezogen ist, unverändert. Ganz links die Wattwanderung, ihre Füße von Brusthöhe aus fotografiert, wie sie langsam in den kalten Schlamm sanken. Daneben die Haufen von Wattwürmern. Das nächste Foto vom Sommer ihres Lebens, nachdem sie ihren Job geschmissen hatte, weil sie ihr Abitur nachmachen wollte. Matthew hat es aufgenommen. Sie hatte ihn auf einem Punk-Konzert kennengelernt: The Boston Strangler. Er reiste alleine durch Europa, meist mit dem Zug, manchmal auch per Anhalter. Nach der Vorband ging er auf die Bühne, stellte sich vor und fragte nach einem Schlafplatz. Frederike bot ihm die Couch in ihrer WG an, auf der sie sich fast bis zum Morgengrauen unterhielten. Ein Gespräch über Freiheit, über ihren Platz im Leben, darüber, dass alles anders sein müsste, dass die Leute, allein schon wie sie aussahen, ihnen ihr Leben madig machten. Sie waren allein. Und einen Tag später waren sie es nicht mehr. Matthew blieb eine Woche, in der zweiten Nacht küssten sie sich und schliefen miteinander. Nach der Woche packte sie ihr Zeug und begleitete ihn. Und am Rand von Kopenhagen entstand das Bild. MALMØ hatte sie auf ein Pappschild gemalt und sich an den Straßenrand gestellt. Und er hatte abgedrückt, genau in dem Moment, in dem ein VW-Bus vorbeifuhr.
Malmö war der Wendepunkt.
Der Gedanke an damals in Schweden hatte sie die Decke zurückschlagen und aufstehen lassen. Ließ sie in die Küche gehen, das Heft mit den Herzchen vom Kühlschrank nehmen, es zerreißen. Als Prämie gab es Reisekoffer für die Flucht nach vorn. Je größer, desto höher der Rabatt. Auf das Familienmodell gab es 40%. Sie warf die Fetzen in den Papierkorb. Keine Pillen mehr, keine Treueherzchen.
Es hatte damals keinen bestimmten Grund gegeben, warum Matthew es ihr erzählte. Er quatschte einfach drauf los. Für ihn schien alles selbstverständlich zu sein. Er hatte einen anderen Zugriff auf die Welt als sie, was ihr schon vorher gedämmert hatte, doch nun wurde es ihr völlig bewusst. Er lachte und für ihn war es wohl der Moment der größten Nähe zu ihr, als sie nachts auf das höchste Gebäude der Stadt blickten, ein seltsam gedrehter Wolkenkratzer, der an eine verrenkte Wirbelsäule erinnerte. Er sagte, dass es ihn besonders horny mache, wenn er ihre nackten Füße auf seiner Brust spüre. Und tatsächlich nahm er ihre Füße oft, wenn sie auf dem Rücken und er oben war, und legte sie auf seinem Brustkorb ab. Auch ihr gefiel das. Sie vermutete einen aufkeimenden Fußfetisch, den er sich noch nicht eingestand, doch er sagte, es sei der Gedanke, dass sie ihn so besser wegstoßen könne, es aber nicht tat. Diese Vorstellung gebe ihm einen extra Kick.
Frederike hatte nichts gesagt. Sie war überrumpelt, empfand das zunächst als unpassend, und später, als sie noch einmal darüber nachdachte, wuchs ein Unbehagen in ihr. He’s got issues! Am nächsten Morgen sagte sie, dass sie wieder nach Hause müsse. Das wahre Leben warte auf sie: Die Schule beginne bald.
Ein paar Tage später trennten sich ihre Wege. Er weinte echte Tränen und versprach wieder zu kommen, cuz I’ve never met a girl like you before.
Sure!
Frederike ließ das Wasser so lange laufen, bis es wirklich eiskalt war. Erst dann hielt sie das Glas in den Strahl und trank es mit großen Schlucken leer. Ein Tropfen rann ihr zum Kinn hinab, während sie draußen auf der gegenüber liegenden Straßenseite zwei junge Frauen beobachtete, fast Mädchen noch. Sie rauchten und spuckten auf die Scheiben der parkenden Autos. Sie mussten sich ihre Bäuche halten vor Lachen. Zwanzig Meter hinter ihnen fiel plötzlich Licht aus einer Tür und ein grauhaariger Mann trat in weißem Unterhemd und Pantoffeln auf die Straße. Er hing die Haustür ein, damit sie nicht zufallen konnte, und überquerte schräg die Fahrbahn. Kurz bevor er aus Frederikes Blickfeld verschwand, begann er in seiner Hosentasche nach Münzen zu kramen. Er würde am Nachbarhaus Zigaretten aus dem Automaten ziehen. Sie ging auf die Zehenspitzen und drückte ihr Gesicht fast an die Scheibe, doch es half nichts. Mit dem Handrücken wischte sie nun endlich den Tropfen vom Kinn.
Die zwei Mädchen waren nicht mehr zu sehen und einige Augenblicke lang schien alles verwaist, bis der Mann wieder aus dem toten Winkel trat. Noch auf der Straße riss er, als würde er die letzten Reste eines Verbands über einer juckenden Wunde entfernen, die Folie von der Verpackung und zog das silberne Papierchen heraus. Beides ließ er auf den Gehweg fallen und steckte sich dann sofort eine an.
Sie hatte erwartet, dass er nun vor der Tür fertig rauchen, vielleicht den Rauch mit einem Hohlkreuz hoch in den Nachthimmel blasen würde, doch er scherte sich nicht um Hausordnungen und verschwand mit der Kippe im Mund in der Tür.
Eine Weile noch brannte das Licht im Treppenhaus, und als auch dies erlosch, war Frederike wieder allein. Alle Fenster waren dunkel, in manchen spiegelten sich die Straßenlaternen. Und der Gedanke kam ihr, dass ja auch sie kein Licht anhatte und also auch hinter anderen Fenstern Menschen stehen könnten, die wie sie selbst in die Nacht hinaus blickten, auf ein Ereignis hoffend, eine tiefgreifende Veränderung, welche sie aller Sorgen entledigen würde.
Und sie stellte sich diesen Mann vor, wie er seine Wohnung betrat. Der noch laufende Fernseher, der Aschenbecher neben dem Sessel von gelben Stummeln und weißgrauem Staub überquellend. Wie er sich bequem machte, den Bildern auf der Mattscheibe gegenüber, die dem Innenhof so etwas wie Leben vorgaukelten.
Sie sah diese beiden Freundinnen vor sich, wie sie, jede für sich, in den Badezimmern standen, sich die Zähne putzten und sich das Geräusch des Ausspuckens von blutdurchsetztem Schaum in ihren Wohnungen verlor.
Drei Zufallsmenschen, die für die nächsten Stunden in ihren Wänden eingekapselt sein würden wie Frederike, wie die Tabletten, die vielleicht doch die Lösung waren. Und sie dachte an Stirb Langsam, den sie letzte Woche gesehen hatte, an den verkaterten Bruce Willis, der sich die Pillen aus einem braunen Röhrchen in die Hand schüttete. Ob eine oder gleich alle, es wäre ein und dieselbe Handbewegung. Nur das Schlucken wäre vermutlich schwieriger. Bei dieser nebensächlichen Szene hatte es ihr einen Schauer über den Rücken gejagt, und sie hatte die spätere Erkenntnis, dass sie hier das bloße Verpackungsdesign vor einer solch unüberlegten Tat bewahrte, fast als Erlösung empfunden. Vielleicht war das der Grund, warum sie heute damit aufgehört hatte.
Frederike wandte sich um und blickte ins Dunkel des Gangs und des Wohnzimmers, wo das Licht der Straße nicht mehr hinreichte. Auch hier fand sie sich so zurecht. Sie brauchte Ablenkung, wollte nicht mehr allein sein mit ihren Gedanken und schaltete den Fernseher ein: Tatort-Wiederholungen, irgendwelche amerikanischen Krimiserien, die voll auf technologischen Fortschritt setzten, Sendepausen, auf den Homeshopping-Kanälen gab es Töpfe und Pfannen, den Nicer Dicer Fusion und die Wunderwelt der Edelsteine. Sie sah zu, wie Eisbären von Scholle zu Scholle sprangen, wie Mauersegler segelten. Die Strandung eines Wals, den die Helfer mit nassen Tüchern bedeckten. Ihr Ziehen und Zerren. Seine Schwere im Sand. Drei Männer testeten Elektro-, Kohle- und Gasgrills und bekamen Geld dafür. Auf Tele 5 kam Star Trek. Picard bestellte „Earl Grey, heiß!“, und der Replikator replizierte ein Blumenarrangement. Eine Fehlfunktion. Besorgniserregend.
Als Jugendliche hatte sie diese Serie geliebt. Es gab keine Not, keine Langeweile, nur die Unendlichkeit des Weltraums und des Holodecks. Manchmal hörte sie die Jungs in der Schule von ihren feuchten Träumen mit Deanna Troi phantasieren und welche Möglichkeiten sich darin böten: „Computer, Titten vergrößern!“ Und dann schwieg sie von ihren Träumen und dachte daran, wie die Typen sich in eine Ecke verkriechen würden, wenn auch nur ein Bruchteil ihrer Wünsche sich erfüllte.
Frederike machte es sich bequem auf der Couch, sah zu, wie alles erst schlimmer wurde, bevor es dem Captain und seiner Crew gelingen würde, im letzten Augenblick, das wusste sie, die Katastrophe abzuwenden. Sie sah in der Werbepause reife Frauen über 50. Eine Blondine mit Zopf sich abduschen, sende das Kennwort „feucht“ an fünfmal die Sechs, wo doch jeder wusste, dass Wasser alles austrocknet.
Sie trat auf den kleinen Balkon und das künstliche Gestöhne war nur noch entfernt zu hören. Auch sonst war im Innenhof alles ruhig, kein Licht brannte. Sie sog die Luft bis tief in ihre Lungen und suchte die Hauswand gegenüber ab, die völlig im Dunklen war. Sie dachte an die vielen Leben, die sich hinter den Fenstern abspielten, an die vielen Möglichkeiten, die nie Wirklichkeit werden würden. Es gab keine Berührungspunkte. Man lebte nebeneinander her und beobachtete sich hin und wieder heimlich, nur ganz kurz, wie sie den Typen, der ihr genau gegenüber wohnte. Noch nie haben sie ein Wort miteinander geredet, sich noch nicht einmal auf der Straße gesehen. Nur immer in diesem kleinen Zimmer, in dem er seine Übungen machte, Oberkörper frei natürlich, mit seinen Hanteln vorm Spiegel stehend, stumpf seinen Körper begutachtend. Lächerlich! Manchmal ging er darin auf und ab, ganz energisch von Wand zu Wand, sein Fitnessarmband hatte ihn wohl noch nicht genug gelobt. Das sah aus, als hätte man ihn in eine Zelle gesperrt und er würde sich nun auf diesen paar Quadratmetern die Beine vertreten, um nicht verrückt zu werden.
Sie erzählte das jedes Mal, wenn sie Besuch hatte, und lachte dann. Und ab und zu fragte sie sich, ob auch er sie sah und was von ihr. Dann zog sie die Vorhänge zu.
Die Werbung war vorbei und Picard sagte in ihrem Rücken: „Roter Alarm! Schilde hoch! Öffnen Sie einen Kanal!“, und Frederike wollte sich schon umdrehen, als sie im Augenwinkel etwas sich bewegen sah.
Genau gegenüber! Sie schloss ihre Hand fester ums Geländer und hielt unwillkürlich den Atem an, als könne man sie sonst im ganzen Innenhof hören. Hatte sie sich getäuscht?
Einen Moment später ging in dem kleinen Zimmer das Licht an. Der Typ stand oben ohne unter der nackten Glühbirne. Er lächelte und winkte ihr über die Dunkelheit im Innenhof hinweg zu.

(Der Text „Dunkle Fenster“ ist bereits veröffentlicht, und zwar in: Am Erker. Zeitschrift für Literatur 74: Tag und Nacht, Dezember 2017, S. 5-10.)

Markus Ostermair, geboren 1981 in Pfaffenhofen an der Ilm, lebt in München, wo er Germanistik und Anglistik auf Lehramt Gymnasium studierte. Er arbeitet als Autor, Übersetzer und Lehrer für Englisch und Deutsch als Zweitsprache. Mitglied des Konzert-Kollektivs „KafeKult“ e.V.. Teilnehmer der Bayerischen Akademie des Schreibens und erste Veröffentlichungen in Zeitschriften. Derzeit schreibt er an seinem Debütroman, für den er ein Literaturstipendium der Stadt München und ein Residenzstipendium des Brandenburgischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur auf Schloss Wiepersdorf erhalten hat.