Zuhause

Angefangen hat es mit einem Rascheln aus der Ecke meiner Küche. Als ich den Müll untersuchte, fand ich einen pelzigen kleinen Körper, eingezwängt zwischen Verpackungsresten und dem durchsichtigen Plastik des Beutels. Das Tier hatte sich in eine ausweglose Lage gebracht, denn nicht einmal die Panik, die es erfassen musste, als ich es mit der Fingerspitze antippte, vermochte es auch nur einen Millimeter von der Stelle zu bewegen. Ich trug den Beutel in den Hof und warf ihn in die große gelbe Tonne, und sagte mir, eine Gattung, die mehrere Weltkriege unbeschadet überstanden hatte, alle Katastrophen und Massensterben der Erdgeschichte, die sogar gestärkt daraus hervorzugehen schien, umso fruchtbarer und vitaler zu werden schien, je schlimmer die Pest den Menschen zusetzte oder die Sintflut – für ein solches Wesen musste es Leichtigkeit sein, auf einer Mülldeponie zu überleben, schlichte Normalität.

In der Nacht wurde ich geweckt von einem Trippeln unter meinem Bett. Oder kam es von hinter der Wand, vielleicht aus dem Schornstein, der die Ecke meines Schlafzimmers ausbuchtet? Ich war zu dösig um nachzusehen, außerdem schlägt sein Herz zehnmal so schnell wie meines, dachte ich, also vergeht seine Zeit zehnmal so schnell wie meine, also ist es zehnmal so gegenwärtig. Irgendwann hörte ich es quer durchs Zimmer trippeln, auf den Schreibtisch zu. Ich stellte mir vor, wie es die Kabel durchnagte, wie es Papiere zerfraß, wie zwischen seinen kleinen, niemals müden Kiefern die Arbeit von Jahren zerrieben wurde, die mühsam angesammelten und beieinander gehaltenen Dokumente meiner Lebenstätigkeit, zu Fetzen und Staub.

Am nächsten Tag hörte ich wieder ein Geräusch in der Küche, ein Scharren diesmal, aus dem Schränkchen, das in die Wand unter dem Fenster eingelassen ist. Ich öffnete es, und ein Tierchen blickte mich an. In seinen Knopfaugen erkannte ich das Unbehagen des Ertapptseins, und Angst in der Starre, die seinen Körper hielt, für den Bruchteil einer Sekunde nur, bevor es lostrippelte und verschwand, in den Spalt hinter dem Bodenbrett. Reiskörner lagen darauf verteilt, und als ich eine Packung Mehl herausnahm, rieselte es in feinem Strahl auf die Fliesen. Ich räumte alles, was ich für nicht nagezahnsicher hielt, in einen Korb, den ich an die Decke hängte. Im Schränkchen waren jetzt nur noch Dosen und Gläser und Dinge, die ich als unattraktiv einstufte, wie Teebeutel und Zwiebeln, dazwischen verstreut winzige schwarze Würstchen und weißliche Flecken. Es roch ein bisschen nach Stall, oder wie das Kaninchengehege meiner Großeltern, vor dem ich viele gedankenlose Stunden verbracht hatte als Kind.

Die Verkäuferin sah mich verständnislos an. Lebendfalle, wiederholte ich, eine Falle, die das Tier nicht tötet. Sie hob die Augenbrauen und blickte darunter hervor, als habe sie den Rattenfänger von Hameln vor sich oder einen Sodomiten, dann wandte sie sich ab und zerteilte den Vorhang aus Perlenschnüren hinter der Theke. Kurz darauf trat ein Mann hindurch mit einem kleinen Gegenstand in den Händen und sagte Sie haben Glück, das ist unsere letzte.

Man muss sich eine solche Falle als quaderförmigen Drahtkäfig vorstellen, auf einen hölzernen Sockel montiert. Das Türchen wird mithilfe einer Feder gespannt, die einem Metallstift untergehakt wird, auf dessen unteres Ende wiederum man ein Stückchen Lebensmittel spießt. Ich entschied mich für Emmentaler.

Den restlichen Tag über lauschte ich auf ein schnappendes Geräusch aus der Küche, und mehrmals öffnete ich das Schränkchen, manchmal auf einen Verdacht hin, manchmal ohne Anlass. Es wurde mir zur Gewohnheit einen Blick hineinzuwerfen, bevor ich aus dem Haus ging und nachdem ich es wieder betrat, auch nach jeder Mahlzeit schaute ich nach und vor dem Schlafengehen. Die Falle blieb gespannt, meine Untermieter verhielten sich ruhig bis auf das manchmal wiederkehrende nächtliche Trippeln, und den einen oder anderen neuen Kötel. Den Stallgeruch nahm ich bald kaum mehr wahr, nur wenn ich von einem meiner Spaziergänge zurückkam, erkannte ich ihn ganz deutlich, im Kontrast zur sterilen Spätwinterluft auf den Straßen. Wenn Ihr lernen könntet Euch draußen zu entleeren, dachte ich, wenn Ihr nur fressen würdet, was ich Euch hinstelle, wenn Ihr Euch würdet impfen lassen…

Einmal, am Mittagstisch, hörte ich wieder ein Scharren, diesmal aus dem Schrank unter der Spüle. Ich beugte mich leise hinunter und schob ihn mit einem Ruck auf, und halb fiel mir eine von ihnen entgegen, taumelte für einen Moment, ihr Gleichgewicht sammelnd, und ich begann sie anzubrüllen, schrie sie an, während sie zwischen Küchenrollen und Kerzen davonrannte. Dann, in der Stille nach meinem Schrei, sah ich die Szene noch einmal: ein düsterer Raum – er ist immer düster, das schätze ich so an ihm –, Erhebungen aus Plastik und Pappe, ich klettere darüber, der Geruch von Spülmittel und Stearin, dazwischen die Spuren meiner Familie. Ich zwänge mich zwischen zwei Senkrechte um etwas anzuknabbern, das mir vielversprechend erscheint. Da gibt die Wand in meinem Rücken nach, ich verliere den Halt und sehe ihn, den Riesen, mit glotzenden Augen und einem Schlund, aus dem Getöse hervorbricht, über mich hereinbricht, es treibt meine Beine in die Dunkelheit zurück, zu meiner Familie.

Mit der Zeit wurden die schwarzen Kotwürstchen immer zahlreicher, lagen nicht mehr nur in den Küchenschränken herum, sondern auch auf dem Fensterbrett und zwischen den Herdplatten, um den Toaster herum und sogar mitten auf meinem Frühstücksbrettchen, was ich ihnen übelnahm. Ist das wirklich ein Körnchen Kümmel, fragte ich mich, als ich mir gerade eine Gabel Salat in den Mund schieben wollte, und als mir ein anderes Mal, beim frühnachmittäglichen Kaffeetrinken, das mir viel bedeutet, da es die zweite Hälfte meines Tages anstößt – als mir dabei ein säuerlicher, muffiger Geruch aus der Tasse entgegenstieg, da sagte ich: So geht es nicht weiter. Wenn ich jemanden zu mir einladen will, eine Frau vielleicht… Ich ersetzte das Stückchen Emmentaler durch französischen Klosterbergkäse, dreizehn Monate gereift.

Eines Nachts lag ich mal wieder halbwach, von dem Trippeln. Zuerst war ich mir sicher, dass es von unter dem Bett kam, dann von hinter der Wand, aus dem Schornstein. Dann aber wurde es lauter, und größer, als treibe der Nachbar über mir eine Herde Büffel durch seine Wohnung, und bald ließ es sich nicht mehr lokalisieren, sondern füllte das ganze Zimmer aus, und ich wusste nicht mehr, ob es von Leben außerhalb zeugte oder von Vorgängen im Innern meines Körpers. Später nahm ich wahr, wie eines der Tiere am Bett hochkrabbelte und unter die Decke, wie es an meiner Hand schnüffelte und begann, an den abstehenden Fetzen meiner Nagelhaut zu zupfen. Ich wollte es streicheln, so zart und klein…

Am nächsten Morgen hatte ich sofort den Stallgeruch in der Nase, stärker als je zuvor. Ich sah wieder die Kaninchen meiner Großeltern vor mir und auch ihr verwinkeltes Bauernhaus, den großen Abenteuerspielplatz meiner Kindheit, eine nie zu erschöpfende Fundgrube an Verstecken. Ich spürte die Hand meines Großvaters um meine, wir gingen über die kleine Brücke und zwischen den Birnbäumen bergan, immer am Bach entlang. In der anderen Hand schlenkerte ich einen Gegenstand aus Draht und Holz, von der Form und Größe einer halben Melone, aber hohl. Darin befand sich ein kleines Tier, und mir fiel jetzt auch der Ort ein, an den wir es brachten, und vor allem, womit wir es geködert hatten: Haferflocken.

Die Verkäuferin hatte ihren Rattenverführerblick bereits aufgesetzt, als ich den Laden betrat. Sie verschwand zwischen den Perlenschnüren, und ihr Kollege zerteilte sie mit vollen Händen und den Worten haben Sie ein Glück. Zuhause sägte ich aus dem Holzverschnitt eine kreisrunde Platte und nagelte an deren Rand, im Abstand von drei Millimetern, gleichlange Stücke Draht. Diese bog ich oben zueinander, mit stärker werdender Krümmung, sodass sich an ihren freien Enden ein Trichter bildete mit einer Öffnung von gut zwei Zentimetern Durchmesser. Zum Schluss sägte ich ein kleines Viereck aus dem Sockel und versah es mit Scharnier und Riegel, das war der Ausgang. Bevor ich das Werk unter mein Bett stellte, schüttete ich ein Häufchen Haferflocken hinein, fiel selbst aber ohne zu essen in den Schlaf, so erschöpft war ich von der Arbeit des Tages.

Ich wache auf mit einer wohligen Schwere im Bauch. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen, erkenne ich senkrechte Stangen um mich herum, sie reichen bis über meinen Kopf. Ich springe hoch, um die kreisrunde Öffnung an ihren Enden zu erreichen, doch sie sind zu weit weg, und spitz. Auch versuche ich mich zwischen den Stangen hindurchzuzwängen, und die Bolzen zu lockern, mit denen sie im Holzboden festgeschlagen sind. Irgendwann setze ich mich hin und verzehre die restlichen Haferflocken. Das Licht des Tages drängt langsam an mich heran, es macht mir Angst, ich möchte mich in die Dunkelheit verkriechen, zu meiner Familie. Doch ich kann nur wenige Schritte machen, vor und zurück, nach links und nach rechts oder im Kreis, immer im Kreis.


Erik Wunderlich, geboren 1983 im nördlichen Schwarzwald. Lange Zeit in Berlin, seit 2018 in Freiburg im Breisgau. Studium der Physik und der Psychologie, Ausbildung zum Medizinischen Masseur. Macht Musik als Kap Alamé, konzentriert sich als Autor auf surreal gefärbte Kurzprosa. Veröffentlichungen u.a. in der Kritischen Ausgabe (2017) und in der Mosaik (2018).