Das Wetter meinte es dieses Jahr besonders gut mit den Finalist*innen, Tutor*innen und natürlich auch Organisator*innen des alljährlichen open mike Workshop im brandenburgischen Caputh.

Caputh Steg

Strahlend blau stand der Himmel über dem wohl bekannten Bild des Stegs. So sonnig wie dieses Jahr war es wohl noch nie, auch open mike-Organisatorin Jutta Büchter kann sich an kein Jahr mit derart schönem Wetter erinnern. Entsprechend gelöst war das Setting dieses alljährlichen Arbeitstreffens der Kanditat*innen und Lektor*innen. Unterstützt wurden letztere durch drei etablierte Autor*innen, die ebenfalls in Zweiergesprächen Hilfestellung für den erfolgreichen Start in den Literaturbetrieb gaben. Dieses Jahr sind Antje Rávik Strubel, Hans Thill und Heinz Helle mit dabei, für Lektorin Katja Sämann ist Petra Gropp vom S. Fischer Verlag eingesprungen.

Kern des Workshops waren wie in jedem Jahr die jeweils anderthalbstündigen Sitzungen, zumeist ein*e Tutor*in plus ein*e Autor*in. In der vertraulichen Atmosphäre des Märkischen Gildehauses und dessen Konferenzräumen ging es dabei ans Eingemachte – die Zweiersitzungen seien besonders intim und produktiv, hörte man die Autor*innen loben. Dabei gingen die Tutor*innen jedoch durchaus unterschiedlich vor. Mal wurde direkt am Text gearbeitet, ins Detail gegangen, mal eher auf das große Ganze gezielt, Konzept und Dramaturgie des Textes durchgesprochen. Dabei können sich die Ergebnisse der Sitzungen für die Finalist*innen sehr unterscheiden. Die selben Sätze seien einmal negativ, einmal positiv hervorgehoben worden, sagt ein Kandidat in der Pause. Da wird wohl gut polarisiert!

Um einen besseren Eindruck von solch einer Session zu bekommen, haben wir ein kleines Interview mit Lektor Patrick Sielemann geführt:

Welchen Eindruck hast du von der Stimmung hier beim Workshop bisher?
Überraschend entspannt (lacht), also nicht im negativen Sinne, sondern dass die Autor*innen sehr konstruktiv mit der Kritik umgehen. Ich hatte ein wenig die Befürchtung, dass Anmerkungen, Kritik und Anregungen gerade von jungen Autor*innen, denen dieser Prozess noch neu ist, nicht so gut aufgenommen werden. Nun hatte ich aber den Eindruck, dass die Autor*innen hier sehr gelassen damit umgehen, es sehr schätzen und sich sogar darüber freuen. Natürlich gibt es auch Diskussionen, aber alles auf einer sehr guten Ebene.

Wie kann man sich so eine 90-minütige Sitzung vorstellen?
Ich arbeite in meinen Sitzungen mit den Autor*innen meistens am großen Ganzen, da es sich hier ja oft um größere Projekte handelt. Dramaturgie, Spannungsbogen und Figuren interessieren mich vor allem, die Details sind nicht unwichtig, kommen für mich aber erst danach. Ich versuche den Autor*innen Tipps und Hinweise zu geben, wie sie Probleme lösen können, die mir – und manchmal auch ihnen selbst – aufgefallen sind, und weise auf eventuelle Gefahren hin. Das finde ich zu diesem Zeitpunkt, an dem sich die Autor*innen gerade befinden, am wichtigsten. Den Roman als Ganzes rund hinbekommen. Für konkrete Textarbeit ist es meiner Meinung nach noch zu früh, ich habe das aber durchaus hier und da auch gemacht. Einfach um zu zeigen, wie man am Ende um die Wörter ringt.

Arbeitet ihr an den Texten des open mike weiter oder haben die Autor*innen zum Workshop neue Texte mitgebracht?
Die meisten meiner Autor*innen haben neue Texte mitgebracht, nur zwei hatten überarbeitete Versionen der open mike-Texte dabei. Ich bin schon etwas überrascht, dass so viele doch in der Zwischenzeit noch neue Texte geschrieben haben oder noch mehr in der Schublade hatten. Es ist spannend hier auch neue Facetten der Autor*innen zu sehen. Das war allerdings nicht immer nur positiv.

Arbeiten alle »deiner« Autor*innen gerade auf ein größeres Buchprojekt hin?
Eigentlich arbeiten alle an einem längeren Text, nur einer ist sich noch nicht ganz sicher, was es nun werden soll, eine lange Erzählung etwa oder doch ein Roman. Das hängt ja sehr von der individuellen Arbeitsweise ab. Schreibt man einfach drauf los und lässt alles auf sich zukommen, oder konzipiert man einen Text minutiös durch, hängt sich das ganze Zimmer voll mit Planskizzen und muss am Ende nur noch die richtigen Worte finden? Beides ist natürlich legitim und jede*r muss für sich herausfinden, was am besten funktioniert.

Abschlussfrage: Was nimmst du für dich als Lektor mit von diesem Wochenende?
Keine kleinen Shampooflaschen aus dem Zimmer, die gibt es hier nicht! (lacht) Nein, ganz viele nette Gespräche natürlich. Ich muss das auch erstmal für mich ordnen nach diesem Wochenende. Ich hoffe aber, dass ich alle Autor*innen noch weiter verfolgen und mich bald freuen kann, das Buch von einigen irgendwann in der Buchhandlung liegen zu sehen.

Aber auch abseits der Zweiergespräche hatte der Workshop einiges zu bieten. Zum einen zwei Vorträge, die verschiedene Seiten des Schriftsteller*innenberufs in den Fokus nahmen. Zunächst befasste sich Maria Koettnitz – langjährige Verlagslektorin und -leiterin in verschiedenen Häusern, heute Leiterin der Akademie für Autoren – am Samstag mit den unbequemen Grundlagen des Lebens als freiberufliche*r Autor*in. Künstlersozialkasse, Riester- und Rürup-Rente, Arbeitslosigkeits- und Haftpflichtversicherung, Agentur- und Verlagsvertrag waren die Schwerpunkte des Vortrags. Bis ins Detail wurde hier vorgerechnet, wo die zu Anfang so sauer verdienten Euros gut angelegt sein sollten. Unterm Strich bleibt vor allem eins hängen: Eine individuelle Beratung ist Pflicht!

Workshop Caputh

Am Sonntag befasste sich Lektorin Petra Gropp dann mit der Außendarstellung von Autor*innen. Welche Signale sendet ein Foto, welche Adressaten hat eine Kurzbio, was gehört in ein Exposé, was nicht? Dies sind nur einige wenige der Fragen, die sie behandelte und die die Kandidat*innen durchaus ins Grübeln, vielleicht auch ins Schwitzen brachten. Zum Glück lockerte Ulf Stolterfoht die Stimmung mit einem Zwischenruf auf: »Ihr müsst aber auch nicht alles mitmachen!« Bei einem sportlichen Fotoshooting am Billardtisch sei für ihn mal das Maß voll gewesen.

Doch was wäre so ein Workshop-Wochenende ohne die Pausen! Zu Frühstück, Mittag- und Abendessen ging es in das Restaurant des Gildehauses, das der aufkommenden Klassenfahrtstimmung zu trotzen versuchte. Am Büffet kamen interessante Gespräche auf, man tauschte sich später bei Bier, Wein oder auch einem echt brandenburgischen Gin Tonic ohne jeglichen Firlefanz aus. Und auch der Abschied hatte Klasse, wenn noch vor Mitternacht die letze Runde ausgerufen wurde und man sich mit den Getränken, die der Ausschank unter wohligem Jammern herausgab, in den Wintergarten zurückzog. Es sollen sogar noch Märsche zur dörflichen Tankstelle unternommen worden sein. Da waren wir dann doch wieder ein wenig im Ferienlager.

Workshop Caputh

Sonntag nach dem Mittagessen war es dann auch schon wieder vorbei. Vielleicht etwas müde, aber zufrieden trotten alle zum nahe gelegenen Bahnhof Caputh-Schwielowsee. Es war ein gelungenes Wochenende, das sich in kleinen Grüppchen wieder in alle Himmelsrichtungen verstreut.