Drei Jahre ist es her, dass Berit Glanz mit ihrem Text »Inkubator« beim 24. open mike angetreten ist. Heute vor einer Woche ist nun ihr Debütroman Pixeltänzer erschienen. Wir gratulieren herzlich und hatten da ein paar Fragen …


Elisabeth, von allen nur Beta genannt, arbeitet in einem Startup: Ihr Alltag wird von Pitches und Teambuilding-Maßnahmen bestimmt; in ihrer spärlichen Freizeit entwickelt sie Tiermodelle am 3D-Drucker und probiert sich durch die Berliner Eisdielen. Als ein Fremder unter dem seltsamen Alias Toboggan sie über eine App kontaktiert, ändert sich ihr Leben. Sein Profilbild weckt ihre Neugier, doch anstelle einer Antwort schickt er sie auf virtuelle Spurensuche. Sie führt Beta zu der Geschichte des Künstlerpaars Lavinia und Walter, das in den Zwanzigerjahren in grotesken Ganzkörpermasken Tanztheater aufführte und mit bürgerlichen Konventionen brach. Statt der erhofften Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen kommt es zur Tragödie, als Lavinia zur Waffe greift. Doch je mehr Beta von den beiden erfährt, sich in ihre Hingabe an die Kunst hineinversetzt und mögliche Auswege erkundet, desto stärker wird die Sehnsucht, aus ihrem eigenen oberflächlichen Dasein auszubrechen. Eine Reise nach Barcelona bietet ihr und ihrem Team die ungeahnte Möglichkeit, Technik ins Absurde oder doch in Kunst zu verwandeln – und Beta ergreift ihre Chance.


Was schoss dir durch den Kopf, als du dein Debüt zum ersten Mal in den Händen gehalten hast?

Ich habe es aus dem Briefkasten geholt, ausgepackt und dann wurde ich abgelenkt von meinen Kindern, die unbedingt Eis essen gehen wollten und habe das Buch in meine Tasche gesteckt. Auf dem Weg zur Eisdiele habe ich darüber nachgedacht, dass es eigentlich lustig ist, wie manchmal Momente, auf die man sich ewig gefreut hat, schlichtweg verpuffen. Meist kommt dann irgendwann ein anderer besonderer Moment zum Ausgleich.
Das war in diesem Fall einige Wochen später, als ich nachts einige meiner Bücher signiert habe. Ich hatte die fixe Idee, dass ich eine Fliege in die Bücher zeichnen wollte und der Boden war bedeckt mit Papieren voller probeweise gezeichneter Fliegen, daneben die Bücher mit ihrem blauen Cover. Plötzlich war ich sehr glücklich und hatte das Gefühl, exakt das zu machen, was ich immer machen wollte.

Wie lautet der erste Satz deines Debüts?

// S-Bahn-Beobachtungs-Statement

                  if                  (IsSBahnAccelerating) {

                                    currentSpeed++;

                  } else {

                                    Sytem.out.println („Die Frau steht am Fenster.“);

                  }

Was gefällt dir am besten am Schreiben? Und was findest du am unangenehmsten?

Schreiben ist Zeit, die ich mir nehme, nur für mich und das, was in meinem Kopf ist. Ich empfinde es immer als unglaubliches Privileg, diese Möglichkeit zu haben.
Meist schreibe ich nachts oder spät abends, weil ich tagsüber anders beschäftigt bin. Das bedeutet, ich bin oft hin- und hergerissen zwischen meinem Bedürfnis weiterzuschreiben und der Notwendigkeit zu schlafen.

Wenn du könntest, welchen Rat würdest du deinem Ich von vor zehn Jahren geben?

Sei unbesorgt, die Kinder werden nicht dazu führen, dass du das Schreiben aufgibst, aber sie werden dein Leben vertiefen und verändern, als ob an der Linse eine andere Schärfe eingestellt wurde – das wird dein Schreiben anders und besser machen.

Bereust du etwas? Was?

Ich habe in einigen Fällen nicht rechtzeitig realisiert, dass das Leben von einem Tag auf den anderen plötzlich ganz anders sein kann.

Mit welchem Autor oder welcher Autorin würdest du gern mal ein Bier trinken gehen?

Zeitreise: Elin Wägner und Karin Boye


Berit Glanz, 1982 geboren, hat in München, Stockholm und Reykjavík studiert und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Skandinavische Literaturen der Universität Greifswald. Sie war Finalistin beim 24. open mike und Teilnehmerin der Textwerkstatt Kölner Schmiede. Für ihr Romandebüt Pixeltänzer wurde sie 2017 mit dem Literaturpreis und dem Publikumspreis Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet.