Ein Gastbeitrag von Elske Beckmann

raumen, schwaches Verb – 1. sich auf der Suche nach einem Ort/ einer Unterkunft befinden 2. sich eine Unterkunft aneignen/ zu eigen machen 3. andächtig durch einen leeren Raum streifen und im Kopf mit Möbeln, Material und Menschen füllen 4. einen leeren Raum mit Möbeln, Material und Menschen füllen

Februar 2020. Die Räume sind fensterlos und weit geschnitten, trotzdem verlaufen wir uns zwischen klebrigen Theken, abgewetzten Ledersofas, samtig grellen Kissenbergen und kaugummibedeckten Teppichen. Die Schränke stehen voll mit Gläsern, im Lagerraum finden wir mehr als 20 Kisten mit Obstsaft, im Eingang hängen noch Jacken. Die letzte Party hätte vor einer Woche stattfinden können, tatsächlich steht der ehemalige Club aber seit drei Jahren leer. Wertgegenstände im Büro wurden hastig zusammengeklaubt, ein paar Computer, vollgemüllte Schreibtische und volle Aschenbecher stehen noch genau dort, wo sie hinterlassen wurden.

Es ist der siebzehnte Kontakt dem ich wochenlang hinterhertelefoniert habe und die vierte oder fünfte Besichtigung zu der ich auf der Suche nach einem Raum für PROSANOVA verabredet bin. Die dunklen Räume zu betreten, löst einen Moment der Euphorie in mir aus, mehr als 1000 qm2, Theken, Stühle und Möbel sind vorhanden, ausreichende Sanitäranlagen gegeben. Doch als wir den ehemaligen Club nach zwanzig Minuten wieder verlassen tut das Tageslicht plötzlich viel zu gut; wie sollen wir in der Dunkelheit vier Tage verbringen, geschweige denn die vielen Wochen des Aufbaus vorher? Trotzdem ist das Besichtigen der Orte, die vor uns schon lange niemand mehr besucht hat, aufregend abenteuerlich. Wir waren in einer alten Lagerhalle, in der es durch die Decke tropfte und die Elektronik mit gelben Schimmel überzogen war. Wir haben Radtouren durch die ganze Stadt gemacht und Orte gescoutet, an denen wir uns unser Festival vorstellen konnten. Wir haben in stiller Andacht Türen geöffnet, jedes Mal fasziniert davon, was dahinter vorzufinden war

Das war der Fun Part des Ressorts. Zusammen mit dem Wirtschaftsförderer der Stadt im Rathaus in dem warmen Büro unterm Dach hin und her überlegen, welche Leerstände zur Verfügung stehen. Ausmalen, wie wir uns auf welchem Gelände bewegen würden. Die Fragen der Umsetzung, nach Barrierefreiheit, (De-)Zentralisierung und den verfügbaren Mittel.

Aber was ich in dieser Zeit auch gelernt habe: Makler und Gebäudeverwalter (bewusst nicht gegendert) sind selten kulturaffin, geschweige denn festivalbegeistert. Oder anders: Makler und Gebäudeverwalter nehmen mich als junge Frau häufig nicht als ernsthafte Vertragspartnerin wahr, wollen seriösere Partner*innen, solche, denen sie ungefragt Vertrauen schenken können. Bei dem zweiten Besuch in dem ehemaligen Club wurde mir eine Viertelstunde lang beschrieben, dass der Unterschied im Stromverbrauch zwischen Scheinwerfern und Laserstrahlern vergleichbar mit dem kurzen Einschalten einer Herdplatte und dem stundenlangen Betrieb eines Ofens ist. Bitte, lieber Anzugträger, erkläre es mir mit mehr Beispielen, die ich dank meiner weiblich festgemachten Position in der Küche besser verstehen kann.

Ein Makler eines leerstehenden Bekleidungsgeschäfts hat am Telefonat gezetert, dass wir mit unseren Anwälten schon mal absprechen sollten, wie wir für die Schäden, die wegen unseres Festivals mit Sicherheit am Gebäude entstehen würden, am Ende aufkommen wollen.

Und als wir gerade auf einen freundlichen, kooperativen Verwalter trafen, bahnhofsnah, in einer geräuschunempfindlichen Gegend, mit vielen großen, hellen Räumen und unkomplizierten Vertragsverhandlungen haben wir etwa einen Tag vor dem Unterschreiben entschieden, dass PROSANOVA digital stattfinden wird.

Also rollten wir die Frage erneut auf: Wie schaffen wir Barrierefreiheit, hier in der dezentralsten Version aller Versionen? Schaut man sich unsere Website an, wird schnell klar, dass der ortsgegebene Zugang leichter ist: Keine Treppen, keine großen Menschenmengen, keine extreme Akustik, keine vollen, engen Räume, keine kleinen Toilettenkabinen. Gleichzeitig bleibt uns nicht mehr viel Zeit bis zum Festival und es gibt vieles, an das wir zu spät denken oder für das wir einfach ein paar Monate mehr Verlauf gebraucht hätten. Unsere Videos sind nicht untertitelt – weder auf Deutsch noch einer anderen (Gebärden-)Sprache. Die Website ist bunt und grell, vieles bewegt sich, Bilder haben nicht den nötigen Alternativtext, ohne Maus und nur mit der Tastatur kann sich nicht frei bewegt werden. Wir haben keine Audiodeskription und für manche verlinkten Symbole ist Feinmotorik und eine ruhige Hand nötig.

Sonntagabends bekomme ich einen unruhigen Anruf meiner Mutter, die nicht versteht, wo denn genau dieses Festival jetzt ist, auf welche Seite sie dafür muss. Und mein Kontakt für die Leerstände bei der Stadt ist zunächst verwirrt, ob wir nun alles von unserem Büro aus übertragen würden. Sind Sie jetzt verteilt in der Stadt, findet es also doch nicht an einem Ort statt?

Nicht nur bergen Websites diverse Barrieren allein durch Layout, Optik, Handhabung, sondern auch die Digitalität an und für sich ist eine Barriere. So viel wir im Homeoffice auch 24/7 vor unseren Laptops hängen, die Finger an der Tastatur festgetackert, die Augen zerrende Quadrate und der Rücken etwas zu krumm, so schnell vergessen wir auch, dass wir die Generation sind, die keine zwei Sekunden braucht, um ein neues Smartphone eingerichtet zu haben, die keine Gebrauchsanleitungen mehr liest und für die es normal ist, eine Staffel in wenigen Tagen durchzuschauen.

Unser digitales Festival bringt viele Vorteile mit sich; von meinen deutschsprachigen Freund*innen schaffen es mehr, dabei zu sein als wenn sie an diesem Wochenende nach Hildesheim hätten kommen müssen, mein Vater kann von Istanbul aus dabei sein. Personen, deren Sicherheit nirgendwo mehr garantiert werden kann als in ihren eigenen Wohnungen, können jedes Format schauen und sich dabei wohler fühlen, als sie es in einem Raum mit hundert Menschen getan hätten.

Trotzdem: Natürlich hätten wir euch alle gerne umarmt, unsere Künstler*innen vor Ort begrüßt, unsere Artists in Residence und Textstreich-Gewinner*innen ins Herz geschlossen, mit dem Team abgehangen, die Euphorie aller ehemaligen künstlerischen Leitungen und aller Besucher*innen überhaupt aufgesogen. Bowle getrunken, Tattoos stechen lassen, schwebend vier Tage Atmosphäre durchrauschen. Das wird uns fehlen, das fehlt uns bereits jetzt, aber ist nicht für immer verloren. 2023 sitzen wir zwischen den Ehemaligen, können genießen, wieder in Hildesheim zu sein, können alle lieben Menschen in den Arm nehmen. Und uns jetzt in diesem Juni darauf konzentrieren, dass wir mit unserem digitalen Festival neue Wege und Strukturen schaffen, die Grundlage für Weiteres bilden, was folgen kann, was folgen wird, was noch mehr Ausbau benötigt und noch mehr mitdenkt, als wir es getan haben.

Jetzt für dieses Jahr sehen wir die Vorteile und sind aufgeregt, was PROSANOVA 2020 mit sich bringen wird.

Wir sehen euch, wir freuen uns auf euch, wir werden es gemeinsam verbringen.


Elske Beckmann
Foto: © Salma Jaber

Elske Beckmann wuchs in Kleve am Niederrhein auf und studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, wo sie 2018/19 Mitherausgeberin der Erstsemesteranthologie des Jahrgangs war. Davor studierte sie nebenberuflich zwei Semester Philosophie in Chicago, Illinois. 2015 war sie Teilnehmerin der Deutschen Schüler Akademie des Talentförderzentrums Bildung & Begabung im Bereich Filmdramaturgie. Praktika in den Bereichen Set und Produktion, unter anderem bei der bildundtonfabrik in Köln. Veröffentlichungen in Anthologien und Magazinen. Bei PROSANOVA 2020 ist sie verantwortlich für den digitalen Raum, Party und Social Media.


Alle Infos zum PROSANOVA 2020 (11. – 14. Juni) findet ihr hier, Tickets gibt’s dort ebenfalls sowie das Online-Programm im Überblick.