Frieda Paris

Frieda Paris
Frieda Paris (Foto: © Flora Löffelmann)

Frieda Paris, geboren 1986 in Ulm. Studium in Wien und Paris, Bachelor of Arts in Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Sprachkunst. Lebt in Wien. Schreibt Lyrik, Hörspiel und Erzählungen. Liest und performt im deutschsprachigen Raum, zuletzt bei Mondmeer und Marguérite (Wien). Veröffentlicht in Anthologien, Zeitschriften und Radio, zuletzt in Transistor – Zeitschrift für zeitgenössische Lyrik (Berlin). Kuratiert und moderiert Lesungen, zuletzt im Museumsquartier (Wien), forscht und schreibt zu Exilliteratur in Südfrankreich (Sanary) sowie mit und zum Vorlass von Friederike Mayröcker.

Wann schreibst du am liebsten?
Würde oft dann, wenn ich bei der Arbeit bin.

Wer liest deine Texte zuerst?
In letzter Zeit kaum.

Was bedeutet Literatur für dich?
In impulsiver Kürze: Schlüssel und Räume. Verantwortung, als Lesende (öffnen) und Schreibende (Öffnung). Hinwendung in beiden Fällen. Hinterfragen von ihren Strukturen, Mitten neu legen, auch auf die Auswahl des Lesens bezogen.

Was wäre, wenn dir jemand die Möglichkeit zu Schreiben wegnähme?
Gegen diesen Zustand, wo immer in der Welt: auflehnen, antreten und anschreiben.

Was würdest du anders machen, wenn du wüsstest, dass dich niemand beurteilt?
Funktionskleidung tragen.

Dein gegenwärtiger Geisteszustand?
Blanche = im März dieses Wort aus einem Gedicht von Friederike Mayröcker geschnitten, benennt es seither diesen Zustand zwischen Innen und Außen, Normalität und Ausnahme. Damit das alles einen Namen bekommt, zusammenhält, was der Welt momentan entkommt (denke, ein Tränenstaubsauger wäre ein zu erfindendes Ding).

Erster Vers deines open-mike-Textes?
Einmal schrieb ich: Das Auge einer Taube sieht aus wie ein Sanddorn.

Schon aufgeregt vorm Auftritt? Wie bereitest du dich vor?
Werde mich zwei Wochen vor Abreise in sozialen Winterschlaf begeben. Freue mich sehr, auch auf meine Freunde (nenne sie die Berliner Heinis).

Dein aktueller Buchtipp und warum?
Was gerade neben mir liegt:
Hintergrund für Liebe, Helen Wolff.
Kühne Einfachheit einer Sprache des Sehnens.
An Liebe, Idea Vilariño
Liebes-Listengedichte.

Schick uns ein Bild von deinem Lieblingsarbeitsplatz und schreibe etwas dazu.
Denke über Namen von Orten in Wien nach, die sich verselbstständigen, wenn man sie lange schon kennt: Schnitzel, Jenseits, Wunderbar. Wie vertraut der Name fällt, wenn man sich dort verabredet, in diesem Wort trifft, oder von dort aus wahrnimmt. Letzte Notiz z.B.: Fährt sich mit frisch desinfizierten Händen durchs Haar und verlässt die Tonspur.

© Frieda Paris, Oktober 2020

Frieda Paris wurde ausgewählt von Helge Pfannenschmidt.

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Felix Reinhuber

Felix Reinhuber
Felix Reinhuber (Foto: © Lena Hahner)

Felix Reinhuber, geboren 1990 in Herrenberg, lebt in Freiburg. Über Aktion Sühnezeichen Friedensdienste war er für ein Jahr Tour-Guide am United States Holocaust Memorial Museum in Washington DC. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Berlin und der Germanistik und Anglistik in Freiburg und Durham, UK. Seit Januar 2020 Referendar am Friedrich-Gymnasium Freiburg. Lyrik-Publikationen in entwürfe 85 (2018) und The Freiburg Review 3 (2016) sowie in der Anthologie Wunderwerk Text der Gruppe 48 (2019). Online-Veröffentlichungen, Rezensionen und Essays auf Fixpoetry. Seit 2018 Mitorganisator des Freiburger Lesungsprojekts FAST|WAS für Lyrik und Prosa. 

Wann schreibst du am liebsten?
Am Morgen oder am Abend – und prinzipiell wenn ich weiß, dass ich den ganzen Tag nur zum Schreiben habe.

Wer liest deine Texte zuerst?
Ein guter Freund, der ebenfalls schreibt und von dem ich eine ehrliche Meinung bekomme.

Was bedeutet Literatur für dich?
Literatur ist der Gegenentwurf zum Alltag und zu dessen Routinen für mich. In der Lyrik bedeutet das für mich besonders, dass die einzelnen Wörter aus der abnutzenden Alltagssprache befreit werden und wieder für sich zu stehen und zu leuchten anfangen. Literatur lässt die Dinge in einem anderen, bisher nicht gekannten Licht erscheinen bzw. mit ‚erfrischten‘ Augen sehen. Sie hilft dabei, die eigene »wall of self« (David Foster Wallace) zu übersteigen, indem wir in unserem einen, notwendigerweise beschränkten Leben die Leben von vielen anderen zumindest in Ansätzen miterleben und nacherleben können.

Was wäre, wenn dir jemand die Möglichkeit zu Schreiben wegnähme?
Dann würde ich malen oder Musik machen … oder vielleicht glücklich sein!

Was würdest du anders machen, wenn du wüsstest, dass dich niemand beurteilt?
Nichts. Man selber ist ja oft sein härtester Kritiker und diese Art von Beurteilung wird man so einfach nicht los.

Dein gegenwärtiger Geisteszustand?
Übermüdet, dösig.

Erster Vers deines open-mike-Textes?
fassadenschnitte, graffiti, antennenskizzen, taubenhelles.

Schon aufgeregt vorm Auftritt? Wie bereitest du dich vor?
Na klar aufgeregt. Ich versuche, eine Lesephilosophie des Bindestrichs zu entwickeln.

Dein aktueller Buchtipp und warum?
Sicher kein Geheimtipp: Marion Poschmanns Gedichtband Nimbus – und darin besonders das Kapitel »Bäume der Erkenntnis.« Poschmann schafft es hier für meine Begriffe, so alte Dichtungsthemen wie Sehnsucht und so tradierte Motive wie Wolken sprachlich wieder neu zu zünden: »in denen sich Fernweh ansammelt … wie lautlose Detonationen / der Sehnsucht.« Diese Mischung aus empfindsamer Zartheit und Beschreibungswucht zieht sich durch den ganzen Band und hat mich im Corona-Lockdown auf andere Gedanken gebracht.

Schick uns ein Bild von deinem Lieblingsarbeitsplatz und schreibe etwas dazu.
Das Photo zeigt meinen Balkon, der das Beste an meinem WG-Zimmer in Freiburg ist. Von hier aus hat man fürs Schreiben gerade die richtige Distanz zur Straße unten und den Passanten und Passantinnen, deren Gesichter und Gangarten schon so weit weg sind, dass sie zu Projektionsflächen ambitionierter Nachwuchsautoren werden können, die sich auf ihren Balkonen sonnen. Außerdem sitzt man hier im Sommer quasi mitten in den Baumkronen der umgebenden Kastanien: Eine ungewöhnliche Höhe, die – so redet man sich eben ein – auch ungewöhnliche Texte befördert. Hier kann man Leserunden mit Freunden starten oder nur auf die nadligen Ausläufer des Schwarzwalds schauen und hoffen, dass von dort gleich die Inspiration heranweht.

Felix Reinhuber wurde ausgewählt von Helge Pfannenschmidt.