Am Sonntag wird die Jury des 28. open mike – bestehend aus Verena Güntner, Marica Bodrožić und Peter Waterhouse – entscheiden, wer die Gewinner*innen des Wettbewerbs sind. Bis zu drei Preisträger*innen können sie bestimmen und Preise in Gesamthöhe von 7.500 Euro vergeben. Einer der Preise wird für Lyrik vergeben. Wir haben der Jury im Vorfeld vier Fragen gestellt.


Verena Güntner

Verena Güntner (Foto: © Stefan Klüter)

Was wünschen Sie sich für die junge Literatur?
Ich erlebe die Welt im Moment aufgerissen wie nie – schwer vorstellbar, dass sich nichts davon in den Texten wiederfinden wird. Ich würde es mir jedenfalls wünschen, gehe aber, na klar, offen in den Prozess.

Worauf freuen Sie sich beim open mike 2020 am meisten?
Dass er (hoffentlich) stattfindet. Es schmerzt, dass so viele Literatur-Veranstaltungen und Lesungen ausfallen müssen. Die besondere Atmosphäre im Heimathafen wird sicher in diesem Jahr schwerer zu erzeugen sein. Aber die Texte sind da, wir werden neue Stimmen hören, das ist das Wichtigste.

Welchen Gegenstand möchten Sie am Wettbewerbs-Wochenende auf keinen Fall missen und wieso?
1 l (vorsichtige Planung) Cola light. Nach dem open mike höre ich dann endlich damit auf und fange mit dem Kaffeetrinken an.

Marica Bodrožić

Marica Bodrožić (Foto: © Peter von Felbert)

Was wünschen Sie sich für die junge Literatur?
Innere Landschaften können ihr helfen, ein neues Sehen in die Welt zu geben, Denkwege, die das innere und äußere Leben miteinander verbinden und es als Spiegelungen sichtbar machen, die miteinander sprechen. Langlebige Blickweisen gehen damit einher, unverkäufliche Sätze, die Liebe zur Güte, Gnade, ein unkontrollierbar stattfindendes inneres Niederknien vor einem Wort, einem Satz, einen Rhythmus, einem Bild; ab einem bestimmten Moment ist ja alles ein Gebet, auch der Blick, Versenkung ins Nichts und in die Details; auch freue ich mich (die Freude ist wohl ein tiefer als die Nacht liegender Wunsch) auf unbetrügbare Herzen, die sich nicht ablenken lassen von Plastikherzen, vom Plastikleben, von Plastikworten – auf echte Menschen, auf echte Blicke, deren Schönheit wehtut, weil sie das Bleibende benennt und sich nicht vom Lauten ablenken lässt, aber es kennt, durchschreitet und versteht und so die Sprache schützt vor der Beliebigkeit der zum Verkauf ausgelegten Welt.

Worauf freuen Sie sich beim open mike 2020 am meisten?
Auf das Unbekannte, Frische, auf alles, das mich verändert: Sehen heißt (immer noch) ändern.

Wie planen Sie, bei der Bewertung der Finaltexte vorzugehen?
Euphorisch, lustvoll und dann doch: leise. Denn hinter dem Leisen bleibt der Ton noch bestehen, das Musikalische der Sätze muss in einem nachhallen und in der Stimme stimmen. Wahrscheinlich werde ich mir den einen oder anderen (zu mir sprechenden) Text laut vorlesen, so, wie ich es mit meinen eigenen Texten mache, damit ich ihnen auf die (Ton-)Spur komme. Ansonsten, das Bewährte: mehrmals lesen, nochmals lesen, noch einmal hinschauen, der Intuition vertrauen und wieder lesen, schauen, was die Dauer aus dem Lesen macht und was bleibt vom Gelesenen. Nicht nur: wie ist es gemacht. Sondern auch: was macht ein Text. Jeder Text braucht eine kleine Achillesferse. Die »Fehler« sind die Brücken zum inneren Raum einer Sprache. Diese erzählen auch von einer Zerbrechlichkeit, die mit der Aura verbunden ist. Wenn es keine Wärme in den Dingen und Sätzen gibt, fehlt sie wohl, frei nach Walter Benjamin, auch in den Menschen.

Welchen Gegenstand möchten Sie am Wettbewerbs-Wochenende auf keinen Fall missen und wieso?
Ein Text braucht Offenheit, aus der heraus etwas Neues entsteht, vielleicht ist es das, worauf ich mich am meisten freue – auf die Offenheit zu verzichten, das wäre der Beginn von Ideologie und Möchtegernmachen und vor allem das Ende des poetischen Wundermomentums, der in jedem mit dem Atem erschriebenen Wort erscheint. Ansonsten hoffe ich, dass es mir gelingt, alles beim Lesen oder Hören der Texte zu vergessen, was ich weiß, damit ich etwas erfahre, was ich noch nicht kenne, aber das mich erkennt und mir einen neuen Purzelbaum im Kopf schenkt. Das Ernsthafte und das Schelmische, das Tiefe und das Abgründige, in der Offenheit ist das Paradoxon das wahre Leben und daraus entstehen die besten Texte.

Peter Waterhouse

Peter Waterhouse (Foto: © Naomi Waterhouse)

Was wünschen Sie sich für die junge Literatur?
Was wünsche ich mir?
Wünsche an die junge Literatur?
Was ich den jungen Schreibenden wünsche?
Zeitverschwendung. Lesend Zeit verschwenden. Nichts tun, Spuren nachlauschen, in ihnen sich verlieren. Möglichkeiten hören und haben, die nicht verwirklicht werden müssen. In eine Schule gehen, welche Nachdenkpause heißt und den Fortschritt verlangsamt zugunsten des anderen Zustands. Warten. Zeit für Nicht-Erwartbares. Das Unmögliche mögen. Alles lieben. Kein Genie werden. Die Zeit vermehren helfen.

Worauf freuen Sie sich beim open mike 2020 am meisten?
Mich freuen? Ich fürchte mich. Kann ich gut genug lesen, zuhören, hören?

Wie planen Sie, bei der Bewertung der Finaltexte vorzugehen?
Dem ersten Gedanken – so wie es Lessing tat – nicht trauen, dem zweiten, dritten und vierten auch nicht. Dem wievielten Gedanken endlich trauen können? Dem Geschriebenen mehr trauen als mir? Hannah Arendt beschreibt die Urteilskraft als das Vermögen, dasjenige zu beurteilen, was unbekannt ist. »Urteilen kann aber auch etwas ganz anderes meinen, und zwar immer dann, wenn wir mit etwas konfrontiert werden, was wir noch nie gesehen haben und wofür uns keinerlei Maßstäbe zur Verfügung stehen.« (Einführung in die Politik I, Fragment 2b)
Planen? Vorgehen?
Mich verlassen auf das Gespräch, das Für und Wider, Hin und Her, die Mehrstimmigkeit der Jury.

Welchen Gegenstand möchten Sie am Wettbewerbswochenende auf keinen Fall missen und wieso?
Licht, welches auf das kleinste, auf den kleinsten Gegenstand geworfen wird.
Wieso?
Das Kleine glänzt. (Und war ursprünglich nicht das Gegenteil des Großen.) Es ist selbst Licht.
Licht, das auf Licht geworfen wird.