Eine Mutter auf der Flucht mit der kleinen Tochter, weg von dem Vater des Kindes, raus aus der zu eng gewordenen Realität. Eine Unterkunft in einem fast gespenstisch leeren, kleinen Hotel nahe eines Bahnhofs. Die Stare von Franziska Gänsler ist ein literarisch beklemmender Aufenthalt im Leben von Unglücklichen.

Franziska Gänslers Text Die Stare beginnt mit einem starken Bild der Freiheit. »Die Stare, wie Pfeffer über den trockenen Feldern«, beobachtet von kleinen Kinderaugen. Augen, die ein Spiel sehen, während die Mutter darin Flucht vor dem großen, bedrohlichen Vogel erkennt, der die Stare auf- und verscheucht.

Passend zu dem, was Mutter und Kind erleben. Sie betreten ein Hotel, ein Refugium, für ungewisse Zeit. Sie haben den Vater verlassen, der die Mutter mit Sprachnachrichten bombardiert.

Leuchtend schiebt sich sein Name auf mein Display, sobald der Akkustand es zulässt. Zweiundzwanzig Sprachnachrichten, jede ein Finger, der nach mir stößt.

Die reduzierte und enger gewordene Familie bleibt in diesem Hotel, draußen wird aus Herbst fast schon Winter, es wird kälter, ein Kindermantel wird gestrickt. Die Frau des Wirts nähert sich der Mutter, da entsteht sowas wie eine Bekanntschaft, eine Begleitung für Spaziergänge in der kalten Stille. Sie sprechen über eigene Erwartungen, über nicht erfüllte Hoffnungen, die Mutter wird zum Inventar eines fremden Ortes. Wird Freundin genannt von dieser anderen Frau, die für die Mutter ist wie eine Tür zu einer alternativen Realität. Weg vom Mann, der sich ab und an gewaltsam in Gedanken drängt.

Ich hatte geschwitzt und friere sofort, wir tragen den Geruch des Waldes in die Empfangshalle. Innen ist es still. Unter uns unsere Körper, von den Fliesen gespiegelt, als stünden wir auf einem schwarzen See.

Die Stare ist beklemmend, kalt, nass und atmosphärisch. Intimität auf wenig Raum, eine Erzählung ganz nah dran an der Erzählenden. Franziska Gänsler beherrscht Beschreibungen von Figuren und Sätze wie Blicke, die ein Gegenüber flüchtig mustern und doch Wesentliches erkennen. Sie schafft Bilder, die nachhallen. Der Text kommt ohne große Handlung aus, was es am Ende leider auch noch etwas vage macht. Doch was bleibt, ist der Wunsch von einem Ausweg aus der Enge, mit eiskaltem Blick auf die schon akzeptierte Realität.