Thomas, der Nichtwähler heißt der Text, mit dem Sebastian Gaub den zweiten Block des 28. open mike eröffnet. Schon der Titel weckt bei uns Lesenden (und Zuhörenden) eine gewisse Erwartungshaltung: Wer ist dieser Thomas – und, eine kleine Angst schwingt mit, wie viel Thomas erkenne ich wohl in mir?

Der Text ist in mehrere, unterschiedlich lange Episoden eingeteilt, die dem Ganzen einen schönen Seriencharakter verleihen. Wir erfahren, »Warum Thomas sich mit Heilkräutern auskennt«, »Warum Susannes Lippenstift verschmiert war« oder »Warum Thomas sich fast die Zunge an Automatenkaffee verbrannt hatte«.

Thomas hatte keinen Schlüssel zur Wirklichkeit.
Er hatte nur einen Schlüssel zu seiner Wohnung.

Thomas ist eine Figur, die wir alle irgendwie kennen. Der Normale von nebenan, irgendwie spleenig, aber nicht zu speziell. Er hat gerne viele Pflanzen um sich, lässt seine Schildkröten frei herumlaufen, macht Yoga und denkt über den Placebo-Effekt nach. Und darüber, welches Heilkraut gegen welches Wehwehchen hilft.

In Thomas‘ Leben passiert nicht allzu viel, bis er eines Tages nach Hause kommt und vermutet, dass Einbrecher in seiner Wohnung sind. Von da an eskaliert das Innere des eigentlich so ausgewogenen, in sich zurückgezogenen Thomas im Sekundentakt. Es ist fast schon absurd, wie viel Spaß es macht, diesem Mann dabei »zuzusehen«, wie er mit einer übertriebenen Flucht seine Spur verliert.

Ich bin niemand, der seine Probleme verdrängt, dachte Thomas, ich bin jemand, der sie nicht so wichtig nimmt. Aber ist das so schlimm?

Wie Sebastian Gaub uns die Figur des leicht verschrobenen Einzelgängers Thomas auf humorvolle, ganz minimal überzeichnete, aber doch so echte Art vor die Füße legt, ist bemerkenswert. Durch die ständige Wiederholung des Namens Thomas hämmert er uns sanft dieses eine Leben, diese Skizze einer Realität ins Gehirn.

Doch trotzdem bleibt es an der Oberfläche, da ist noch viel Luft nach innen, in dieses Charaktermosaik eines Mannes, der nicht mehr ganz sicher ist, was Mannsein eigentlich bedeutet. Viele der Bilder kommen mir schon leicht verbraucht vor – das Yoga, die Heilkräuter, die Außenseiter-Situation im Büro – und lassen es zu, dass ich mich zweifelnd frage »Hmm, macht es sich Sebastian damit zu leicht?«

Thomas, der Nichtwähler ist dennoch sehr gut erzählt, locker und leicht, das Schmunzeln im Gesicht der Lesenden schon vorprogrammiert. Der Text ist gespickt mit cleveren Beobachtungen und Gedanken, allwissend vorgetragen von seinem Schaffer Sebastian Gaub. Thomas ist eine Figur, von der ich gern mehr lesen würde – mehr Kanten und Ecken mag ich an ihm entdecken. Ich will sein Leben erlesen und mich in meinem im Stillen fragen: »What would Thomas do?«