Im Verdorbenen liegt manchmal eine seltsame Schönheit. Betrachtet man eine Schale von verdorbenem Obst, so kann man abgeschreckt sein. Oder man schaut länger die Farben der Vergänglichkeit an, findet dabei etwas Schönes, Schutzloses.

Dieses Gefühlt vermitteln die Gedichte von Eva Kissel. Sie kommen märchenhaft daher, wirken aus der Zeit gefallen. Hier gibt es altbekannte Bilder der Natur und moderne Gefühle der eigenen Körperlichkeit.

Wie fühlt sich kollektives Schweigen an? Was bleibt an Schmerz für die späteren Generationen? Kissels Gedichte werden von einer Traurigkeit untermalt, die nicht getröstet werden möchte. Die Traurigkeit wird hingenommen, reflektiert und in die Natur gestellt.

warum schläfst du noch immer
zwischen all dem holunder
der sich auf dir erbricht
unter schweren gewittern
des wärmsten jahrzehnts
liegst als tier das auf suche
nach wasser die spuren verlor

Es geht auch um das Abgrenzen des eigenen Körpers und darum, was es bedeutet, ein Kind in die Zukunft zu setzen. Dabei tritt auch die Kritik des Klimawandels leise auf. Kissel weist auf die Unsicherheit der späteren Generationen und der Natur hin. Das macht sie leise und doch prophetisch.


lass mich dir weiter
fehlgeburten einnisten
damit wir gemeinsam extremes erleben
etwas das wir in träume auflösen
aber nicht ganz
ein kleiner rest bleibt
stets abzutragen

Vor allem aber lesen sich Kissels Gedichte intim. Eva Kissel flüstert fast beim Lesen, und ein anderer Tonfall wäre auch nicht angemessen. Man spitzt die Ohren, man lauscht und muss konzentriert zuhören, damit sich die Bilder entfachen können. Diese Bilder überraschen – trotz der altbekannten ländlichen Stimmung. Liegt es an der märchenhaften Atmosphäre? An den Themen der absoluten Gegenwart? Es lässt sich nicht genau benennen, aber man möchte mit Kissel weiter Bilder der Vergänglichkeit betrachten.