Mit der folgenden Keynote eröffnete Asmus Trautsch die Autor*innenworkshops im Vorfeld des 28. open mike.


Stimmwechsel

Asmus Trautsch
Foto: © Charlotte Werndt

Dieses Wochenende werden wir neue Stimmen hören. Ein Literaturwettbewerb wie der open mike bringt es mit sich, dass einzelne herausgestellt werden, andere gar nicht ans Mikro kommen. Zugleich wissen wir – und wir können es in diesen Tagen wieder erleben –, dass es in Demokratien auf jede Stimme ankommt. Zur demokratischen Kultur gehört es, Stimmenvielfalt wahrzunehmen und diese Wahrnehmung immer wieder zu üben. Zur Praxis des Schreibens gehört es auch. Ein paar Überlegungen dazu möchte ich mit Euch teilen.

Unsere Tätigkeit, das Verfassen von Texten mit Stiften und Tastaturen, führen wir meist allein aus. Das einzige Gegenüber: der leuchtende Screen, das milchige Blatt, das vorläufige Schwarz von A bis Z. Im solistischen Schreiben kann man seine eigene Stimme zur Geltung bringen. Die wiederum will die Kritik meist entdecken. Dazu passt: Auf Buchdeckeln steht der Autorenname allein, ÜbersetzerInnen findet man meist nur auf dem Titelblatt, LektorInnen allenfalls im Impressum, die vielen anderen Stimmen bleiben ungenannt.

Aber nicht ungehört. Denn wir schreiben auch in einem chorischen Geflecht, einem Sprachspiel mit mehreren inneren Stimmen. Zuweilen setzt sich eine von ihnen, die Michail Bachtin die »überredende« nennt, durch, dies zu schreiben, so und nicht anders. Das Ergebnis kann ästhetisch notwendig erscheinen. Doch es gibt fast immer mehrere Möglichkeiten, wie LektorInnen wissen. Das Abwägen zwischen ihnen, ihr inneres Ausprobieren, Vorfühlen, In-Szene-Setzen ist ein Austausch mehrerer SprachakteurInnen im Bewusstsein, die interagieren und sich streiten, Erkenntnisinteressen, Gründe und Motive vorbringen, zu denen der Wunsch gehört, von den Stimmen außerhalb des Kopfes so wahrgenommen zu werden wie von den inneren. Diese flüchtigen Instanzen können sich auch zum Team verbinden. Zu ihnen treten murmelnde, stöhnende, jauchzende, drohende oder verlockende Stimmen aus dem Unbewussten, vorsprachlich, dunkel und verworren oft. Wir denken mehrstimmig, in einem Selbstgespräch der Seele, wie Platon schreibt. Dieser Polylog ist der Prozess, aus dem das Schreiben schöpft. Manchmal dominiert eine Stimme bis hin zur Pathologie, manchmal mäandert unser Denken durch Mikropolyphoniewolken, zuweilen wird es wild: »Mein innerer Chor ist in Aufruhr«, heißt es in einem neueren Gedicht von Kerstin Preiwuß.

Diese Stimmbewegungen sind nicht bloß individuell, sondern immer auch akustische Spuren der Gesellschaften und Geschichten: ein komplex bewegter Mitschwingraum des kulturellen Erbes, das uns in unserer Sprachsozialisation zufließt und zeitlebens chorische Echos produziert. In den Sprachen, die über Jahrhunderte durch kollektive Mitwirkung evolviert sind, wirken Lebensformen fort, Bedürfnisse, Wünsche, Phantasien von Generationen klingen weiter, ebenso Schrecken, Gewalt, Zerstörung. Wir sind ein polyphoner Resonanzraum, bevor wir nur daran denken, Ich zu sagen. »Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft«, schreibt Novalis. Eine Gesellschaft, die mit der Öffentlichkeit im Austausch steht. Silben, Wörter, Sätze sind historische Resonanzkörper. Schäbig und schön, frisch und vergiftet kann ihre akustische Aura wirken.

Beim Schreiben kommt es nun darauf an, den Stimmwechsel zwischen beherzten Soli und dem eher sich zurückhaltenden Einfangen von Vielstimmigkeit zu praktizieren. Es liegt an uns, sowohl als einzelne aufzutreten als auch die Pluralität der Stimmen in und um uns produktiv zu machen.

Einerseits brauchen wir den Mut, als SolistInnen klar in die Welt zu sprechen: Da, so setz ich Wörter, die bleiben – es sind meine, ich spreche nur für mich. Dies ist ein Satzzeug aus meinem Hangar. Hier steht mein Vers und will nicht anders. In der eigenen Stimme kann eine individuelle Erfahrung öffentlich, eine besondere Lebensgeschichte Gemeingut werden. Mit vernehmbaren Soli lässt sich bekennen, Recht einfordern und kämpfen gegen Kräfte, die Stimmen unterdrücken, wie ein moralisch erbärmlicher Präsident, der eine demokratische Wahl aushebeln will. Darin aber ist auch er Solist, Hardcore-Solist. Jedes Solo kann andere bewegen, in es einzustimmen, synchronisiert in der Bedeutung gemeinsamer Anliegen. Aus Soli kann Massenstärke, aber auch Massengewalt folgen. Gegen die unirhythmischen Volkssoli stehe das solidarisch-chorische »Wir sind die Vielstimmigkeit«!

Dafür ist es wichtig, neben dem solistischen Sich-Zeigen die Pluralität von Stimmen kenntlich zu machen, die mit in das Sprechen und Schreiben Einzelner eingehen. Denn das alltägliche Sprechen macht den chorischen Klangraum der Sprache kaum hörbar, da die praktische Mitteilungsfunktion meist auf die kleinsten semantische Nenner fokussiert. Es bedarf eines bewussten Zuhörens und temporären Verstärkens. Auch die eigene Stimme, die als Werkzeug der sozialen Kommunikation unauffällig ist, lässt sich so besser wahrnehmen: ihre Besonderheit, ihre Fremdheit oder Nacktheit, von der Yoko Tawada in ihren Tübinger Poetikvorlesungen berichtet.

Versucht die ober- und unterschwellige Resonanz von Wortwahl, Tonlagen, Stilen zu vernehmen, sowohl in Euren Selbstgesprächen als auch in den vielgestaltigen Diskursen der Lebenswelt. Lasst Euch durchzittern von den Nuancen anderer Stimmen und erkundet ihren Tiefenraum. Wer spricht alles aus der Rede eines Nachbarn? Was lässt sich dem »Parlament der Dinge« (Bruno Latour) ablauschen, den Fankurven der Föhne, den Vogelschwärmen der Berge?

Vermeidet dazu Zeitnot und Lärm. Und ein Ich, das sich behaupten und gewinnen will, denn dies nimmt seine eigene Lautstärke nicht wahr. Das narzisstische Volumen gehört runtergeregelt.

Einige Basistechniken der Polyphonie seien erwähnt. Ihr kennt sie:
Zitieren: Anderen Stimmen für alle sicht- wie hörbar Mitspracherecht im eigenen Text gewähren.
Anspielen: Andere Stimmen einflechten, ohne ihre Münder zu markieren.
Übersetzen: Andere Stimmen mit der eigenen verwandelt zu Gehör bringen.
Mehrsprachig schreiben: ein polyglottes Komponieren von Stimmen, deren Ausdrucksgeschichte über Sprach- und Nationengrenzen hinwegreicht. Auch unterschiedliche Diskursvokabulare können sich zum Singalong treffen.
Spracherbschaften pflegen: mit überlieferten Schätzen bewusst umgehen, statt traditionell das Fremdwort zu scheuen oder die Worte zu iterieren, in denen Terror steckt. Den zahlreichen Sprachschichten etymologisch oder spracharchäologisch nachzugehen, ist eine Form, die Zeiträume der Vielstimmigkeit im vermeintlich Einstimmigen zum Klingen zu bringen. Aber auch das gezielte Vermeiden von Sprachelementen, das Beenden von Klängen, ist Arbeit am chorischen Sprachbewusstsein.

Zu ihm gehört ein bewusster Umgang mit dem geschichtlichen Echoraum von Begriffen, Metaphern und Formulierungen, ihrem Gewicht, ihren Verflechtungen, ihrem Witz, ihrem Potenzial, uns mit den Toten in ein imaginäres Gespräch zu verwickeln: Den Geschichtsraum hörbar machen – wie ein Instrument einen Oberton expliziert oder ihn durch einen neuen Klang ersetzt.

Man kann versucht sein, den Akzent auf der eigenen Stimme oder auf der Stimmenpluralität jeweils literarischen Gattungen zuzuordnen: das Solo eher dem Tagebuch, dem Essay, dem Manifest; das Chorische eher dem polyphonen Erzählen oder dem Theater. Doch tatsächlich sind alle Gattungen zum Stimmwechsel fähig. Hörst du, Gedicht? What? Wir sind im Partykeller bei den Imkern und trinken Cosmopolitan.

Auch wenn der open mike in diesem Jahr pandemiebedingt digital stattfinden muss, werdet Ihr aus dem Konzert der Stimmen Energie für das weitere Schreiben gewinnen. Denn auch nach diesem Wochenende gilt: Ihr seid nicht allein, wenn Ihr schreibt, Ihr SolistInnen im Chor. Die Vielfalt, die die gewordene Sprache bereithält, gehört zu Euch, ihr bringt sie zum Klingen und tragt sie in die Zukunft. Mit Eurer eigenen Stimme, die zählt. Wenn das kein Grund ist weiterzuschreiben! Poetisiert Euch!