Sarah Kuratle las beim 27. open mike ihren Text »Auf ihrer Zunge eine Hand voll Blätter«, heute erscheint ihr Debütroman Greta und Jannis. Vor acht oder in einhundert Jahren im Otto Müller Verlag. Wir haben Sarah ein paar Fragen dazu gestellt.


Sarah Kuratle: Greta und Jannis (Cover)

Jede Berührung ist Teil einer Schuld, die älter ist als sie selbst. Greta und Jannis waren Nachbarskinder. Als Jannis Greta schüchtern fragte, ob er ihr Bruder sein darf, war sie einverstanden. Jahre später küsst sie ihn mitten auf den Mund. Sie verlieben sich wie naturgewollt – und dürfen doch kein Liebespaar sein. Ein Geheimnis ihrer Familien, ein Geröllfeld, bald ein ganzer Gebirgszug liegt zwischen ihnen. Während Jannis in der Stadt bleibt, zieht sich Greta ins letzte Dorf im Gebirge zurück, wo vieles anders ist, als es scheint. Die Kinder, die sie mit ihrer Großtante Severine umsorgt, wurden ausgesetzt – weil es ihnen an Kraft und Ausdruck fehlte. Täglich schimpft Severine über die Väter und schweigt über die Mütter: „Hast du Gott heute schon gedankt, dass du keinen Mann hast?“ „Nein, aber ich werde es noch machen“, antwortet Greta dann und sagt nicht, wohin sie für Tage, mehr noch für die Nächte durchs Gebirge reist.

Sarah Kuratles betörend schöner Debütroman führt in eine zart schwebende, intime, zuweilen surreale Welt. Er bewegt sich in einem märchenhaften Raum, der sich einer zeitlichen und geografischen Zuordnung entzieht. In eindrucksvollen Bildern ergründet die Autorin den Zauber des Spürens und die Tragik hinter dem, was recht und richtig scheint. Ihre Sätze sind voller Melodie, kein Wort ist zufällig, wenn sie vom Leben und Lieben in der Abgrenzung erzählt.


Was schoss dir durch den Kopf, als du dein Debüt zum ersten Mal in den Händen gehalten hast?
Es ist ein Geschenk, von Hand und endlich in Händen.

Wie lautet der erste Satz deines Debüts?
Ihre Hand.

Was gefällt dir am besten am Schreiben? Und was findest du am unangenehmsten?
Dass das Schreiben das Papier zum Klingen bringen kann. Dass sich die Worte für Figuren und Bilder manchmal so gut verstecken, dass ich zweifle, ob ich sie einmal (wieder) finden kann.  

Wenn du könntest, welchen Rat würdest du deinem Ich von vor zehn Jahren geben?
Mach Platz für mehr Platz fürs eigene Schreiben. Such dir Notizhefte aus, die nicht schwerfallen, und nimm sie überallhin mit. 

Bereust du etwas? Was?
Dass ich mir lange Zeit zu wenig Zeit fürs eigene Schreiben nahm. Dass meine Notizbücher so schwer waren und in keiner Tasche gut Platz fanden. 

Mit welchem welchem*r Autor*in würdest du gern mal ein Bier trinken gehen?
Maurice Maeterlinck – aber vielleicht lieber Tee mit Honig aus einem seiner Bienenstöcke. 


Geboren 1989 in Bad Ischl, aufgewachsen dies- und jenseits der österreichisch-schweizerischen Grenze und in beiden Ländern daheim. Sie studierte Germanistik und Philosophie. Ihre Erzählungen und Gedichte erschienen in den Literaturzeitschriften manuskripte, wespennest und Die Rampe. Für ihr Schreiben wurde sie mit dem manuskripte-Förderpreis und dem rotahorn-Literaturpreis ausgezeichnet. Sie war Finalistin beim open mike in Berlin und Artist-in-Residence der Fundaziun Nairs im Unterengadin. Stipendien des Österreichischen Bundes, des Landes Oberösterreich und der Stadt Wien unterstützten die Arbeit an ihrem Romandebüt Greta und Jannis. Vor acht oder in einhundert Jahren.