Gestern Abend startete der 29. open mike – in diesem Jahr zur Freude aller Beteiligten wieder in Präsenz und mit Publikum. Traditionell lasen auch dieses Mal am Freitagabend vorm Wettbewerb drei ehemalige Finalist*innen aus ihren Debüts im ausverkauften Heimathafen Neukölln.

Es ist einer dieser Abende, an denen bemerkbar ist, dass alle Anwesenden glücklich sind, live anwesend sein zu können. Es wird davor noch bei einem Getränk im Hof gesprochen, sich ausgetauscht. Lesungen und Gespräche live mit Autor*innen sehen und hören zu können hat einfach eine ganz andere Wirkung als über Zoom oder andere Online-Formate. Es kommt eine andere, eine lockere Stimmung auf. Das Interesse für Literatur und neue literarische Stimmen verbindet die Menschen im Saal. So auch an diesem Abend. Aus ihren Debüts lasen in diesem Jahr:

  • Jessica Lind, Mama (Kremayr & Scheriau) mit Programmleiterin Marilies Jagsch
  • Juliane Liebert, lieder an das große nichts (Suhrkamp) mit Lektorin Martina Wunderer
  • Lisa Krusche, Unsere anarchistischen Herzen (S. Fischer) mit Lektor Albert Henrichs

Der diesjährige open mike-Moderator Alexander Gumz führt nach kurzer Einführung von Thomas Wohlfahrt durch den Freitagabend. Er stellt den Autorinnen Fragen zu ihrer Arbeitsweise, ihren Debüts und zur Zusammenarbeit mit ihren jeweiligen Lektor*innen. Getragen von einer angenehmen Grundstimmung im Saal kam es dabei immer wieder zu interessanten wie amüsanten Gesprächssituationen.

© Schirin Moaiyeri

Jessica Linds Roman Mama verdankt seine Entstehung ganz direkt dem open mike. Die Dramaturgin und Drehbuchautorin gewann 2015 den 23. open mike mit ihrer Kurzgeschichte namens Mama. In der Folge ist aus diesem Text der gleichnamige Roman gewachsen. Lind berichtet, wie sich der Text durch die Zusammenarbeit mit Lektorat und Verlag verändert hat. So sei zu dem von ihr eher kühl auf eine ausgefeilte Dramaturgie angelegten Roman auch noch »das Herz dazugekommen«. Marilies Jagsch verrät außerdem, weshalb ihr der Text von Lind so sehr ans Herz gewachsen ist: Die negativen Seiten des Mutterseins seien immer noch mit einem Tabu belegt, meint die Leiterin des Literaturprogramms bei Kremayr & Scheriau. Deshalb sei es so wichtig, dass dieses Thema in der Literatur thematisiert werde.

© Schirin Moaiyeri

Bei Juliane Liebert war es weniger der open mike, der als Schlüsselerlebnis für die Entstehung ihres Gedichtbands lieder an das große nichts diente, sondern vielmehr Lektorin Martina Wunderer. In vierjähriger Zusammenarbeit sichteten sie Lieberts Gedichte aus gut 16 Jahren und bildeten eine Dramaturgie, die nun mehr ist als nur gesammelte Gedichte.

© Schirin Moaiyeri

Nach ihrem Arbeitsprozess befragt, muss Lisa Krusche lachend passen: Sie empfindet ihren Prozess als zu chaotisch, um sich wirklich merken zu können, an welcher Stelle sie bestimmte Entscheidungen getroffen hat. Wie etwa die, ihren Debütroman Unsere anarchistischen Herzen abwechselnd aus der Perspektive der Teenager Gwen und Charles zu erzählen. Auch die Schubladen des Literaturbetriebs interessieren sie nicht. So entstand ihr Buch Das Universum ist verdammt groß und super mystisch ohne den Versuch, ein Kinderbuch zu schreiben. Es wurde eben dazu.

Natürlich wollte Alexander Gumz dann von allen Autorinnen vor allem wissen, wie die drei ihren Auftritt beim open mike in Erinnerung behalten haben. Lisa Krusche fand ihren Auftritt beim open mike »richtig schlimm«. Sie erinnert sich an schlaflose Nächte und Zähneklappern. Da halfen auch keine »Affirmations vor dem Spiegel« – sie habe es mit »have fun« und »enjoy« versucht. Leider erfolglos. Am Ende sei aber doch alles halb so wild gewesen. 

Jessica Lind dagegen fand es »richtig schön«. Womöglich habe sie auch einen »sehr guten Jahrgang« gehabt. Denn durch den Austausch mit ihren Mitbewerber*innen seien Freundschaften entstanden, die bis heute andauern. Auf die Frage, ob sie denn durch den open mike verstanden hätten, wie denn der Literaturbetrieb funktioniere, gibt Juliane Liebert zu Protokoll: »Was ist denn dieser Literaturbetrieb? Ich habe den noch nie gesehen.«

© Schirin Moaiyeri

Am eigenartigsten sei der Moment, in dem man Visitenkarten zugesteckt bekomme. »Das ist immer noch cringe«, sagt selbst Lektorin Martina Wunderer vom Suhrkamp Verlag. Eigentlich führe man bloß ein »Professionalitätstheater« auf. Eine tolle Möglichkeit, neue Stimmen kennenzulernen, sei der open mike aber in jedem Fall. Veranstaltungen wie diese und die Anthologien aus den Schreibschulen seien für Lektor*innen und Verlagsmenschen aussichtsreiche Felder für die Entdeckung zukünftiger Autor*innen. 

»Geht ihr auch manchmal ins Internet?«, fragt Lisa Krusche kurz vor Schluss in die Runde. »Ja, um sich Anthologien zu bestellen«, kontert Lektor Albert Henrichs selbstironisch.

Gerade solche Momente haben den Abend getragen, in denen Publikum und Autorinnen immer wieder gemeinsam schmunzeln konnten. Und das ist doch das Schönste an Literaturveranstaltungen: wenn Gespräche aufkommen, davor, danach oder eben währenddessen. Das erwartet uns mit Sicherheit auch bei den Wettbewerbslesungen.

© Schirin Moaiyeri