Die Stimmung und die Mehrzahl der Texte beim diesjährigen open mike zeichnen sich durch ihre große Ernsthaftigkeit aus. Ist das ein Trend?

Da sag noch einer, die Jugend von heute könne sich nicht mehr konzentrieren, sei ausschließlich eventorientiert und für ernsthafte Angelegenheiten nicht zu haben. Wobei … sagt das eigentlich noch einer? Das kommt ein bisschen darauf an, wie man Jugend definieren möchte (in der Jungen Union etwa darf man bis 35 Mitglied sein und die albern jetzt immer in weißen Turnschuhen herum).

Auf dem diesjährigen open mike jedenfalls geht es ziemlich ernst zu. Die Atmosphäre ist überaus konzentriert, und es handelt sich zwar durchaus um einen Event – Thomas Wohlfahrt, der Leiter des Veranstalters Haus für Poesie, sprach etwa in seiner Begrüßungsrede davon, der open mike würde in Verlagskreisen mittlerweile als die zweitwichtigste literarische Veranstaltung nach der Frankfurter Buchmesse gelten –, von Pomp, Affektiertheit und großspuriger Inszenierung fehlt jedoch jede Spur. Die Autor*innen sind überaus freundlich und verbindlich, sämtlich ordentlich angezogen und treten in hohem Maße professionell auf.

Das soll in der Tat nicht als Kritik missverstanden werden. Sich mit so vielen gleichgesinnten, aus dem gesamten deutschen Sprachraum angereisten jungen Menschen zu versammeln, um drei Tage lang neue Texte und Herangehensweisen kennenzulernen und sich über Literatur, ihren Betrieb und ihre Potentiale austauschen zu können, ist ein großes, ziemlich einmaliges Glück. Die konzentrierte, sachliche Atmosphäre bietet dafür die Grundlage. Außerdem spricht sie dafür, wie wichtig allen Beteiligten diese Angelegenheit ist. Und wenn die Literatur vielen jungen Menschen lieb und teuer ist, kann das nur eine gute Nachricht sein.

Dennoch könnte man fragen, ob der zuweilen aufkommende Tagungscharakter und die arbeitsame Stimmung sich mitunter auch in wenig lockeren, bisweilen sogar forcierten Texten ausdrückt, die das Humor- und Unterhaltungspotential von Literatur nicht vollständig ausschöpfen (am ersten Tage machte der Text von Kaleb Erdmann eine lobenswerte Ausnahme). Ist Ernsthaftigkeit nur eine mögliche Spielart von Leidenschaft oder ihr ein Stück weit entgegengesetzt? Darüber ließe sich diskutieren.

Wie aber kommt die genannte Stimmung zustande? Liegt es an der Bedeutung des open mikes als Kontaktbörse für Autor*innen und Verlagsmenschen? Glauben die Autor*innen, sich von ihrer Schokoladenseite zeigen zu müssen, weil sie hier gerade so etwas wie ein Bewerbungsgespräch absolvieren? Oder hat diese Tendenz doch mit weltanschaulichen Verschiebungen zwischen den Generationen zu tun?

»Es ist kein Zufall, dass die Generation, die die ›Fridays For Future‹-Bewegung ins Rollen brachte, schon die nächste ist, die Generation Z um die 17 Jahre alte schwedische Schülerin Greta Thunberg. Mit Post-Pragmatismus kann man ihrem eindringlichen Neoidealismus wirklich nicht kommen«, schrieb Jens-Christian Rabe in seiner Kritik zu Leif Randts Roman Allegro Pastell in der Süddeutschen Zeitung. Sind damit Unterschiede zwischen der Generation Y und der nachfolgenden Alltagskohorte adäquat beschrieben? Und ist etwas dran an Rabes Spott über den Idealismus der auf die Straße drängenden Generation Greta? Bei ihm klingt das so: »Wenn es gut läuft, wird der [Neoidealismus] dereinst bloß die Welt retten, aber eher nicht so merkwürdig aufregende Literatur hervorbringen wie Allegro Pastell

Haben also nach den letzten Adepten von Popliteratur und Spaßgesellschaft nun die Ernsthaften das Heft des Handelns in die Hand genommen? Ist das womöglich sogar ein Problem für die Literatur, die in dieser Konstellation entsteht? Wir werden es beobachten.