Auffällig viele Texte beschäftigen sich in diesem Jahr mit dem Verhältnis der Protagonistin*innen zu ihren Eltern. Was hat das zu bedeuten?

In gleich zwei Texten des diesjährigen open-mike-Finales, bei Julie Sophia Schöttner und bei Elena Fischer, stellt die Auseinandersetzung mit der Mutter das Hauptmotiv dar. Beide Texte konfrontieren ihre Mütter auffälligerweise erst posthum, so als sei das Gespräch zu Lebzeiten aus irgendwelchen Gründen nicht möglich gewesen (so war es übrigens auch schon in der Erzählung Vom Aufstehen von Helga Schubert). Jan Thuls Erzähler dagegen konfrontiert seinen Vater, während Laura Anton in einem Abschnitt ihres Textes eine Mutter in dem von ihr beschrieben Dorf in den Blick nimmt. Und auch in den Gedichten von Alexander Kappe kommt eine Mutter vor, die allerdings ein Reh ist.

Nur wenig übertrieben ist deshalb die Beobachtung der letztjährigen open-mike-Teilnehmerin Frieda Paris, die schon den gesamten gestrigen Tag auf Twitter begleitet hat.

Sie passt zudem gut zu einer Beobachtung, die Dirk Knapphals in seinem Aufmacher zur Frankfurter Buchmesse in der taz gemacht hat. »Die Hinwendung zu den Eltern ist derzeit ein Trend in der deutschsprachigen Literatur«, stellt Knipphals darin fest.

Woher kommt diese auffällige Häufung von literarischen Elterntexten? Vielleicht korrespondiert die Beobachtung mit einem anderen Umstand, der den diesjährigen open mike bestimmt: Es handelt sich bei den Finalist*innen um eine vergleichsweise homogene Gruppe, Migrationserfahrungen spielen insgesamt eher eine geringe Rolle. Gleichzeitig boomen Fragen nach Herkunft und Identität in der Literatur der Gegenwart – es reicht vielleicht aus, auf Saša Stanišićs phantastisches, wildes Buch Herkunft zu verweisen, auf Mithu Sanyals rasend komischen Roman Identitti oder auf Streulicht, den eindringlichen Roman der 2016er open-mike-Kandidatin Deniz Ohde

Es erscheint naheliegend, sich der Reflexion über den familiären Hintergrund anzunehmen, wenn die Beschäftigung mit der Herkunft im ethnischen oder geographischen Sinn vergleichsweise wenig Entdeckungspotential verheißt. 

Dabei gibt es durchaus Potential für neue literarische Erkenntnisse auf unbetretenen Pfaden. Über das Besondere der neuen Elternliteratur schreibt Knipphals in seinem Text in der taz: »Neu ist vielmehr, dass viele der aktuellen Romane eine Begegnung mit den Eltern beschreiben, über alle Fremdheiten zwischen den Generationen hinweg«. Während literarische Texte über die Eltern bislang häufig Abrechnungen waren, gleichen die momentanen Versuche eher einem Gesprächsangebot. Zu dieser Perspektive lässt sich sicher noch viel Spannendes entdecken.