Der open mike lädt jedes Jahr eine Reihe von Lektor:innen, Literaturagent:innen sowie Verleger:innen dazu ein, die Vorjury zu sein: Nach Einsendeschluss im Sommer werden die bis zu 600 anonymisierten Manuskripte an die Vorjury weitergereicht. Sie lesen und wählen ihre Kandidat:innen aus.

Die ersten vier der sieben Vorjuror:innen des 30. open mike haben wir euch hier bereits vorgestellt, in diesem Beitrag folgen die anderen drei.


Angelika Klammer

Angelika Klammer © Aleksandra Pawloff
Angelika Klammer © Aleksandra Pawloff

30 Jahre open mike – wie stehen Sie persönlich zum Wettbewerb und worauf freuen Sie sich am meisten in diesem Jahr?

Auf die Autor:innen, meine und alle anderen, auf die Kolleg:innen, auf Vielstimmigkeit, Überraschungen und lange Gespräche über Literatur.

Welche Kriterien waren Ihnen bei der Auswahl der Texte besonders wichtig?

Wer hat etwas zu sagen – und die Mittel dazu.

Was hat Sie bei der Lektüre der Manuskripte überrascht?

Dass die Qualität der Einsendungen gestiegen ist, die Auswahl war nicht leicht.

Konnten Sie Tendenzen erkennen? Welche Entwicklungen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur haben Sie in den letzten Jahren beobachtet?

Viele Texte antworten direkt auf unsere Zeit, reflektiert und mit unterschiedlichen Verfahren.

Möchten Sie den jungen Autor:innen schon jetzt etwas mit auf ihren Weg geben?

Immer wieder William Kentridge, Norton Lectures (Drawing Lesson One), vor allem den Anfang, aber nicht nur.


Angelika Klammer, Studium der Germanistik, Philosophie und Hispanistik, bis 2010 verantwortliche Lektorin des Jung und Jung Verlags, seither selbständig. Tätigkeitsfelder: Lektorat und Projektentwicklung; Lehraufträge an Universitäten (In- und Ausland); Workshops zu Fragen des Schreibens und Übersetzens; Herausgeberin u.a. von: Clemens J. Setz, BOT. Gespräch ohne Autor, Suhrkamp 2018; Herta Müller, Mein Vaterland war ein Apfelkern. Ein Gespräch, Hanser 2014. www.angelikaklammer.com

Ausgewählte Teilnehmer:innen
Pauline Hatscher
David Jokschat
Félix Lucas Ernst

**

Andrea Schmidt

Andrea Schmidt © Ludwig Lohmann
Andrea Schmidt © Ludwig Lohmann

30 Jahre open mike – wie stehen Sie persönlich zum Wettbewerb und worauf freuen Sie sich am meisten in diesem Jahr?

Ich freue mich darauf, wie sich die Texte im Raum gelesen anhören. Für mich als Verlegerin des Verlagshaus Berlin war immer interessant am open mike, die lyrischen Stimmen des Nachwuchses erleben zu dürfen. Einige unserer Autor*innen, Martin Piekar oder Sandra Gugić, waren ja selbst schon mal Preisträger*innen.

Welche Kriterien waren Ihnen bei der Auswahl der Texte besonders wichtig?

Mir war es wichtig, dass sich die literarischen Stimmen in der Gegenwart verorten, gegenwärtige Sprache ausloten und aktuelle Diskurse und Themen verhandeln. Als Kriterium würde ich das aber nicht bezeichnen, sondern als meinen Zugang zur Literatur. Ich denke, Kriterien an Literatur anzulegen, ist eine überholte Geste. Sie suggerieren oft Objektivität, wo es doch um Perspektiven geht.


Was hat Sie bei der Lektüre der Manuskripte überrascht?

Überrascht hat mich, dass sich junge Schreibende viel mehr an politischen Fragen orientieren als in den vergangenen Jahren. Oft spielt die lyrische Tradition für sie nur eine untergeordnete Rolle. Damit rücken sie in vielen Fällen vor der Form eher den Inhalt in den Fokus. In jedem Fall finden sie eine eigene Stimme, die mich irritiert, und die ich gleichzeitig spannend finde.

Konnten Sie Tendenzen erkennen? Welche Entwicklungen in der deutschsprachigen Gegenwartslyrik haben Sie in den letzten Jahren beobachtet?

Ich habe das Gefühl, dass sich wirklich – wie Lyriker*innen wie Sandra Gugić, Max Czollek oder Alexander Graeff in ihren poetologischen Arbeiten oft betonen – eine andere politische Lyrik entwickelt hat. Eine, die sozial- oder identitätspolitische, aber auch klima- und biopolitische Fragen nicht mehr gegeneinander ausspielt, wenn es um Zukunftsentwürfe geht. Verbinden und Verknüpfen scheint das neue politische Thema der Lyrik geworden zu sein.

Möchten Sie den jungen Autor:innen schon jetzt etwas mit auf ihren Weg geben?

Ich finde, sie sollen unbedingt so weitermachen, sich nicht beirren oder entmutigen lassen.  Ich wünsche ihnen, dass sie skeptisch werden, wenn ihnen bestimmte Personen, vermeintliche Wege zeigen oder Ratschläge geben wollen. Meine Generation und die vor mir ist viel zu sehr davon überzeugt, zu wissen wie der Hase läuft. Das ist eine Haltung, die nicht mehr aufgeht. Das zeigen nicht nur aktuelle Antidiskrimininierungsdiskurse oder die postkoloniale Kritik, sondern eben auch junge Lyrik.


Andrea Schmidt lebt in Berlin und arbeitet als Verlegerin, Typografin und Lehrende. Sie studierte Visuelle Kommunikation und lehrt Typografie und Designtheorie. Seit 2005 führt sie als Mitverlegerin das Verlagshaus Berlin.
www.verlagshaus-berlin.de

Ausgewählte Teilnehmer:innen
Greta Maria Pichler
Johannes Müller-Salo
Alexander Rudolfi

**

Jacob Teich

Jacob Teich © Suhrkamp Verlag
Jacob Teich © Suhrkamp Verlag

30 Jahre open mike – wie stehen Sie persönlich zum Wettbewerb und worauf freuen Sie sich am meisten in diesem Jahr?

Vor der Frage ist es mir gar nicht aufgefallen: Mein erster open mike war der zwanzigste. Den Wettbewerb besuche ich jetzt also seit genau zehn Jahren (mit einer, höchstens zwei Ausnahmen wegen Krankheit). Auch dieses Mal freue ich mich vor allem auf die Autor:innen und ihre Texte, das ist das Schönste und natürlich Wichtigste. Und gleich danach auf die Gespräche im Hof, die Begegnungen in den Pausen und dieses Gefühl am Sonntagmorgen: nach kurzer Nacht mit dem ersten Kaffee wieder in die konzentrierte Stille während der Lesungen einzutauchen. Hoffentlich wird das auch dieses Jahr nicht viel anders sein als sonst.

Welche Kriterien waren Ihnen bei der Auswahl der Texte besonders wichtig?

Manchmal stelle ich mir vor, es gäbe Kriterienkataloge mit Checklisten zum Abhaken, wie beim »Automatische Literaturkritik Preis der Riesenmaschine«. Tatsächlich war mir beim Lesen der Texte aber viel unmittelbarer, intuitiver klar, welche ich auswählen würde. Umso neugieriger bin ich jetzt darauf, wer sie eigentlich verfasst hat, und gespannt auf die anderen ausgewählten Texte, die ich noch nicht kenne.

Was hat Sie bei der Lektüre der Manuskripte überrascht?

Vielleicht ist alles andere naiv von mir gewesen, ein noch viel zu großer eigener blinder Fleck, aber ehrlich und lang beschäftigt hat mich, in wie vielen Texten und unterschiedlichen Facetten sexuelle Gewalt von Männern gegenüber Frauen geschildert wurde … Das hallt neben den positiven Überraschungen, die es natürlich auch gab, insbesondere nach.

Konnten Sie Tendenzen erkennen? Welche Entwicklungen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur haben Sie in den letzten Jahren beobachtet?

Sie kommt mir sehr »wach« vor – hinsichtlich ästhetischer wie politischer Positionen – und vielfältiger als noch vor wenigen Jahren. Daneben haben sich die Umstände des Veröffentlichens vielleicht verändert: Immer wieder Aufmerksamkeit zu bekommen ist meines Erachtens schwieriger geworden, die Fragen nach Verwertbarkeit bauen sich hier wie da auf und senden manches Störsignal. Aber womöglich haben auch vorangegangene Lektor:innen-Generationen diesen oder ganz ähnliche Eindrücke gehabt. Und ich will darüber eigentlich auch gar nicht lamentieren, weil ich für so vieles in der Gegenwartsliteratur, neue Stimmen und Perspektiven, Halt wie Widersprüche, vor allem sehr dankbar bin.

Möchten Sie den jungen Autor:innen schon jetzt etwas mit auf ihren Weg geben?

Vielen Dank! Und: Weitermachen.


Jacob Teich, 1990 in Zwickau geboren, aufgewachsen in Chemnitz, studierte an der Universität Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus sowie Literarisches Schreiben. Er ist Lektor für deutschsprachige Literatur im Suhrkamp Verlag.

Ausgewählte Teilnehmer:innen
Corinna Krenzer
Arne Röver