Martin Baumeister

Martin Baumeister
Martin Baumeister © Peter Lange

Wie kamst du darauf, dich beim 30. open mike zu bewerben?

Naja, ich hatte mich im letzten Jahr schon beworben, und im Jahr davor auch (und im Jahr davor auch).

Erster Vers deines open-mike-Textes?

in der küche. spüle, arbeits 

Wann und wo schreibst du am liebsten?

Am liebsten schlafe ich aus. Danach frühstücke ich gut, gerne mit einem Omelette mit scharf angebratenen Cherrytomaten und karamellisierten Zwiebeln. Dazu trinke ich tassenweise Blümchenkaffee, der so schwach sein sollte, dass er noch schmeckt, aber keine unangenehmen körperlichen Empfindungen nach sich zieht. Beim Frühstück lese ich die Zeitung und obwohl ich weiß, dass der Politikteil wichtiger ist, zieht es mich immer wieder zum Feuilleton hin, und dort, es ist schwer zu sagen, ob das noch Guilty Pleasure ist oder schon ein Problem unserer Zeit, zu den verfahrenen Diskursen der Gegenwart, denen ich mich solange widme, bis sie mich überwältigen und ich die Zeitung zuschlage.
Anschließend, es ist mittlerweile vielleicht zwölf, ein Uhr, dusche ich lang und heiß. Dabei höre ich Musik, zu der ich in der Badewanne tanze, bis ich fast ausrutsche und mich nur noch so eben fangen kann, woraufhin ich beschließe, dass es langsam gut sein sollte und das Wasser abstelle. Vorsichtig steige ich aus der Wanne, trockne mich ab und setze mich dann für drei oder vier Stunden an den Schreibtisch und schreibe. 
Da aber fast nie Zeit für solche Tage ist, schreibe ich in der Regel, wenn ich nicht arbeiten muss oder spülen oder aufräumen oder kochen oder einkaufen oder waschen. Wenn sich, wie man so schön sagt, »Zeit findet«.

Und was läuft dazu im Hintergrund?

Reiz – Das Kind wird ein Erfolg 
(fingers crossed)

Wer liest deine Texte zuerst?

Erst ich selbst, später dann meine Partnerin, deren Feedback mir viel bedeutet. Anschließend zeige ich meine Texte einigen wenigen Freund*innen, denen ich vertraue. 

Was bedeutet Literatur für dich?

Ich finde es schwer, die Frage zu beantworten. Aber ich denke, Literatur hat eine sehr eigene Materialität für mich, die einen Erfahrungsraum öffnet, den ich anderswo nicht finden kann.

Schon aufgeregt vorm Auftritt? Wie bereitest du dich vor?

Ja, sehr. Ich übe den Text, versuche ihn zu erspüren, Klang und Tempo herauszuarbeiten. Ich bespreche ihn mit Freund*innen und diskutiere mit ihnen verschiedene Interpretationsweisen. Manchmal lesen sie ihn mir vor, und ich höre zu. So bekomme ich ein Gefühl dafür, wie er klingen könnte. Zusätzlich beschäftige ich mich mit meinem Lampenfieber.

Worauf freust du dich am meisten, wenn du an das Wettbewerbswochenende denkst?

Ich freue mich am meisten auf die Begegnungen mit anderen Menschen. 

Dein aktueller Buchtipp und warum?

On Beauty von Zadie Smith. Ich bin über das Buch erst kürzlich gestolpert und mochte diese unglaubliche Präzision in der Sprache und ihr Gespür für Szenen sehr. 

Schick uns ein Bild von einem Ort oder Gegenstand, der dich zuletzt zum Schreiben animiert hat. 

Martin Baumeister, geboren 1991 in Borken, studierte in Bonn, Köln und Coventry Philosophie und Literaturwissenschaften. Anschließend folgte ein Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln. Mittlerweile wohnt und arbeitet er in Leipzig. Martin Baumeister wurde ausgewählt von Hans Jürgen Balmes.

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Félix Lucas Ernst

Félix Lucas Ernst
Félix Lucas Ernst © Liv Thastum

Wie kamst du darauf, dich beim 30. open mike zu bewerben?

In meinem Umfeld am Literaturinstitut Hildesheim ist der Wettbewerb allgemein bekannt.

Erster Satz deines open-mike-Textes?

Ich musste plötzlich daran zurückdenken, wie meine Eltern einst glücklich gewesen waren, oder anders gesagt, wie ich das alles einmal geglaubt hatte.

Wann und wo schreibst du am liebsten?

Wann und wo ich einen Schreibtisch und ein bisschen Ruhe finde.

Und was läuft dazu im Hintergrund?

Nichts.

Wer liest deine Texte zuerst?

Meine liebe Liv.

Was bedeutet Literatur für dich?

Wie in allem hat so ein Begriff viele Zustände, ich sehe mich nicht in der Lage, alle zusammenzufassen, umso weniger, eine Definition für alle zu schaffen, das entleert den Begriff so sehr, dass man ihn genauso gut in ein Wörterbuch werfen könnte. Zum einen ist da das Lesen, Schreiben und Vortragen von Prosa, Lyrik und Essays, wo ich den Begriff Literatur sehr egoistisch besetze und ihn auf das beziehe, was ich in meiner eigenen Produktion oder Praxis erlebe. Ich glaube, Literatur kann aber auch von dem »Wort« entkoppelt werden. Musik, Theater oder Schauspiel sind auch Literatur. In diesen Fällen kann ich nur aus der Perspektive des Rezipienten berichten. Eigentlich will ich hier keine Grenzen setzen. Vielleicht ist die Frage nicht so sehr, was Literatur ist, sondern, wie sie ist, wenn. In letzter Zeit, wenn ich schreibe, durchlebe ich ein Phänomen der Erinnerung an die Wörter selbst. Zuletzt hörte ich irgendwo: »Erinnerungen sind für den Körper eine Erfahrung des Durchlebens«. So geht es mir mit geschriebener Sprache. Schreiben (oder wenn man so will »Literatur«), ist ein Durchleben der Wörter als eine Form des Erinnerns, sowie ebenso eine Form der Erkenntnis-Produktion, denn all das bedeutet auch immer eine vorantreibende Erinnerung in und an die Zukunft.

Schon aufgeregt vorm Auftritt? Wie bereitest du dich vor?

Ja. Ich beschäftige mich mit meinem Text, lese ihn laut und bespreche ihn mit Freunden.

Worauf freust du dich am meisten, wenn du an das Wettbewerbswochenende denkst?

Auf den Wellness-Tag danach.

Dein aktueller Buchtipp und warum?

Zuletzt Ficciones von Jorge Luis Borges. Darin haben mich besonders die Erzählungen »Tlön, Uqbar, Orbis Tertius« und »Pierre Menard, Autor des Quijote« beeindruckt. Manche Erzählungen haben mich auch weniger begeistert. Das ist eigentlich Metaliteratur, was Borges da macht, Literatur über Literatur. Philosophische Überlegungen verschwimmen in einer ausgeklügelten, humorvollen, phantastisch-realistischen Literatur, die eigentlich fast so etwas wie eine Hommage an das Schreiben und Lesen ist, an das Sammeln von Wissen und an das, was schreibend vom Papier hinausragt, mit Gedanken spielt, Gedanken knetet, Gedanken hortet. Aktuell lese ich Eine kurze Geschichte der Linie von Tim Ingold und obwohl ich bisher nur die ersten Kapitel gelesen habe, glaube ich, dass es eine sehr einprägsame Lektüre werden könnte. 

Schick uns ein Bild von einem Ort oder Gegenstand, der dich zuletzt zum Schreiben animiert hat.

Félix Lucas Ernst, geboren 1998 in El Escorial, Madrid, studiert Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Er hat in diversen Anthologien und Literaturzeitschriften in Deutschland und in der Schweiz veröffentlicht. Mitwirkender im Podcast-Netzwerk Litradio. Schreibt Prosa-Texte, Lyrik und Essays. Momentan arbeitet er an einer Essay-Reihe und an seinem ersten Roman. Félix Lucas Ernst wurde ausgewählt von Angelika Klammer.