Corinna Krenzer geht mit uns auf die Insel, und zwar in den Inselsommer. Dass da nicht nur heile Welt ist, lässt Lektor Jacob Teich bei der Ankündigung schon durchblitzen.

Leben auf einer deutschen Insel heißt traumhafte Strände, schönes Meer, wundervolle Landschaften – aber nur, wenn man als Tourist:in dorthin fährt. Für die Einwohner:innen der Inselstädte und -dörfer heißt der Sommer vor allem eins: Arbeiten. Da, wo der Tourismus die größte Wirtschaftskraft darstellt, muss innerhalb weniger Monate für das ganze Jahr vorgesorgt werden. Die Jugendlichen schauen dabei schön in die Röhre.

Also kein Strand für uns. Drei langweilige Monate lang. Nur Matsch und Schlick und Felsen, auf denen Seepocken und Algen wucherten und uns nicht weichen würden. Ich hasste den Sommer. Wir überließen ihnen nicht nur die Strände, wir überließen ihnen alles. Die Bars. Die Cafés. Die Straßen. Die Katzenbabys, arme Viecher. Nur die Kirchen wollten sie nicht. Die wollte keiner. 

In Corinna Krenzers Text Inselsommer treten wir an die Seite von Eik, einem Jugendlichen auf der Insel. Es ist Sommer, also die eigentlich beste Jahreszeit, Ferien sogar, aber die Tourist:innen sind einfach überall. Also streift er über die Insel, immer auf der Suche nach Orten, die unbelastet sind, nicht erschlossen, geheim. Doch scheinen ihn die Aktivklamotten tragenden Tourist:innen einfach überallhin zu verfolgen.

Ein Albtraum – wäre da nicht Rieke, die die drögen Sommer für ihn aufhellen. Auch sie kam als Touristin auf die Insel, doch fand sie irgendwie den Weg zu Eik. Die beiden sind ein Paar, zumindest für den Sommer, spätestens jetzt, nachdem sie mal das ganze Jahr blieb. Doch die Schule neigt sich dem Ende zu, es stehen die ersten großen Entscheidungen des jungen Lebens an. Wer wird wie weitermachen? Studieren in Newcastle oder doch eher in der Nähe?

Im typisch nüchternen Ton der deutschen Küste trägt Corinna Krenzer ihren Text vor, führt ruhig durch den Konflikt zwischen Eik und Rieke, nimmt Fahrt auf, wo die beiden leicht aneinandergeraten, wird langsamer, wo es sich entspannt. Der Text schildert die Gespräche zwischen Rieke und Eik in sicheren und nie holzig wirkenden Dialogen. Eiks Ich-Erzählung gibt dazu einen tiefen Einblick in seine Gedankenwelt, in die Abgründe desjenigen, der nicht allein gelassen werden möchte. Zeigt das Hin und Her seiner Gefühle, aber auch seine starke Fixierung auf Rieke, an die er sich fast verzweifelt klammert.

Inselsommer spiegelt in seinem ruhigen Erzählton das Innere der Küstenbewohner:innen, zeigt das Leid der tourismusgeplagten Menschen auf und verknüpft es mit einer Liebe, die wie praktisch jede Teenagerliebe zum Scheitern verurteilt ist. Der Text überzeugt in seiner Darstellung der Intimität und der verzweifelten Gedankenwelt des spätpubertären Eik. Nur beim Inhalt, genauer, bei der Liebesgeschichte selbst, hätte ein wenig mehr Originalität nicht geschadet. Die Kritik am nur wenig nachhaltigen Inseltourismus ist aber ein ebenso zeitgemäßes wie gut gewähltes Thema, die den Text in der Erinnerung der Leser:innen und Hörer:innen halten wird.