Vorletzter Text! Kurz vor Schluss lässt Anuscha Zbikowski in ihrem Text Derivation noch einen neuen Sound im Heimathafen erklingen.

Geronimo ist auf den Straßen von Charlottenburg unterwegs. Es ist grau, es ist schwarz, zu Hause gibt es bestenfalls blöde Kommentare, schlimmstenfalls Prügel vom Vater, die Dealer bieten ihre Ware an, der tägliche Döner wird angepriesen, die Schwester ist und bleibt krank. Doch Geronimo schwebt auf einer eigenen Wolke, und das meint jetzt nicht die Drogen, sondern Geronimo ist verliebt. In Charlotte, ausgerechnet, verrückt nach Charlotte in Charlottenburg, wer soll da nicht verrückt werden.

Geronimo läuft durch Charlottenburg. Die Burg, die Burg, und ich ein Ritter. Charlotte, Charlotte, dich lieb ich und will dich befreien. Geronimo: Kapuze auf, Blick gesenkt, schielend um die Ecke lugen. An der Ecke die Dealer, ein bisschen Stoff-Stoff. Geronimo hat selber.

Atemlos zieht Anuscha Zbikowski in Derivation mit Geronimo durch die Straßen Charlottenburgs. Wie diese winden sich auch seine Gedanken in ungetrimmtem Wildwuchs um alles, was in ihm vorgeht und von außen auf ihn einprasselt. Der Text ist ein vermeintlich ungefilterter Bewusstseinsstrom des jungen Verliebten, ebenso haltlos vorgetragen wie seine Gedanken sich unaufhaltsam immer weiter drehen, wie er fast verzweifelt immer wieder wiederholt, dass er nicht raucht und nicht trinkt, und Charlotte beschwört – Charlotte ganz oben auf dem Thron seiner Imagination.

Lösen wir uns vom Text, fliegen wir hoch über seine Gedanken, zeigt sich eine dunkle Welt, in der Geronimo als junger Mann aus ärmlichem Elternhaus durch das verregnete Charlottenburg läuft. Charlotte ist eine Sexarbeiterin, wirkt kaum volljährig, die sich mit Ku’damm-Zuhältern und in protzigen Ferraris verdingt, um ihr Geld zu machen. Sein aufgeputschter, auf Charlotte fixierter Gedankenstrom erhält dadurch eine Verzweiflung, die traurig macht, aber gleichzeitig auch eine durchaus etwas verschrobene Entschlossenheit, die ihn am Leben hält – und die vielleicht dazu auch nötig ist.

Der wie beschrieben atemlose Stil wird dabei durch expressive Elemente verstärkt. Ständig wiederholt sich Geronimo, wiederholt und spinnt er jeden Gedanken weiter, kommt vom Hölzchen auf’s Stöckchen, schwirrt ab zu den Nachrichten von gestern Abend, zu Charlotte in die Ferraris und dann wieder zurück zu seiner Schwester, schwerkrank im Hospital. Der Titel Derivation deutet auf das Mittel des Weiterspinnens, beschreibt es doch das Kehren eines Worts in einen anderen Zustand, vom Verb zum Adjektiv zum Substantiv etwa.

Derivation hat einen komplett eigenen Sound, lehnt sich an bei Poetry Slam und Performance, steht aber mit seiner literarischen Qualität ganz und gar richtig im Wettbewerb. Auch wenn er sich den Vorwurf gefallen lassen muss, dass der rhythmische Strom von Geronimos Gedanken über die Länge des Textes ein wenig zu repetitiv ist, bleibt er doch mit seiner Einzigartigkeit und dem Mut zu dieser komplett anderen Perspektive auf die unteren Schichten unserer Gesellschaft für sich und überzeugt.