Felix Reinhuber durchquert in seinen Gedichten Räume. Oder eigentlich durchquert er sie nicht, vielmehr ist die Bewegung eine gleitende, und die Zuhörenden gleiten mit ihm. Die Stadt in ihrer Brüchigkeit wird erkundet, dann wieder ein Schwenk unter die Wasseroberfläche, wo Gräser in der Strömung wiegen. Dabei kommen Assoziationen zu Coming-of-Age-Geschichten à la Tschick ebenso auf wie solche unberührter und doch irgendwie versehrter Landschaft. Die große Stärke der ersten Textgruppe liegt darin, dass der Autor verschiedene Bildebenen sprachlich so verknüpft, dass diese sich im Kopf zu einem flimmernden Lentikularbild überblenden:

am bahndamm

der alte blütenstand der bäume,

moose und flechten in den zwischenzonen

verwitterter steine, im wind

                       gräser, gräser

unter wasser, friedlich

bewegt zwischen stellen aus nichtschatten

und schatten: starke, kalte strömung, die

nie aufhört

Die Worte sind über die Seite gestreut, die Bewegung durch den Text dadurch ebenfalls eine fließende. Dem Sprachmaterial nähert sich der Autor fast schon archäologisch an: Begriffe werden freigelegt und erstrahlen, immer irgendwo zwischen Vergangenem und Zukünftigem.

ein wachsendes loch im himmel,

das vieles licht für sich behält, alles

                               ist zu viel, alles

ist verdichtet.

                       nach dem anstieg

die dunklen, reellen erdschollen, der tau

                      auf raps und haut.

hier die parzellierte erde. dort im nebel

noch immer rauschend, raum und zeit . . .

In der Gruppe »fraktalfragmente« wird die Obsession mit dem Sprachlichen dann noch einmal konsequenter betrieben. Hier liegt das Poetische im Detail, es geht um Begriffe, die sich aneinander reiben, miteinander klangliche Symbiosen eingehen. Der Rhythmus pusht die Leser:innen vorwärts, einzelne Worte werden über mehrere Zeilen aufgebrochen, dann wieder mit Klangzwillingen verschweißt. Großartig die mit Schrägstrichen geteilten Begriffe, die die Rezpitient:innen zur Interaktion mit dem Text auffordern. Man kann den Gedichten hier zwar eine stilistische Überfrachtung vorwerfen; zugleich macht es schon Spaß, über diese rhythmisierten Sollbruchstellen zu segeln. 

was uns abgenommen wurde

        tut noch weh. ein lasten

-kran spiegelt sich als schatten

       -boot ohne segel/steuer-

mann sieht schwan: er isst

          sich selbst . . . in, in

In seiner Performance liest Felix Reinhuber seine Texte dann mit großer Ruhe vor, in der sich einerseits eine große Präzision ausdrückt, durch die er es allerdings an manchen Stellen verpasst, die klangliche Dynamik des Geschriebenen zu transportieren. Die Bindestriche, die viele Begriffe zerteilen, werden mitgelesen und erzeugen eine kurze Leerstelle, in der sich das Publikum einnisten kann.

in riffelungen von elektrischem
    in leisem chlorophyll: sono-
gramme der sterne in iteriertem
         geflüster

Zum Ende hin wird es dann noch einmal klassischer, das Spiel mit der Sprache wird weniger manisch betrieben. Die Gedichte, in denen ein lyrisches Ich in den urbanen Raum, auf Pflanzen, Vögel, Dächer zoomt, entwickeln einen angenehmen, meditativen Sog. Die Sammlung endet an einem Sonntagmorgen in Paris, etwas Leichtes liegt in der Luft. Das hier ist ein vielschichtiger Textkorpus, den Felix Reinhuber hoffentlich noch weiterspinnen wird.