Zwei Tage haben sie nun den Texten gelauscht, lange haben sie sich beraten. Nun kommen Zsuzsanna Gahse, Nadja Küchenmeister und Madame Nielsen auf die Bühne, um die Laudationes zu halten und – vor allem – die Preise zu verteilen.

taz-Publikumspreis: Patrick Holzapfel

Den Beginn bei den Preisverleihungen macht heute die taz-Publikumsjury, die dieses Jahr aus drei Personen besteht. Sie danken allen Finalist:innen und bestärken sie darin, ihren Weg genauso weiterzugehen, wie sie es selbst für richtig halten. Und dann kommt der Moment des ersten heute verliehenen Preises. Der taz-Publikumspreis geht an Patrick Holzapfel und seinen Text Gurgelgeräusche.

Nadja Küchenmeister auf Patrick Holzapfel und seinen Text Gurgelgeräusche

Wir sind in einem Raum, in dem ich glaube sagen zu dürfen, alle sind aufgeregt – nicht nur die Lesenden. Wir danken den Lesenden ganz besonders, wir wissen, wie schwer die Aufgabe war, der sie sich gegenübersahen. Und wir waren auch aufgeregt. Es mag Menschen geben, die eine gewisse Freude daran haben, diese sogenannte Macht eingeräumt zu bekommen, drei Preisträgerinnen, drei Preisträger auszuzeichnen – wir gehören nicht dazu. Es mag den Anschein gehabt haben, dass wir immer, wenn wir unten verschwanden, einfach nur dasaßen und Häppchen aßen – und wir haben Häppchen gegessen, sehr viele Häppchen –, aber vor allem haben wir diskutiert und gestritten, freundschaftlich gestritten. Und wir sind der Meinung, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht über Ziellinien laufen. Stattdessen versuchen wir, in Texten ein Versprechen zu sehen und ihnen mit diesen Preisen unser Vertrauen auszusprechen. Überdies haben wir uns entschieden, die drei Preise gleichberechtigt aufzuteilen. Niemand bekommt mehr, niemand bekommt weniger. Ich bedanke mich ganz herzlich bei meinen Mitjurorinnen, der Vorjury und dem Haus für Poesie. 

Den ersten Preisträger verkünde jetzt ich. Wir kommen aus dem G, und wir kehren zum G zurück. G wie Grund und Gedächtnis. Der Mensch in Patrick Holzapfels Text Gurgelgeräusche ist ein System aus Kanälen und Abflüssen, die g-g-spült und g-g-reinigt werden, aber etwas blockiert, etwas bleibt stecken. Und so bleibt dem Protagonisten nichts anderes übrig, als gegen das Verschwinden anzugurgeln, denn solange es in der Gurgel gurgelt, ist Leben. Das Wort selbst wird, wie es bei Patrick Holzapfel heißt, zur Handlung. Es klingt nicht nur wie das, was es bezeichnet, es ermöglicht das, was es bezeichnet. Hier schlucken die Erwachsenen, hier spucken die Kinder, und hier spricht einer, der sich immer als Kind ansah, und der doch schluckt.

Literatur ist Sprache, und aus dem erstickenden Laut in Patrick Holzapfels Etüde in G erwächst ein Klang, dem wir durch Tunnel folgen, Tunnel, die unser Verderben sind. Wir folgen mit angehaltenem Atem, und schlucken. Herzlichen Glückwunsch!

Zsuzsanna Gahse auf Greta Maria Pichler und ihre Gedichte Salzwasser

In Greta Maria Pichlers Breitgedichten steht, wie übrigens in vielen anderen Beiträgen, das Wasser im Mittelpunkt. Wasserbeständigkeit könnte das Losungswort für diesen Zyklus sein. Die Gedichte sind vom Sound her eine Ohrenweide; oft erinnern sie beinahe an Lieder. Und dann die Bilder: vom Wetter, von der Körpersprache, von Katamaranen und, wie Greta Maria Pichler sagt, von möglichen Rettungsversuchen auf hoher See, die man schlecht im Voraus planen kann. Wörtlich zitiert: »Wenn kentern, dann kentern«. Ein gelungenes Seeerlebnis, ein Wagnis, ein Spracherlebnis. Ich gratuliere.

Madame Nielsen auf Alexander Rudolfi und seine Gedichte arber werden

Bevor wir jetzt zum dritten und letzten Preisträger kommen, würden wir gerne noch lobend zwei Autor:innen erwähnen: David Jokschat und Clara Cosima Wolff. (Applaus)

Ich werde nichts verraten, aber auch nicht verbergen, dass wir über die Textsuite von Alexander Rudolfi viel diskutiert haben. Besonders im ersten Teil und am Schluss der Suite ist ein originelles Gespür für Sprache, ist Ton und ist Berg gegenüber Tal, Dorf gegenüber Tankstelle, und das endgültige Schmelzen von Eis, das ins Tal fließt. Und gleichzeitig ist da ein existenzieller Generationswille, sich trotz allem, aus all den Katastrophen der Moderne hinaus ins Offene zu zerspringen – was preiswürdig ist und großes Potenzial beweist.

Doch genau dort, in der Bewegung, geht es auch ganz falsch. Jede Autorin und jeder Autor bedient sich aus der bestehenden Textmasse heraus, das haben wir bei allen hier Lesenden gehört. Und für Rudolfi ist es Paul Celan. Und leider spricht durch alles Celans Todesfuge, doch auch Celan ist nicht sakrosankt, aber dass der Sprung ins Offene genau durch die Schornsteine, durch die unzählige Menschen als Rauch ins offene Nichts verschwunden sind, ist hier geschehen.

Aber bitte, Alexander, du hast so viel Potenzial, lass jetzt Celan ruhen und springe hiermit sogar preisgekrönt hinaus ins Offene!