Rudi Nuss gewann 2016 beim 24. open mike den taz-Publikumspreis mit seinem Text »kurze Szenerie mit Loch.«, in diesem Jahr erschien sein Debütroman Die Realität kommt bei Diaphanes. Wir haben Rudi ein paar Fragen dazu gestellt.


Rudi Nuss: Die Realität kommt

Vorschautext
Längst sind virtuelle Welten genauso real wie die Lebenswelten virtuell. Conny lebt in einer kleinen Küstenstadt, in der sie mit ihren Freunden Nikita und Wolfgang aus angeschwemmtem Müll Drogen destilliert. In der einst marktmächtigsten VR namens Avalon, die längst nicht mehr gewartet wird, lernt sie den großen Vogel Marlo kennen. Zusammen mit ihren Freunden machen sie sich auf, um nach der letzten Kopie der sowjetischen Utopie-VR Arkadi 3 zu suchen, in der das Licht weich und das Leben noch weicher ist – während immer mehr Menschen auf der Suche nach der reinen Wirklichkeit in den tiefen Pools der »Neuen Immersion« verschwinden.
Die Realität kommt ist ein zutiefst gegenwärtiger Roman, der von der Digitalisierung noch jeden Gefühls erzählt, aber auch davon, dass »unter all den Schichten aus Lethargie noch ein Herz schlägt«.


Was schoss dir durch den Kopf, als du dein Debüt zum ersten Mal in den Händen gehalten hast?

»Ok. Und jetzt?«

Beschreibe dein Debüt in drei kurzen Sätzen.

Alles ist leer. Das Internet ist überall. Oh Gott, dort ficken Tiere.

Wie ist die Idee zu deinem ersten Buch entstanden?

Als Kind wanderte ich öfter durch einen Wald nicht weit von dem Plattenbau, in dem ich lebte. Ich genoß die Einsamkeit der Landschaft, in der eine nahezu zerfallene Hütte zwischen Monokulturen stand. Es gab keinen Anhaltspunkt, warum diese Hütte dort war. Mit jedem Schritt knirschte Sand auf den maroden Fußdielen. Ich ging immer wieder in die Hütte und tat so, als gehörte sie mir. Ich tat so, als sei die Hütte ein Haus, das mir gehörte. Ich wartete dort. Ich wusste nicht, worauf. Dass der Lichteinfall durch die Löcher im Dach mir etwas Göttliches offenbarte? Dass ich beim Verlassen eine andere Welt betreten würde? Dass ich beim Blick durch die Fenster im Wald schaurige Wesen entdecken würde, die mir die Liebe hätten geben können, die mir so fehlte? Vielleicht wollte ich auch nur ein Haus haben, weil es mir wie das Wichtigste auf der Welt vorkam: Grund und Boden. Ich ging immer wieder zu dem zerfallenen Haus im Wald und starrte – auf Moos sitzend – aus den Fenstern. Dann fiel eines Tages ein besonders schweres Brett auf meinen Kopf. Seitdem habe ich einen Schaden.

Wie nimmst du rückblickend die Zeit zwischen deiner Teilnahme am open mike und der Veröffentlichung deines Debüts wahr?

Gammelig. Schimmelig. Ekelerregend. Abstoßend. Etwas pervers.

Was gefällt dir am besten am Schreiben? Und was findest du am unangenehmsten?

Alles am Schreiben ist ganz großartig und unbeschwert.

Welche anderen Künstler*innen prägen dein Schreiben?

Irgendwo zwischen Maggie Nelson und J.G. Ballard habe ich mir eine Hütte gebaut mit Breitbandanschluss.

Welche Songs würde man auf dem Soundtrack zu deinem Debüt finden?

Oneothrix Point Never – Lost But Never Alone
Vladimir Cosma – Reality
Amnesia Scanner – AS Crust
Jerry Martin – Mall Rat (The Sims)
Bladde, Ecco2k – Girls just want to have fun
Car Seat Headrest – Nervous Young Inhumans
etc.


Rudi Nuss, geboren 1994 in Berlin, studierte Literaturen in ebenda. Seine Familie hat den größten Teil ihres Lebens an einem der größten und schönsten Atomkraftwerke Russlands gelebt. Beim 24. open mike erhielt er den taz-Publikumspreis und 2020 das Literaturstipendium des Berliner Senats. Als Redakteur ist er bei Die Epilog – Zeitschrift zur Gegenwartskultur tätig. Die Realität kommt ist sein erster Roman.