Simoné Goldschmidt-Lechner trat 2020 mit ihrem Text »Ermutterung« beim 28. open mike an. In diesem Jahr erschien ihr Debütroman Messer, Zungen bei Matthes & Seitz. Wir haben sgl ein paar Fragen dazu gestellt.


Vorschautext
Radikal, formstark und ungemein zärtlich nähert sich sgl in ihrem Romandebüt den Leerstellen der eigenen Familienbiografie

Wie schnell manche Leben vergessen werden, und wie viele Generationen sie dennoch in den Körpern derjenigen eingeschrieben bleiben, die nach ihnen kommen, spürt Mädchen am eigenen Leib. Sie merkt es an den Blicken, die sie streifen, an Bruder, der die Muttersprache nicht akzentfrei spricht, an den Büchern, in denen sie vergebens nach ihr gleichenden Figuren sucht. Aber alle Vergleiche müssen zwangsläufig scheitern, fehlt Mädchen doch bis auf wenige fragmentarische Erinnerungen das Wissen über ihre Ahnen, die weder in der offiziellen noch der familiären Geschichtsschreibung vorkommen. Aus losen Fäden, Vergangenheitsbruchstücken und Mythen beginnt daher das Alter Ego der Autorin, sich den eigenen Stammbaum mit einer der Wirklichkeit in nichts nachstehenden Radikalität zu gestalten. Seine weit verzweigten, vielblättrigen Äste reichen von der Cape-Coloured-Community in Südafrika über den Atlantik bis ins Deutschland der Gegenwart und räumen erstmals auch jenen einen Platz ein, denen eine Geschichte und Stimme bisher verweigert wurden. Gemeinsam mit Mädchen stellen sie in Simoné Goldschmidt-Lechners Debütroman Messer, Zungen nun laut die Frage nach Herkunft und »Heimat« und danach, welche Geschichten es braucht, um dem Vergessen zu entrinnen.


Was schoss dir durch den Kopf, als du dein Debüt zum ersten Mal in den Händen gehalten hast? 

Ich hielt das Buch in einer schwierigen Zeit in meinen Händen, alle sieben Jahre treffe ich schwierige Menschen, wie es scheint, und nun erneut eine Person, die an meiner (inneren) Zerstörung interessiert war. Also war es ein Moment von »Ah, das habe ich auch geschafft«; es gibt diesen Lichtblick inmitten von Zerstörung.

Beschreibe dein Buch in drei kurzen Sätzen. Wie ist die Idee zu deinem ersten Buch entstanden?

Eine intergenerationale Familienmythologie, aber keine Familiengeschichte zwischen Deutschland und Südafrika, ein mehrsprachiger (Alb)traum aus losen Fragmenten. Kein leichter Lesestoff, wird mir gesagt, auf jeden Fall ungewohnt.
Tatsächlich ist dieses Buch eher aus einer Notwendigkeit heraus entstanden, alles zu notieren und in Worte zu fassen. Die Idee ist also kein Zusammenspiel aus Gedanken, sondern mehr Affekt oder Gefühl. Trotzdem Fiktion, manchmal auch autofiktional.

Wie nimmst du rückblickend die Zeit zwischen deiner Teilnahme am open mike und der Veröffentlichung deines Debüts wahr?

Es ging unglaublich schnell und ich bin allen sehr, sehr dankbar.

Was gefällt dir am besten am Schreiben? Und was findest du am unangenehmsten?

Die Flexibilität und die endlosen Möglichkeiten, und die Flexibilität und die endlosen Möglichkeiten.

Welche anderen Künstler*innen prägen dein Schreiben?

Viele englischsprachige Autor*innen, zu viele, um sie hier zu nennen, Philosoph*innen (und auch Autor*innen) wie Lorde, hooks, Ahmed. Ich höre Musik, momentan aber unter Vorbehalt, denn die eingangs beschriebene Sache drehte sich um einen Musiker. Mamma Andersson mag ich, und die Taika Waititis Serien.

Welche Songs würde man auf dem Soundtrack zu deinem Debüt finden?

I grow tired but dare not fall asleep – Ghostpoet
Den atlantischen Ozean
&
Teile des Pazifiks


Simoné Goldschmidt-Lechner (sgl) schreibt, übersetzt, macht Podcasts, beschäftigt sich mit (queeren) Fankulturen im Netz, Horror aus postmigrantischer Perspektive, Sprache in Videospielen und gibt Workshops zu sozialpolitischen Themen. Sie war Finalistin beim open mike 2020, Stipendiatin der LCB-Autor:innenwerkstatt und im stART.up-Programm der Claussen-Simon-Stiftung sowie Teilnehmerin am Schreiblabor »Vergangenheit vorhersagen« mit Luna Ali am Schauspielhaus Düsseldorf.