Zarah Weiss trat 2019 mit ihrem Text »Gold’ne Kette, gold’ner Schuh« beim 27. open mike an. In diesem Jahr erschien ihr Debüt, der Erzählungsband Blasse Tage, bei Edition exil. Wir haben Zarah ein paar Fragen dazu gestellt.


Zarah Weiss: Blasse Tage

Vorschautext
Von Kindern auf Bauernhöfen, von verlorenen Schwestern, von Tabus, von Menschen in rasenden Zügen, vom Spalt, vom großen Damm, von Nasenkorrekturen und Ahornsirupkuchen, vom Balkon als Beobachtungsposten, vom Vergessen, vom Spurensuchen und von Gewalt an Frauen erzählt dieses Buch. In klarer, fein geführter, poetischer Sprache deckt Zarah Weiss auf, was unter der Oberfläche liegt.


Was schoss dir durch den Kopf, als du dein Debüt zum ersten Mal in den Händen gehalten hast?

Wie anders all die Worte gedruckt aussehen!
Durch eine Verzögerung hatte ich das Buch tatsächlich erst am Abend der Buchpremiere in der Hand, eine Viertelstunde bevor die Veranstaltung begann. Ich habe spontan einen Text direkt aus dem Buch gelesen – und es also mit den anderen gemeinsam entdeckt; das war ein schöner Moment.

Beschreibe dein Debüt in drei kurzen Sätzen.

Blasse Tage vereint verschiedene Kurzgeschichten, die alle wirken wie das Spähen durch ein Schlüsselloch. Die Figuren scheinen nur zu beobachten – ohne zu merken, dass sie längst selbst Teil der Geschichte sind, die sie erzählen. Es geht um ein Einordnen der Welt, darum, sich selbst zu verorten. 

Wie ist die Idee zu deinem ersten Buch entstanden?

Die meisten der Texte sind unabhängig voneinander entstanden, jede der Geschichten hat sich mir irgendwann einmal aufgedrängt – oft nur als Gedankenfetzen im Notizbuch, als Beobachtung. Über die Arbeit an den Texten mit der Verlegerin Christa Stippinger ist dann von ihr die Idee zu einem Kurzgeschichtenband gekommen. 

Wie nimmst du rückblickend die Zeit zwischen deiner Teilnahme am open mike und der Veröffentlichung deines Debüts wahr?

Der open mike hat mir Mut gemacht – seitdem reiche ich meine Texte mehr ein, mache mehr Lesungen, tausche mich mehr mit anderen Schreibenden aus. Was schon immer ein Teil von mir war, traue ich mich nun Stück für Stück in die Welt zu bringen. 

Was gefällt dir am besten am Schreiben? Und was findest du am unangenehmsten?

Am besten: so sehr in den Text eintauchen, dass ich nichts anderes mehr wahrnehme, und dann verwirrt und orientierungslos wieder auftauchen. Am unangenehmsten: Wenn die Geschichte mir davonläuft und ich mich auf der Jagd nach ihr nicht mehr zurechtfinde.

Welche anderen Künstler*innen prägen dein Schreiben?

Fürs Schreiben greife ich immer wieder auf Bluets von Maggie Nelson und die Briefe an einen jungen Dichter von Rainer Maria Rilke zurück – meist reicht ein kurzer Absatz und ich fühle mich gleichzeitig geerdet und inspiriert. Außerdem, wieder und wieder: Toni Morrison, Anton Tschechow, Stefan Zweig und derzeitig Mieko Kawakami. Und Sophie Calle!
Eine aktuelle Empfehlung: Ganna Gnedkovas Gedichte! Ihr Debüt erscheint nächstes Jahr.

Welche Songs würde man auf dem Soundtrack zu deinem Debüt finden?

Sharon van Etten – Afraid of Nothing
Bedouine – Dusty Eyes
Soap&Skin – Italy 
Dire Straits – Private Investigations
Nancy Sinatra – Sugar Town
Sophie Hunger – There is Still Pain Left
Laufey – Questions for the Universe


Zarah Weiss, geboren 1992 in Düsseldorf und aufgewachsen auf dem Land am Niederrhein, schreibt, seit sie sich erinnern kann. Nach Stationen in Leipzig und Kopenhagen (Philosophie, Kultur und Film) kam sie 2015 zum Literaturstudium nach Wien und ließ sich von der Stadt weit über das Studium hinaus in den Bann ziehen. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. 2017 Preisträgerin der LitArena St. Pölten, 2018 Stipendiatin der Werkstatt Prosa Graz, 2019 Finalistin beim 27. open mike Berlin, 2021 Arbeitsstipendium Literatur Wien und Exil-Literaturpreis, 2022 Startstipendium des BMKÖS, Projektstipendium Literatur der Stadt Wien und Theodor Körner Preis.