Madame Modeste heißt eigentlich anders. Seit 2004 betreibt die Berliner Juristin unter diesem Pseudonym ein literarisches Blog.Warum sie froh ist, nicht Teil des Literaturbetriebs zu sein, und wie sie sich Altwerden mit dem eigenen Blog vorstellt – Theresa Schmidt hat mit ihr darüber gesprochen.

Literatur im Netz II : Online alt werden

 

open mike blog: Du bist Juristin und du betreibst seit über zehn Jahren ein literarisches Blog. Vom Literaturbetrieb scheinst du dich jedoch fernzuhalten …

Melancholie Modeste: Das ist keine bewusste Entscheidung. Ich bin sehr gern Juristin und das ist etwas, das auch hochgradig textbasiert ist: Der Jurist lebt von Buchstaben und alles hat mit geschriebenen und gesprochenen Worten zu tun. Man formt Realität aus 26 Buchstaben. Ich habe auch mal überlegt, beruflich zu schreiben, aber das kommt meinem Temperament nicht entgegen. Ich mag den Betrieb in Büros, ich mag die klingelnden Telefone und ich mag die Atmosphäre von dringend!, wichtig!, aber jetzt, hopp! Deswegen bedauere ich unter keinen Umständen, nicht hauptberuflich literarische Texte zu schreiben. Ich habe solche Texte immer geschrieben, aber es wäre niemals der Schwerpunkt meines Lebens.

open mike blog: Es gibt sie also, die berühmten Manuskripte in der Schublade. Was, wenn da nun jemand käme und ein Buch daraus machen wollte?

Melancholie Modeste: Natürlich würde ich gerne einmal einen der langen Texte, die ich geschrieben

Madame Modestes Blick auf Berlin.

Madame Modestes Blick auf Berlin.

habe, bis in die Buchform vorantreiben. Das ist aber auch eine Zeitfrage. Ich arbeite mehr als vierzig Stunden, dann lernt mein Sohn Fahrrad fahren, meine beste Freundin verliebt sich, meine Mutter wird 70 – alles in allem ist das immer ein bisschen zu viel Leben für 24 Stunden. Aber irgendwann schreibe ich noch mal so ein Ding fertig und kümmere mich um einen Agenten oder einen Verlag oder beides. Wenn ich mir aussuchen könnte, wie ein Buch wäre, das ich schreiben möchte, dann wäre das wahrscheinlich so etwas wie die Unterhaltungsliteratur der 20er. Im Berlin der Gegenwart.

open mike blog: In deinem Blog aber geht es um deinen Alltag, deine Sicht auf die Welt und alles, was dich bewegt, und das schon seit über zehn Jahren. Was macht für dich, im Gegensatz zum tatsächlichen Autorendasein, gegen das du dich bewusst entschieden hast, den Reiz dieses Schreibens im Netz aus?

Melancholie Modeste: Das ist eigentlich ein doppelter: Zum einen ist es einfach die Freude am Schreiben und am Formulieren. Zum anderen ist es das Festhalten und der Wunsch, mein Leben zu dokumentieren, es auszuschmücken, es weiterzuerzählen. Über die Jahre hinweg hat es natürlich auch einen nostalgischen Reiz bekommen. Es ist ein bisschen, als würde man in alten Fotoalben blättern. Manchmal guck ich auch einfach nach: Wann habe ich noch mal diesen Flug verpasst? Wann war das noch mal mit der Lesung zu Thema Essen?

open mike blog: Wobei Fotoalben bekanntlich eher im eigenen Wohnzimmer stehen. Du hast entschieden, sie für alle Welt zugänglich zu machen – und schreibst anonym. Wie kam es zu dieser Entscheidung und wie verhilft dir die Anonymität womöglich zu der Authentizität, die deine Leser so schätzen?

Melancholie Modeste: Ursprünglich wegen meiner Familie. Ich wollte damals über meine Familie schreiben können, ohne dass sofort jemand anruft und sagt: „Ja, sage mal, das tut der Tante Hedi doch weh!“ oder „War das wirklich 1982?“. Das möchte man nicht. Dazu kommt: Ich jammere ganz gern. Man hat sonst relativ wenig Gelegenheit zu Jammern. Facebook ist eine große Jubelmaschine, da muss man eigentlich die ganze Zeit gut gelaunt sein und wenn man Leute auf der Straße trifft, sagt ja auch keiner „mir geht’s ziemlich fies“. Auf seinem Blog kann man schön jammern. Aber auch wirklich dick aufgetragen, wochenlang, so lange, bis Leute einem Schokolade schicken. Super! Anonym jammert es sich einfach besser. Und irgendwann wurde mir dann natürlich klar, dass es auch beruflich gut ist, man zensiert sich nicht so. Und drittens: Ich schreibe auch über mein Kind und möchte nicht, dass ihm in den Jahren, in denen Eltern ohnehin peinlich sind, noch das Blog seiner Mutter hinzukommt. Ich werde ihm die Existenz des Blogs auch so lange verschweigen, wie es geht.

open mike blog: Fehlt dir die öffentliche Anerkennung für deinen Namen nicht manchmal?

Melancholie Modeste: Nein. Ich bin beruflich sehr aktiv und da bekomme ich ausreichend viel Anerkennung, dass mir das nicht fehlt. Außerdem bin ich mit meiner Blogfigur auch so verwachsen, dass ich mich bei einem Lob für die gute Modeste auch geschmeichelt fühle.

open mike blog: Wie wird man als anonyme Schreiberin zu einer festen Größe in der Blogosphäre und wie lebt es sich da?

Melancholie Modeste: Die Berliner Blogosphäre kennt sich sehr gut. Spätestens seit den Lesungen der 90er, seit den Blogmichs und re:publicas kennt wirklich jeder jeden und jeder zweite ist miteinander verheiratet. Und schon deswegen ist es eine ganz löcherige Anonymität, aber damit lebe ich ganz gut. Den ersten Kontakt hatte ich auf Veranstaltung in der Volksbühne, die Don Alphonso organisiert hatte. Damals hatte ich selbst noch gar kein eigenes Blog, aber es waren lauter Leute da, deren Blogs ich gelesen hatte. Mit einigen bin ich bis heute befreundet. Dann gab es immer wieder Blogtreffen, wir haben Veranstaltungen organisiert, auch am Rande der Buchmesse, und irgendwann kennt man sich.

open mike blog: … genau, wie du deine Leser kennenlernst. Wie muss man sich diesen Kontakt vorstellen?

Melancholie Modeste: Ich kenne natürlich nur die, die den Kontakt suchen. Das ist ganz bunt: Eine ganze Reihe von Mails bekomme ich tatsächlich im Hinblick auf Service-Fragen: „Ihr wart doch in diesem Super-Hotel auf Zypern. Wie habt ihr gebucht, wie waren die Zimmer, gibt’s da glutenfreies Essen?“ Dann bekomme ich ab und zu auch Fragen nach Sponsorings, aber das mache ich nicht, weil mich die Produkte nicht ansprechen. Wenn ich Bücher bekäme, die mich interessieren, dann würde ich nicht ausschließen, darüber zu schreiben. Das ist allerdings ein bisschen schwierig bei Leuten, die man kennt, weil ich nicht unbefangen schreiben würde. Aber es ist auch nicht wirklich mein Metier. Ansonsten antworte ich auf Kommentare eigentlich immer, wenn mir eine Antwort einfällt. Manchmal würde ich mir mehr Kommentare wünschen, insbesondere dann, wenn ich einen Text für durchaus kontrovers halte, keiner etwas dazu sagt, ich aber dann merke, dass er über nichtverfolgbare Links viel verlinkt wird.

open mike blog: Attribute, die mit deinem Blog in Verbindung gebracht werden sind „warmherzig“, „ehrlich“, „authentisch“, „literarisch“. Was magst du an autobiografischen Blogs und wie sieht die Zukunft von modeste.me aus?

Melancholie Modeste: Ich mag an solchen Blogs, dass sie einem über die Jahre nichts vormachen können. Ein Blog, das Leute zehn Jahre haben, das ist genau wie die. Vielleicht abzüglich der beruflichen Existenz, aber selbst die taucht ja in irgendeiner Form immer wieder auf. Ich finde auch die Vorstellung toll, dass die Leute in ihren Blogs immer älter werden. Aus den Blogs von jungen Leuten mit ihren WGs und ihren Geldproblemen und ihrem ständigen „Lieb ich den A oder lieb ich den B oder lieb ich sie beide“ werden irgendwann Blogs von Leuten, die alt sind und ihre Blogs aus dem Krankenbett heraus mit ihren Augen steuern – großartige Vorstellung! An sich plane ich das auch solange weiter zu machen, ich finde das großartig, ich kann mir für Leute, die alt sind, eigentlich nichts Tolleres vorstellen, als eine Onlineexistenz. Wir werden mit 86 alle hochgradig onlineaffin sein und das ist dann ja wirklich die Zeit, in der man sehr davon profitiert, irgendwas zu machen, das einem Freude macht. Natürlich werde ich dann ins Internet wüten, weil das Essen im Altenheim nicht schmeckt!

 

Melancholie Modeste ist 40, kommt aus Süddeutschland und arbeitet als Juristin in Berlin. Das erste Blog hat sie 2004 ins Leben gerufen und bloggt seitdem regelmäßig über ihren Alltag – insbesondere, wenn es etwas zu prokrastinieren gibt. 2014 wurde modeste.me von der Deutschen Welle als bestes deutschsprachiges Blog ausgezeichnet.