Auch im Sommer 2016 erscheinen wieder viele spannende Prosa- und Lyrikdebüts. Einige von ihnen stellen wir in den kommenden Wochen vor. Den Autoren haben wir ein paar Fragen zur Literatur und Person gestellt.
Heute: Isabelle Lehn


Erster Satz (des Buches)?

»Der Lauf einer Waffe ist auf meinen Kopf gerichtet.«

Was bedeutet literarische Tradition für Sie?
So etwas wie Kompost, Humus. Zum Teil schon verrottet, in seiner Zusammensetzung und seinen Bestandteilen nicht immer eindeutig identifizierbar. Aber ohne ihn wächst halt nichts.

Ist Literatur essentiell?
Siehe oben. Literatur entsteht aus Literatur. Ohne Lesen kein Schreiben, ohne Schreiben kein Lesen, und ohne beides habe ich zwar keinen Hunger, bin aber ähnlich schlecht gelaunt.

Ihr Motto?
Ich habe die Dinge manchmal ein bisschen zu gern im Griff. Das kann sehr anstrengend und auch enttäuschend sein, zumal die Dinge sich oft als viel klüger erweisen, wenn ich sie einfach mal machen lasse. Also übe ich mich in rheinischer Gelassenheit, die mir trotz meiner Herkunft eher fremd ist – so ähnlich wie Zen-Buddhismus, nur in einer sehr exotischen Sprache: Et kütt wie et kütt und et hätt noch emmer joot jejange.

Was wäre für Sie das größte Unglück?
Unfreiheit.

Was möchten Sie sein?
Gegenwärtig.

Wem erzählen Sie Ihre Geschichte?
In erster Linie mir selber. Nur wenn ich selbst etwas herausfinden oder begreifen will, auf etwas neugierig bin und einen Antrieb habe, mich mit einer Geschichte auseinanderzusetzen, kann ich auch etwas schreiben, das andere interessiert. Ich hab’s auch schon mit Servicedienstleistungen an den Leser probiert, Gefälligkeiten, von denen ich dachte, dass ich sie irgendwem schuldig bin. Aber daraus ist noch nie etwas entstanden, das jemand lesen wollte.

Was soll man nach der Lektüre (Ihres Buches) machen?
Sich kurz schütteln und fragen, was das jetzt war. Und es dann gleich noch einmal lesen.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?
Freudig gespannt.


Aladdin betreibt das Café am Dorfausgang, aber er hat nur einen einzigen Gast. Konvois und Soldaten sind in den staubigen Straßen, die Häuser haben keine Schlösser, und Aladdin ist schon mehrere Male gestorben.
Aladdin heißt eigentlich Albert und ist Statist in einem bayerischen Trainingscamp für Afghanistansoldaten. Aber ist Albert nicht eigentlich Aladdin? Albert wird sich immer unsicherer und schon bald ist nicht mehr klar, was Spiel ist und was Ernst –die afghanische Ehefrau, die Blendgranaten, der Sack über dem Kopf?
Isabelle Lehn lässt uns in BINDE ZWEI VÖGEL ZUSAMMEN die Verunsicherung durch Medien und Weltgeschehen spüren. Und vielleicht sind wir alle irgendwie Albert, im deutschen Niemandsland zwischen Krieg und Inszenierung.

Isabelle Lehn wurde 1979 in Bonn geboren und lebt in Leipzig. Sie studierte in Tübingen und Leicester Allgemeine Rhetorik, Ethnologie und Erziehungswissenschaft mit Arbeitsschwerpunkten zu Propagandaforschung, Massenkommunikation und Medienwirkungen und wurde 2011 im Fach Rhetorik promoviert. Parallel zur Promotion absolvierte sie ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, wo sie nach Lehraufträgen und Gastdozenturen seit Februar 2013 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Literarische Schreibprozesse“ arbeitet. Ihre Erzählungen und Essays wurden in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht, u.a. in Bella Triste, Edit, Sinn und Form, Am Erker, neue deutsche literatur (ndl) oder der US-Zeitschrift Words Without Borders.