Der Fall Brunnenkind, Teil 1

Wie immer wetterte und weilte es, wie immer verliefen die Straßen und standen die Häuser und überall passierte was. Die Hauptstraße erstreckte sich und kurvte herum und ging in einen Weg über, der Weg schlängelte sich hinauf und wand sich hinab und verschmälerte sich zu einem Pfad, der in einen Fluss mündete, von dem ein Bach abzweigte, der zu einem Rinnsal verkümmerte, das in eine Höhle tropfte, wo das Wasser in Risse und Poren sickerte, tiefer von Schicht zu Schicht, bis es angestaut wieder nach oben quoll, durchs Gestein hindurch an die Oberfläche, von der sein Dunst in den Wind aufstieg und weiterflog mit Teilchen und Tierchen in gerichteten, ungerichteten Strömungen über Land und See.

Irgendwann bildeten sich dann irgendwo Wolken und ein Blitz schlug ein, bei Nacht und Nebel, im Moor, am Strand, auf dem Reisfeld, auf dem Ölfeld, ein Blitz schlug ein und beendete einen gerade erst vereinbarten Waffenstillstand.

Ringsum ging es ähnlich zu. Weltweit vollzog und entwickelte sich was, weltweit ergab sich eins aus dem andern und hing dann zusammen, wurde nur nicht bemerkt oder erst später oder nie. Die Zusammenhänge bestanden trotzdem. Wie Freundschaften, von denen niemand wusste.

Weltweit knackten die Dinge unter Spannung, Böden, Eisberge, Knochen, Leitungen, weltweit brach und bröckelte und sackte was ab, gab nach langem Halten plötzlich nach. Es trug sich was zu. Es ereignete sich was. Die Ermüdung des Materials, die Trägheit der Materie, der Substanz. Überall erschlaffte das Gewebe, auch an uns. Eine, die wir persönlich kannten, trat sich auf die eigene Haut, ein anderer, der eigentlich noch straff war, stülpte sich teilweise nach außen. Wir kriegten so einiges mit. Wir erfuhren so manches. Was um uns herum geschah und was uns selbst bevorstand.

Anderntags war es dasselbe, andernjahrs das gleiche, doch zwischendurch, als wir gerade beisammensaßen, erzählte uns eine Freundin, eine Neurologin und Soziologin, von einer Studie über die Ermüdung des Geistes, über die Trägheit der Seele, des Gespensts. Sie war auch Hausfrau und Medium. In ihrer Kristallkugel zeigte sie uns eine Animation der globalen Gehirnaktivität: Wir konnten in Farben, Zahlen und Formen sehen, wie sich auf den verschiedenen Kontinenten, in den verschiedenen Ländern Gehirne bildeten oder zurückbildeten und sogar wie sich bei uns in der Nachbarschaft, bei uns im Haus, in den einzelnen Köpfen etwas tat. Wir sahen in Echtzeit, wie Geist und Seele, wenn da oben im Stübchen das Licht ausging, plötzlich rausrutschten und zu spuken begannen; aber auch umgekehrt: wie Geist und Seele im angehenden Licht plötzlich sichtbar wurden. Das war sehr anschaulich, allerdings unverständlich. Unsere Freundin erklärte, die Animation wirke viel komplexer, als der Prozess in Wirklichkeit sei, doch den wirklichen Prozess könne der Mensch nun mal nicht wahrnehmen.

„Weil er übersinnlich ist“, sagten wir.

„Eben nicht“, sagte sie. Es gebe nichts Über- oder Unter- oder Außersinnliches, alles, was existiere, sei sinnlich wahrnehmbar oder, genauso schlecht ausgedrückt, erfahrbar, erfassbar, empfangbar, wenn auch nicht mit den menschlichen Sinnen. Deshalb versuchten Forscherinnen wie sie, die nötigen Sensoren technisch oder, genauso gut ausgedrückt, künstlich herzustellen. Zum Teil sei das ja schon gelungen. Sinne, die früher unbekannt gewesen seien, seien heute dank Geräten bekannt, die das menschlich Unwahrnehmbare erstens empfangen und es zweitens ins menschlich Wahrnehmbare umwandeln könnten. Manchmal verstärkten die Geräte auch nur Impulse, für die der Mensch zu schwachsinnig sei, manchmal handele es sich aber um eine echte Umwandlung, und daraus könnten Forscher wie sie dann auf einen neuen, unmenschlichen Sinn schließen, zum Beispiel auf den einer bestimmten Tierart, oder noch besser: auf einen Sinn, den nach aktuellem Kenntnisstand gar kein Organismus besitze. Solche Entdeckungen würden meist zufällig gemacht, denn es sei schwer, nach etwas zu suchen, wovon man nichts wisse, es sei sauschwer, sich eine Wahrnehmung theoretisch vorzustellen, die man praktisch nicht habe. Sie persönlich glaube aber, dass jeder Sinn und jede Wahrnehmung, die sich mit unseren beschränkten Hirnen erdenken ließen, auch wirklich existierten, dass wir sie allenfalls nur nicht nachweisen könnten.

In der Kristallkugel, im Kopf unserer Freundin, blitzte es auf.

„Da! Elektrische Impulse! Die Neuronen fliegen Richtung Erkenntnis!“

Sie bat uns, ihr die Hände zu reichen und einen Stromkreis zu bilden.

„Geist und Seele, wir rufen euch!“

Es donnerte leise.

„Geist und Seele, seid ihr da?“


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Christian Schulteisz, geboren 1985 in Gelnhausen, Autor von Erzählungen und Hörspielen, lebt in Stuttgart. Veröffentlichungen in den Literaturzeitschriften SpritZ, Edit, Am Erker und auf SWR2, BR2, Deutschlandradio. Gewinner beim Ideen-Wettbewerb des Bayerischen Rundfunks 2016. Einladung zu den Schreibwerkstätten des Literarischen Colloquiums Berlin und der Jürgen Ponto-Stiftung. 2017 Arbeitsstipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg. Zurzeit schreibt er an einem Roman über den universal gebildeten Wanderer und Ekstatiker Hans Jürgen von der Wense.