Als erste Kandidatin nach der Pause liest die Lyrikerin Lara Rüter, ausgewählt von Ulf Stolterfoht. Der betont, dass er »ein bisschen neidisch auf ihre Texte« sei und kritisiert in Anbetracht solcher Ergebnisse das »Institutsbashing« – Rüter hat sowohl in Hildesheim als auch in Leipzig studiert. Form- und Strukturbewusstsein verbinde sie mit dem radikal Subjektiven und Eigenständigen, lobt Stolterfoht, bevor er die Bühne freigibt. Ein Gefühl von Dunkelheit senkt sich über das Publikum im Heimathafen Neukölln, als Lara Rüter mit ruhiger, klarer Stimme ihre Gedichte vorträgt.

mein körper hat sich jahrelang vorbereitet zu sterben,
die höchste form von glaubwürdigkeit erreicht.

Körperlichkeit, Zerbrechlichkeit, Tod und nicht zuletzt auch die Sehnsucht nach Freiheit sind die dominierenden Motive in Lara Rüters Gedichten, oft mit starken Bezügen auf die menschliche Anatomie. Da überrascht nicht, dass jeder Vers von düsterer Atmosphäre durchdrungen ist. Rüters Lyrik ist hermetisch und nicht leicht zugänglich; ihre starke Bildsprache drückt Vergänglichkeit und Melancholie aus, möglicherweise auch eine dissoziative Störung des lyrischen Ichs. Aber das mag auch überinterpretiert sein.

als wärn wir auf leben aus, isso

Vor allem das zweiteilige Gedicht »Meningen« verweist stark auf die menschliche Anatomie, in erster Linie auf die Hirnhaut. Ein Motiv, das in »mary shelley’s kniestrumpf« (warum eigentlich mit Apostroph?) wieder aufgegriffen wird. Inhaltlich dreht sich vieles um den Tod, um gefühlsmäßiges Wachkoma und den Versuch zu fliegen, diesem Leben zu entfliehen. Um Vergänglichkeit, Suizid, und eben Frankensteins Monster, der schrecklichen Wiederbelebung eines, nein, gleich mehrerer Toten, anatomischer Bruchstücke über und über.

Darf man überhaupt noch hoffen?

wer sagt
dass du darunter lebst

Dunkelheit, ich höre dich. Lara Rüters metaphernreiche, assoziative Lyrik ist intuitiv und emotional verstehbar. Zumindest für mich – aber ich bin auch eher eine Touristin in der Welt der Lyrik.